. Wundversorgung

Chronische Wunden bleiben Sorgenkind der Pflege

Vier Millionen chronische Wunden ziehen jedes Jahr in Deutschland 30 000 Amputationen und sechs Milliarden Euro Behandlungskosten nach sich. Ein Durchbruch in der Therapie ist bislang nicht in Sicht.
Chronische Wunden

MDI

Die sogenannte "Moderne" Wundversorgung sei inzwischen 50 Jahre alt und werde den wachsenden Herausforderungen in der Wundtherapie nicht mehr gerecht, beklagten Ärzte und Pfleger auf dem Pflege Kongress Ende Januar in Berlin. Für viele Betroffene bedeute die Erkrankung zudem erhebliche Einbussen in der Lebensqualität und soziale Isolation. "Es gibt zahlreiche Studien, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen chronischen Wunden und Depressionen belegen", betonte die pflegerische Expertin für Wundversorgung Kerstin Protz aus Hamburg. "Und die Amputation bedeutet für viele Patienten dann das Aus." Neue Behandlungsoptionen für Menschen mit chronischen Wunden seien daher dringend geboten, so die Experten einstimmig auf dem Kongress.

Chronische Wunden: Therapien

Neue Therapieansätze sind zwar in Sicht, doch die meisten sind teuer und bleiben spezialisierten Zentren vorbehalten. Dazu zählen etwa die neue Vakuumtherapie VAC-Instill, die Stammzelltherapie und eine neuartige Plasmastrahlbehandlung, die Keime reduzieren und die Wundheilung fördern soll. "Der Nachteil dieser Therapien ist, dass sie für den praktischen Einsatz im ambulanten Bereich nicht geeignet sind", kommentierte die ICW-Wundexpertin Zeynep Babadagi-Hardt, die in Duisburg einen ambulanten Pflegedienst und eine Akademie betreibt. Anders Wachstumsfaktoren und ein Hämoglobin-Spray: Beide Präparate präsentieren eine neue Generation in der Wundtherapie - und können von Pflegdiensten angewendet werden. Jedoch sei eine Tube Wachstumsfaktoren mit knapp 1 000 Euro extrem teuer und werde nur in wenigen Fällen von den Kassen erstattet, gab Hardt zu bedenken. Ein in Mexiko zugelassener Hämoglobin-Spray, der den Wunden den zur Wundheilung benötigten Sauerstoff zuführt, kommt demnächst auch in Deutschland auf den Markt. "Mit wenigen Euro pro Behandlung wäre dieses Produkt tatsächlich bezahlbar", kommentierte Hardt den Spray. "In Sachen Wirksamkeit bin ich gespannt, ob die vielversprechenden Ergebnisse aus Mexiko bestätigt werden können".

Zusammenarbeit zwischen allen Fachgruppen erforderlich

Der Diabetesexperte Dr. Alexander Risse vom Diabeteszentrum am Klinikum Dortmund verwies unterdessen auf die besondere Problematik beim Diabetischen Fusssyndrom (DFS). Dieses verursacht - neben Unterschenkelgeschwüren (Ulcus cruris) und Dekubitus - einen Grossteil der chronischen Wunden. "Noch immer werden Zehen, Füsse oder ganz Beine amputiert, weil Ärzte die Neuropathie verkennen und fälschlicherweise eine okklusive Mikroangiopathie diagnostizieren", sagte Risse. Zur Behebung dieser Schwierigkeiten sei eine intensivere und vor allem strukturierte Zusammenarbeit zwischen allen Fachgruppen erforderlich. Dieses Ziel will Risse zusammen mit anderen Experten durch den Aufbau eines bundesweiten Registers "Diabetisches Fusssyndrom" erreichen. Von dem deutschlandweiten DFS-Register versprechen sich Risse und seine Mitstreiter ähnliche Erfolge wie sie die Fussnetze in Nordrhein erzielen konnten. Dort haben die seit Jahren etablierten Fussnetzwerke und die daran geknüpften IV-Verträge einen echten Qualitätssprung bewirkt: Die Majoramputationsraten sind von über zehn auf unter zwei Prozent zurückgegangen.

Hauptkategorie: Pflege
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Chronische Wunden , Wundversorgung , Pflegebedingungen , Pflege

Weitere Nachrichten zum Thema Chronische Wunden

| 400.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an einem Dekubitus. Die chronischen Wunden sind oft schwer zu therapieren. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe „InflammAging“ will Abhilfe schaffen und sucht nach neuen Therapien.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Für Menschen mit Behinderung sind Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe nach wie vor nicht selbstverständlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Ulla Schmidt, MdB und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, darüber gesprochen, was getan werden muss, um die Situation von Betroffenen zu verbessern.
Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
Die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Homöopathie sind verhärtet. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Homöopathie-Kritikerin Dr. med. Natalie Grams über wissenschaftliche Prinzipien und den verbreiteten Wunsch nach medizinischen Alternativen gesprochen.