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Cholesterinsenker: Was ist Vorurteil, was stimmt?

Statine sollen den Cholesterinspiegel senken, denn hohe Cholesterinwerte führen zu Ablagerungen an den Gefäßwänden und steigern das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Viele Patienten stehen ihnen aber skeptisch gegenüber. Experten der Deutschen Herzstiftung haben jetzt die populärsten Vorurteile rund um Statine einem Faktencheck unterzogen.
Statine: Rosa Tablette schaut aus Blister heraus

Schätzungsweise fünf Millionen Menschen in Deutschland nehmen Statine ein, um ihre Cholesterinwerte auf ein gesundes Level zu bringen.

Statine zählen zu den am meisten verordneten Medikamenten weltweit. Bei hohem Cholesterinspiegel sollen sie die Werte dieses Blutfetts in den Adern senken und vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Doch viele Menschen stehen den Cholesterinsenkern mit Skepsis gegenüber. Über kaum eine andere Medikamentengruppe kursieren so viele Irrtümer sowie negative, aber auch positive Vorurteile wie über Statine. „Im Extremfall kann das dazu führen, dass Menschen, die zum Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall Statine einnehmen sollten, die Medikamente ablehnen – mit fatalen Folgen”, warnt Prof. Dr. Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.

Statine: Nutzen sie vor allem der Pharmaindustrie?

Insgesamt 18 Irrtümer registriert die Deutsche Herzstiftung in der öffentlichen Diskussion. Mit vier der populärsten befassen wir uns hier. Ein offenbar besonders beliebtes Vorurteil lautet: Therapien mit Statinen helfen wenig – sondern verhelfen vielmehr der Pharmaindustrie zu satten Gewinnen. „Ja, die Pharmaindustrie ist daran interessiert, Statine zu verkaufen“, räumt auch die Herzstiftung ein, sagt aber auch: „Es ist eindeutig bewiesen, dass erhöhtes LDL-Cholesterin die Entwicklung der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und damit Herzinfarkt und Schlaganfall fördert. Die Statine senken das LDL-Cholesterin und hemmen dadurch die Entstehung und Verschlimmerung einer Arteriosklerose. So schützen sie vor Herzinfarkt und Schlaganfall.“  Zwei aktuelle Studien aus Dänemark zeigen: Gerade alte Menschen profitieren von einer Senkung ihres LDL-Cholesterins.

Die Wirkung von Statinen sei über Jahrzehnte erprobt und gut belegt, heißt es bei der Herzstiftung weiter. „Seit die ,Scandinavian Simvastatin Survival Study‘ mit 4.444 Patienten im Jahr 1994 nachgewiesen hat, dass das Statin Simvastatin gegen den Herzinfarkt wirkt, hat eine große Zahl wissenschaftlicher Studien mit verschiedenen Statinen diesen Effekt gegen Herzinfarkt und Schlaganfall bestätigt“, sagt Kardiologe und Pharmakologe Meinertz.

 

Cholesterinsenker: Was ist dran an den Nebenwirkungen?

In der Diskussion um Statine fällt immer wieder der Einwand mit den „erheblichen Nebenwirkungen". Nach Angaben der Herzstiftung scheuen viele Patienten deshalb die Einnahme. Tatsächlich würden die Cholesterinsenker aber im Allgemeinen gut vertragen. Die häufigste Nebenwirkung sind Muskelschmerzen in Oberschenkeln und Armen, die insbesondere bei hohen Dosierungen entstehen können. Wissenschaftliche Studien haben allerdings gezeigt, dass diese Nebenwirkung nur bei einem Prozent der Betroffenen auftreten. Vielfach lassen sich die Schmerzen durch eine Anpassung der Dosierung in den Griff bekommen. Erst in einer im Frühjahr 2020 publizierten Studie gelang Wissenschaftlern der Berliner Charité der Nachweis dafür, warum die Einnahme von Statinen Muskelschmerzen- und krämpfen führen kann.

„Ob eine Behandlung mit Statinen erfolgt und in welcher Dosierung, hängt von der jeweiligen Risikokonstellation des einzelnen Patienten ab”, erklärt Prof. Meinertz. Dabei müssten die anderen Risikofaktoren, etwa Bluthochdruck und Diabetes, genauso konsequent behandelt werden wie hohes Cholesterin, um einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen.

Bei Muskelverfall müssen Statine für immer abgesetzt werden

Werden Muskelbeschwerden allerdings zum Dauerthema, muss das Enzym Creatinkinase (CK) im Labortest kontrolliert werden. Ist Creatinkinase über das Vierfache der oberen Grenze des Normwerts erhöht, sollte das Statin abgesetzt und eine Behandlungspause eingelegt werden.

Die schwerste Nebenwirkung der Statine ist Muskelverfall (Fachbegriff: Rhabdomyolyse). Der tritt laut Herzstiftung sehr selten auf: Von 100.000 Patienten, die Statine ein Jahr lang einnehmen, sind demnach ein bis drei Fälle von dieser gravierenden Nebenwirkung betroffen. Die Rhabdomyolyse lässt sich wegen ihrer spezifischen Symptome aber frühzeitig erkennen: Patienten klagen dann über sehr starke Muskelschmerzen, ausgeprägte Muskelschwäche, bräunlich gefärbten Urin, Fieber, Unwohlsein und Erbrechen. Der Laborwert für die Creatinkinase ist dann um mehr als das Zehnfache bis über das Vierzigfache erhöht. Nach der Diagnose „Muskelverfall“ ist die Behandlung mit Statinen für immer ausgeschlossen.

Helmut Schmidt rauchte und wurde 96: Ist es beim Cholesterin auch so?

Was man auch immer wieder hört, ist: „Manche Menschen mit hohem Cholesterin werden sehr alt, ohne je ein Statin eingenommen zu haben. Das zeigt, dass man auf Statine verzichten kann." Dem entgegnet die Herzstiftung mit der Aussage: „Richtig ist: Es gibt Menschen, die trotz hohen Cholesterins unbehandelt sehr alt werden. Aber sie sind die Ausnahme. Damit ist nichts bewiesen.“ Ein berühmter Ausnahmefall dieser scheinbar unverwüstlichen Leute sei der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt gewesen: Er wurde trotz Kettenrauchens 96 Jahre alt. „Das beweist nicht, dass Rauchen ungefährlich ist“, argumentiert die Herzstiftung. „In Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 120.000 Menschen am Rauchen.“

Wirkt Ernährung so gut gegen Cholesterin wie ein Medikament?

Weil eine Vorbeugung durch konsequente gesunde Ernährung und gesunden Lebensstil die beste Medizin ist (weil man dann hinterher weniger reparieren muss), erhoffen sie viele, dass sich eine Senkung des erhöhten LDL-Cholesterins allein auf diese Weise erreichen lasse. Die Deutsche Herzstiftung bestätigt: Gesunde Ernährung gehört ebenso wie tägliche Bewegung, ausreichend Entspannung, Verzicht auf Rauchen zu einem gesunden Lebensstil, der bei allen Herzkrankheiten und ihrer Vorbeugung unverzichtbar ist. Allerdings: „Wenn zusätzlich zum hohen Cholesterin andere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht hinzukommen oder gar eine koronare Herzkrankheit beziehungsweise andere arteriosklerotische Erkrankungen bereits aufgetreten sind, reicht ein gesunder Lebensstil nicht aus. Dann müssen cholesterinsenkende Medikamente eingesetzt werden.“

Viel Cholesterin schon in der Jugend: Hohes Langzeitrisiko für Infarkte

Mit einem wachen Umgang mit dem Cholesterinspiegel kann man offenbar nicht früh genug beginnen. Nach einer Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) vom Dezember 2019 vergrößert ein erhöhter Cholesterinspiegel insbesondere bei jungen Menschen ihr Langzeitrisiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Deswegen sei es wichtig, früh über eine Behandlung nachzudenken, die den Cholesterin-Wert senkt.

Foto: AdobeStock/asdf

 

Foto: ©roger ashford - stock.adobe.com

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
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