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16.04.2019

Chronische Nierenkrankheit: Mit SGLT2-Hemmern lässt sich die Dialyse hinauszögern

SGLT2-Hemmer können das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit verlangsamen und damit die Dialyse hinauszögern. Das zeigt die aktuelle CREDENCE-Studie. Die neue Therapie gilt als Meilenstein für Nierenkranke.
SGLT2-Hemmer, chronische Nierenkrankheit, Dialyse

Später an die Dialyse: SGLT2-Hemmer sind eine vielversprechende neue Therapieoption bei chronischer Nierenkrankheit

Seit Jahren wird nach neuen Therapien gesucht, um das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit („chronic kidney disease“/CKD) zu verlangsamen und Betroffenen ein möglichst langes Leben ohne Dialyse zu ermöglichen. Mit sogenannten SGLT2-Hemmern scheint jetzt ein Meilenstein erreicht worden zu sein.

Die aktuell auf dem Welt-Nierenkongress in Melbourne vorgesellte CREDENCE-Studie wurde sogar vorzeitig abgebrochen, weil sich bereits vor dem geplanten Studienende eine signifikante Überlegenheit des Prüfmedikaments Canagliflozin abzeichnete. Der SGLT2-Hemmer ist zusätzlich zur Standardtherapie mit RAAS-Inhibitoren offenbar in der Lage, das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit („chronic kidney disease“/CKD) wirksam aufzuhalten und führt signifikant seltener zu einer Dialyse.

Chronische Nierenkrankheit signifikant verlangsamt

„Seit Jahrzehnten trat die Forschung auf der Stelle und verschiedene Substanzen, mit denen man die Progredienz der chronischen Nierenkrankheit aufzuhalten hoffte, versagten spätestens in der dritten Phase der klinischen Prüfung und erwiesen sich als unwirksam oder gar gefährlich“, erklärt Professor Jan C. Galle, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Daher seien die soeben in Melbourne vorgestellten und im „New England Journal of Medicine“ publizierten Daten von so großer Bedeutung.

In der Studie konnte gezeigt werden, dass Canagliflozin, ein SGLT2-Hemmer  zusätzlich zur Standardtherapie (RAAS-Blockade mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern) das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit signifikant verlangsamen kann: Das relative Risiko den renalen Studienendpunkt, bestehend aus Erreichen der Dialysepflichtigkeit, Verdopplung des Serum-Kreatinins oder renaler Tod, bei den untersuchten Patienten zu erreichen, konnte durch das Medikament um etwa ein Drittel (34%) reduziert werden. Auch das Risiko, an Herz- oder Gefäßerkrankungen zu versterben, war bei den mit Canagliflozin behandelten Patienten hochsignifikant geringer.

 

Dialysepatienten haben geringer Lebenserwartung als Darmkrebspatienten

„Dieses Ergebnis stellt einen echten Durchbruch dar“, erklärt Prof. Galle mit Blick auf die etwa 80.000 dialysepflichtigen Patienten in Deutschland. „Die durchschnittliche Lebenserwartung von Dialysepatienten ist geringer als die eines Darmkrebspatienten“, betont Galle.

Da Diabetes-Patienten besonders häufig von einer chronischen Nierenerkrankung betroffen sind, wurden in der CREDENCE-Studie 4.401 Typ-2-Diabetiker mit einer solchen Erkrankung untersucht wurden. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Schnitt 2,62 Jahre. Dann bereits zeigte sich ein signifikanter Vorteil der Medikation im Hinblick auf den renalen Endpunkt wie auch den kombinierten sekundären Endpunkt bestehend aus Sterblichkeit aufgrund von kardiovaskulären Ereignissen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. „Allein die Rate der Patienten, die dialysepflichtig wurden, konnte durch die SGLT2-Hemmung zusätzlich zur Standardtherapie um fast ein Drittel (32%) gesenkt werden, was enorm ist“, kommentiert Prof. Galle.

Wie funktionieren SGLT-2-Hemmer?

SGLT-2-Hemmer sind selektive Hemmer des Natrium-Glukose-Cotransporters-2 (SGLT2; auch „Gliflozine“). Sie hemmen die Glukose-Rückresorption in den Nierentubuli, was zur verstärkten Ausscheidung von Glucose mit dem Urin führt; der Blutzuckerspiegel sinkt. Die Substanzen wurden zunächst als orale Antidiabetika entwickelt und man erhoffte sich durch den Einsatz, auch das hohe kardiovaskuläre Risiko von Diabetikern positiv beeinflussen zu können. Dabei wurde das nierenschützende Potenzial eher zufällig entdeckt. Maßgeblich daran beteiligt war der Würzburger Nephrologe Prof. Dr. Christoph Wanner als Co-Autor der EMPA-REG-Outcome-Studien. „Wir hatten gar nicht erwartet, dass das Prüfmedikament einen so großen nephroprotektiven Effekt hat, doch EMPA-REG gab ein klares Signal, dass der SGLT2-Inhibitor zu einem signifikant geringeren Verlust der Nierenfunktion führte.“

Nierenschützende Effekte für Diabetiker und andere Nierenpatienten

Die beobachteten nierenschützenden Effekte waren so ermutigend, dass große randomisierte Studien folgten, um den renalen Effekt von verschiedenen SGLT2-Inhibitoren zu untersuchen – darunter die nun publizierte CREDENCE-Studie. Nach Ansicht von Nierenexperten werden die Ergebnisse dazu führen, dass SGLT2-Inhibitoren in die Standardtherapie von Patienten mit diabetischer Nierenkrankheit integriert werden. „Diabetes ist zwar die häufigste Ursache für eine chronische Nierenkrankheit – etwa die Hälfte der Patienten an der Dialyse sind Diabetiker – aber wir hoffen natürlich, auch den anderen nierenkranken Menschen helfen zu können, erklärt Prof. Wanner, der derzeit eine weitere multizentrische, internationale, randomisierte, doppelblinde Placebo-kontrollierte Studie leitet. Darin wird der SGLT2-Hemmer Empagliflozin an 5.000 Patienten mit manifester chronischer Nierenerkrankung mit und ohne Diabetes mellitus untersucht.

Foto: © Crystal light - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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