Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Body Shaming in der Medizin: Ärzte trainieren gegen Vorurteile

Das Body Shaming gegen stark übergewichtige Menschen macht auch im Gesundheitswesen nicht Halt. An der Uniklinik Tübingen trainieren Medizinstudenten das Arzt-Patienten-Gespräch mit einer etwas ungewöhnlichen Methode.
Auch Ärzte sind nicht frei von Vorurteilen gegenüber dicken Patienten

Auch Ärzte sind nicht frei von Vorurteilen gegenüber dicken Patienten

Sehr dicke Menschen haben es sprichwörtlich schwerer. Stigmatisierende Vorurteile – auch Body Shaming oder Fat Shaming – genannt, gehören für viele zum Alltag. Dabei geht es nicht nur um handfeste Beleidigungen. Oft zeigen sich die Vorurteile viel subtiler – auch in der Medizin. So wurde festgestellt, dass Mitarbeiter des Gesundheitswesens oftmals weniger patientenorientiert und respektvoll mit adipösen Patienten kommunizieren, und Symptome eher dem Übergewicht zuschreiben, als nach anderen möglichen Ursachen zu suchen. Unterm Strich können diese Vorurteile zu einer schlechteren Versorgung führen.

Rollenspiel im Adipositas-Anzug

Um Medizinstudenten früh zu helfen, diese Vorurteile zu erkennen und abzubauen, hat das Universitätsklinikum Tübingen einen etwas ungewöhnlichen Weg gewählt: Simulationspatienten schlüpften dazu während Arzt-Patient-Rollenspielen in einen Adipositas-Anzug. Der Anzug besteht aus einer weichen, formgebenden Außenhülle, innen waren zusätzlich Gewichte angebracht. Damit konnte eine Adipositas mit Body-Mass-Index von über 30 simuliert werden. Die Gesprächssituationen wurden von den Lehrenden geleitet.

„Ziel der Studie war, Medizinstudierende auf das Stigma gegenüber übergewichtigen Menschen aufmerksam zu machen und sie effektiv zu schulen“, erläutert Anne Herrmann-Werner von der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen.

 

Mehrwert für Medizinstudenten

Die Studie zeigte, dass Stigmatisierung generell gering war, bei den Studierenden allgemein jedoch höher ausgeprägt als bei den Lehrenden.

„Der Adipositas-Anzug erwies sich dabei als effizientes Lehr-Tool für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient“, sagt die Psychologin. „Sein Ziel, die Studierenden dabei zu unterstützen, empathisch mit adipösen Patienten umzugehen, konnte er erreichen.“

Die Studie “Is an obesity simulation suit in an undergraduate medical communication class a valuable teaching tool? A cross-sectional proof of concept study” ist kürzlich im Fachjournal BMJopen erschienen.

Body Shaming kann zu Selbststigmatisierung führen

Nach aktuellem Stand sind in Deutschland rund 60 Prozent der Erwachsenen von Übergewicht betroffen. Laut der Deutschen Adipositasgesellschaft (DAG) erleben übergewichtige Menschen tagtäglich Diskriminierungen. Das bleibt nicht folgenlos: „Die Stigmatisierung eines hohen Gewichts kann so selbst zu ungesunden Verhaltensweisen und damit zu neuen Risikofaktoren führen, die das Übergewicht verschlimmern“, sagt DAG-Präsient Professor Dr. med. Matthias Blüher. Oft führten diese Diskriminierungserfahrungen zur Verinnerlichung und zu einer Selbststigmatisierung, die depressive Verstimmungen, Angst, niedrige Selbstwertschätzung und sogar suizidale Tendenzen befördern könnten. 

Foto: © bongkarn - Fotolia.com

Autor: ham
 

Weitere Nachrichten zum Thema Arzt-Patienten-Kommunikation

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten


 
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin