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08.05.2021

Bildung schützt Gehirn doch nicht vorm Altern

Die vorherrschende Meinung in der Wissenschaft war bisher: Ein höherer Bildungsabschluss kann die altersbedingte Schrumpfung des Gehirns verlangsamen oder sogar aufhalten. Eine von der EU finanzierte Langzeitstudie widerlegt dies jetzt – mit Serienbildern aus dem Magnetresonanz-Tomografen, die über den Zeitraum eines Jahrzehnts die Gehirnveränderung bei 2.000 Probanden dokumentieren.
Drei Laubbäume (grünes, gelbes, braunes Laub) symbolisieren den Gedächtnisverlust im Alter.chen Köpfen.)

Irgendwann fangen die Gehirne aller Erwachsenen an zu schrumpfen, das ist Teil der Natur. Aber wie schnell sie schrumpfen, wird nicht davon beeinflusst, wie viele Jahre man in der Schule zugebracht hat.

Menschliche Gehirne schrumpfen im Laufe des Erwachsenenalters. Entgegen der landläufigen Meinung kann der Besuch von Schulen oder Universitäten diese biologische Alterung des Gehirns nicht verlangsamen und schon gar nicht stoppen. Zu diesem Schluss kommt eine von der EU finanzierte Studie des Wissenschafts-Konsortiums „Lifebrain“.

Das Team von Wissenschaftlern aus acht Ländern untersuchte auf der Grundlage mehrerer groß angelegter Verlaufsstudien, wie sich die Gehirne von Erwachsenen im Verlauf des Lebens verändern und ob Bildung dabei eine Rolle spielt. Als „Bildung“ definieren die Forscher in diesem Zusammenhang die Anzahl der Jahre, die die untersuchten Studienteilnehmenden in der Schule und direkt anschließend in weiterführenden Bildungseinrichtungen verbrachten.

Bildung formt das Gehirn positiv, aber verjüngt es nicht

„Die Ergebnisse zeigten zwar einen positiven Zusammenhang zwischen dem Volumen einiger Bereiche des Gehirns und dem Ausmaß an Bildung. Jedoch nahm bei Erwachsenen, die höhere Bildungsabschlüsse erreicht hatten, das Hirnvolumen genau so sehr mit dem Alter ab wie bei Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen“, heißt es in einer Mitteilung des Berliner Max-Planck-Instituts (MPI) für Bildungsforschung, das an dem EU-Forschungskonsortium beteiligt ist.

 

Neue Forschungsstrategie: die Verlaufsstudie

Den Schwachpunkt der meisten bisherigen Studien sehen die Lifebrain-Forscher darin, dass sie nicht auf Verlaufsstudien basierten, sprich: dass nicht dieselben Probanden über Jahre hinweg mehrfach untersucht wurden, um Veränderungen aufspüren zu können. Deshalb sei die Befundlage bislang nicht aussagekräftig gewesen, so die Kritik der Forscher. Deshalb folgten sie einer neuen – anderen – Forschungsstrategie:

Schrumpfen des Gehirns ist Teil der normalen Alterung

Um zu klären, ob und wie sich Gehirne im Laufe der Jahre verändern, maßen die Forscher das Volumen der Großhirnrinde und des sogenannten Hippocampus bei mehr als 2.000 Studienteilnehmenden mithilfe der strukturellen Magnetresonanztomographie (MRT). Das Schrumpfen dieser beiden Bereiche des Gehirns gilt als Teil der normalen Alterung. Um die Veränderungen zu erfassen, wurden die Gehirne der Teilnehmenden über einen Zeitraum von bis zu elf Jahren bis zu dreimal hintereinander untersucht. Das Alter der Teilnehmenden reichte von 29 bis 91 Jahren.

Was sind die Aufgaben von Großhirnrinde und Hippocampus?

Die Großhirnrinde ist dafür zuständig, Sinneswahrnehmungen der verschiedenen Sinnesorgane zu verarbeiten. Der Hippocampus ist eine zentrale Schaltstation des „limbischen Systems“ im Gehirn, das der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Dem limbischen System werden auch intellektuelle Leistungen zugesprochen. Der Hippocampus generiert Erinnerungen, die dann im Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Er sieht ähnlich aus wie das Meerestier Seepferdchen und trägt deshalb den lateinischen Namen dafür.

„Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Bildung unwichtig wäre“

 „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass höhere Bildung die Gehirnalterung nicht verlangsamt“, sagt Lars Nyberg von der Universität Umeå in Schweden, Erstautor der Studie und Mitglied des Lifebrain-Konsortiums. „Unsere Ergebnisse bedeuten deshalb nicht, dass Bildung unwichtig ist“, betont dabei Ulman Lindenberger, Direktor des Forschungsbereichs „Entwicklungspsychologie“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Bildung ist mit vielen Vorteilen im Leben verbunden. Aber irgendwann fangen die Gehirne aller Erwachsenen an zu schrumpfen.“ Die Geschwindigkeit dieser Schrumpfung werde aber nicht davon beeinflusst, wie viele Jahre man in der Schule verbracht habe.

Stichwort „Max-Planck-Institut für Bildungsforschung “

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Foto: AdobeStock/freshidea

Hauptkategorie: Medizin
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