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Carmustin: Krebsärzte fordern Schutz vor Preisexplosionen

Das Krebsmedikament Carmustin ist ein krasses Beispiel, wie Arzneimittelhersteller ihr Monopol ausnutzen. Krebsärzte bitten nun die Politik um Hilfe.
Carmustin, Preis

Der indische Hersteller von Carmustin nutzt seine Monopolstellung schamlos aus

Bis vor wenigen Jahren war Carmustin eines von vielen unverzichtbaren Krebsmedikamenten. Doch inzwischen steht es regelmäßig in den Schlagzeilen – wegen seines absurden Mondpreises. Was ist passiert?

Carmustin wird seit mehr als 40 Jahren in der Behandlung von bösartigen Tumoren eingesetzt. Krebsärzte halten das Mittel mit den Handelsnamen Carmubris heute für einen festen und unersetzbaren Bestandteil der vorbereitenden Chemotherapie vor autologen Blutstammzelltransplantationen. Vor allem Kinder und Erwachsene mit aggressivem Lymphknotenkrebs sind darauf angewiesen. In den letzten Jahren ist es jedoch zu einer beispiellosen Preisexplosion bei Carmustin gekommen. Der Hintergrund: 2013 hatte der frühere Inhaber des Medikamentes Bristol-Myers Squibb die Lizenz für Carmustin an das indische Unternehmen Emcure Pharmaceuticals abgegeben. Seither gibt es weltweit nur einen einzigen Hersteller. Das führte zu drastischen Kostensteigerungen. Seit im Januar der Alleinimporteur für Deutschland erneut gewchselt hat, hat sich der Preis nochmals verdreifacht. Mittlerweile beträgt der Presi für Carmustin mehr als das 40-fache des Preises von vor 2013.

Verluste von tausenden Euro pro Infusion

Krebskliniken sehen sich dieser monopolistischen Preisgestaltung hilflos ausgeliefert. „Das bedeutet für die Kliniken eine dramatische finanzielle Mehrbelastung, die im aktuellen Vergütungssystem dazu führt, dass autologe Blutstammzelltransplantationen mit Carmustin nicht mehr kostendeckend durchgeführt werden können“, sagt Prof. Dr. med. Nicolaus Kröger, Sprecher der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation e.V. (DAG-KBT). Seinen Angaben zufolge führt derzeit ede einzelne Transplantation zu einem Verlust von mehreren tausend Euro für die transplantierende Klinik. „Eine derart rasante Kostensteigerung ist durch die aktuellen Vergütungsmechanismen im DRG-System nicht aufzufangen. Diese Risiken können nicht von den Krankenhäusern getragen werden. Für Medikamente dieser Art muss eine dynamische Refinanzierung ins Vergütungssystem implementiert werden“, fordert Kröger.

Politik muss tätig werden

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO schließt sich dieser Forderung an. Insbesondere die Monopolisierung in der Herstellung von Arzneimitteln mit abgelaufenem Patentschutz führe zu einer hohen Abhängigkeit, betont DGHO-Geschäftsführer Prof. Michael Hallek aus Köln. „Hier müssen wir gemeinsam mit der Politik dafür sorgen, dass eine Balance zwischen einem auskömmlichen Mindestpreis und dem Schutz vor unkalkulierbaren Preisexplosionen gefunden wird“, sagt er.

Einerseits müsse es sich lohnen, die Medikamente sicher und in hoher Qualität herzustellen. Andererseits dürften Herstellungsmonopole nicht zulasten solidarischer Gesundheitssysteme und zulasten von Krebspatienten missbraucht werden, wenn der Patentschutz abgelaufen ist, so Hallek weiter. Der neu installierte ‚Jour Fixe zu Liefer- und Versorgungsengpässen‘ des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit Beteiligung der wissenschaftlichen Fachgesellschaften sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erarbeitung gemeinsamer Lösungen.Die DGHO fordert zusammen mit der DAG-KBT von der Politik aber weitere Maßnahmen, um die Versorgung von unverzichtbaren Krebsmedikamenten zu sichern, und zwar auf nationaler und auf europäischer Ebene.

Foto: pixelio - freie Nutzung

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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