. Max-Planck-Gesellschaft

Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung: Neue Therapie-Option für junge Patienten

Für die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung gibt es bislang keine ursächliche Therapie. Forscher konnten jetzt jedoch zeigen, dass die frühzeitige Therapie mit dem Kombinationspräparat PXT3003 den Krankheitsbeginn verzögern und die Symptome mildern kann.
Marie-Charcot-Erkrankung

Bei der Marie-Charcot-Erkrankung ist die Übertragung zwischen den Nervenzellen gestört; das kann bis zur Rollstuhlpflichtigkeit führen

Bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung Typ 1A (CMT1A) handelt es sich um eine erbliche Erkrankung des peripheren Nervensystems. Oft kommt es schon im Kindesalter zu Neuropathien und fortschreitender Muskelschwäche, in einigen Fällen bis hin zur Angewiesenheit auf den Rollstuhl. Bisher stehen keine kausalen Therapien zur Verfügung. Jetzt konnten Forscher im Tierexperiment zeigen, dass eine frühzeitige Therapie mit dem Kombinationspräparat PXT3003 die Symptome abschwächen kann.

Frühzeitiger Einsatz von PXT3003 könnte helfen

Der Grund für die Störungen im Nervensystem ist eine fehlerhafte Entwicklung der Schwannzellen, wodurch die Reizweiterleitung über die Nervenzellen an die Muskeln beeinträchtigt wird. Forscher am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin und der Universitätsmedizin in Göttingen haben gezeigt, dass Ratten von einer frühzeitigen Behandlung während der kritischen Phase der Schwannzell-Entwicklung von einer Kombination aus niedrig dosierten Medikamenten langfristig profitieren.

Mithilfe der sogenannten PXT3003-Therapie wird das Auftreten von Symptomen teilweise verhindert, und der Beginn der Krankheit verschiebt sich bis ins Erwachsenenalter. Das gibt die Hoffnung, durch eine frühzeitige PXT3003-Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit CMT1A den weiteren Verlauf der Krankheit entscheidend zu beeinflussen.

 

Genetische Fehlprogrammierung führt zur Degeneration von Nervenzellen

Patienten mit der Charcot-Marie-Tooth Erkrankung 1A tragen auf dem Chromosom 17 eine zusätzliche Kopie des Gens Pmp22, wodurch das Periphere Myelin Protein 22 (PMP22) überproduziert wird. Die Myelinschicht umgibt die Fortsätze (Axone) der Nervenzellen, die für die Weiterleitung der Impulse zuständig sind. Die Schwannzellen wiederum umhüllen die Axone mit dieser isolierenden Myelinschicht.

Durch die genetisch bedingte Fehlentwicklung entwickeln Patienten mit Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung 1A eine langsam fortschreitende Schädigung der Nervenzellen, so dass die Muskeln die Befehle des Gehirns nur noch unzureichend empfangen können. Dies führt mit der Zeit zum Abbau der Muskeln, der sich vor allem in einer schwächer werdenden Kraft in Armen und Beinen zeigt. Im weiteren Verlauf kommt es zu Sensibilitätsstörungen wie Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen in den Extremitäten.

Studie: Neue Therapie kann Symptome verringern

Um die molekularen und zellulären Ursachen besser zu verstehen, hat ein Forscherteam um Prof. Dr. Michael Sereda vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin und der Universitätsklinik in Göttingen genetisch veränderte Ratten untersucht. Die Tiere trugen ebenfalls eine zusätzliche Kopie des Gens Pmp22 und entwickelten ähnliche Symptome wie der Mensch.

Die Forscher untersuchten nun, welchen Effekt es auf den Krankheitsverlauf hat, wenn die Entwicklung der Schwannzellen in den genetisch veränderten Ratten frühzeitig beeinflusst wird. Dazu verabreichten sie jungen Tieren vom sechsten bis zum 18. Lebenstag PXT3003, eine Kombination aus niedrig dosierten Medikamenten, die jeweils überschüssige Abschriften des Pmp22-Gens reduzieren sollten.

„Durch die kurze Therapie mit PXT3003 innerhalb der ersten zwei Lebenswochen verbesserten sich einige motorischen Fähigkeiten der Ratten so sehr, dass sie mit denen gesunder Artgenossen langfristig vergleichbar waren“, erklärte Thomas Prukop, Mitautor der Studie. Der Krankheitsbeginn verzögert sich bei den behandelten Tieren dadurch bis ins Erwachsenenalter, auch wenn nicht alle Auffälligkeiten von der kurzfristigen Therapie völlig verschwanden.

Früher Einsatz der Therapie wichtig

Auf molekularer Ebene sahen die Forscher, dass PXT3003 die überschüssigen Abschriften des Pmp22-Gens verringert und damit die Signalwege unterstützt, die für die Ausreifung der Schwannzellen verantwortlich sind. Die bessere Entwicklung der Schwannzellen könnte ein Grund sein, dass die Versorgung der Axone und die Reizübertragung an die Muskulatur langfristig unterstützt wurde.

Da die Erkrankung schon früh erkennbar ist und anfangs meist mit milden Symptomen einhergeht, könnte nach Ansicht der Forscher eine frühzeitige, effektive Therapie für junge CMT1A-Patienten von großem Nutzen sein. Kinder betroffener Eltern können sogar vor Auftreten erster Symptome genetisch untersucht werden.

Klinische Studie geplant

PXT3003 gilt als sichere Therapie, die bereits in einer klinischen Studie an erwachsenen CMT1A-Patienten als wirksam getestet wurde. „Aufgrund unserer Ergebnisse hoffen wir, dass der frühzeitige Behandlungsbeginn mit PXT3003 eine Therapieoption für Kinder und Jugendliche mit CMT1A darstellen könnte“, so Prof. Sereda. Eine klinische Studie, bei der erstmals betroffene Kinder mit PXT3003 behandelt werden sollen, ist bereits für dieses Jahr geplant.

Foto: © cirquedesprit - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Seltene Erkrankungen , Neurologie
 

Weitere Nachrichten zum Thema Nervensystem

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
. Top-Termine
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender

Gesundheitsakademie, Oudenarder Straße 16, 13347 Berlin, Haus A, Aufgang D 06, 1. OG, Seminarraum siehe Info-Tafel am Eingang

Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge Hauptgebäude, Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité Herzbergstraße 79, 10365 Berlin, Festsaal, 2. Etage
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Interviews
Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind viele Chancen verbunden. Bei manchen Bürgern löst das Thema aber auch Ängste und Sorgen aus. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, einem der weltweit führenden Forscher im Bereich Digital Health, über die elektronische Patientenakte und andere digitale Lösungen gesprochen.