. IQWIG-Bewertung

Bewegungsschienen nach Kreuzbandriss mit unklarem Nutzen

Nach einem Kreuzbandriss werden oft so genannte CAM-Schienen eingesetzt. Die Bewegungsschienen sollen die Rehabilitation unterstützen. Bislang ist ihr Nutzen jedoch wissenschaftlich nicht belegt.
Reha nach Kreuzbandriss: Dürftige Datenlage erschwert die Beurteilung von aktiven Bewegungsschienen (CAM)

Reha nach Kreuzbandriss: Dürftige Datenlage erschwert die Beurteilung von aktiven Bewegungsschienen (CAM)

Stürze aufs Knie oder eine abrupte Drehung des Beins – und schon ist das vordere Kreuzband gerissen. Meistens ereignet sich ein Kreuzbandriss beim Sport, insbesondere beim Fußball oder Skifahren. In der Regel müssen sich die Patienten einer Operation unterziehen, gefolgt von einer längeren Rehabilitation. Damit das Knie seine alte Beweglichkeit wiedererhält, empfehlen Ärzte seit einigen Jahren Bewegungsschienen. Mit so genannten CAM- Schienen (Controlled active Motion) wird ein aktiver Bewegungsablauf trainiert, was auch zu Hause möglich ist.

Dürftige Datenlage

Derzeit ist aber unklar, ob Patienten mit vorderem Kreuzbandriss von dem Medizinprodukt tatsächlich profitieren, etwa in puncto Schmerzen oder Beweglichkeit. Grund sei eine unzureichende Datenlage, wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nun mitteilt. „Welchen Nutzen oder Schaden aktive Bewegungsschienen in der Nachbehandlung bei einem Riss des vorderen Kreuzbands haben, bleibt unklar. Das gilt insbesondere für den Einsatz zu Hause“, fasst Stefan Sauerland vom IQWIG eine Analyse aller dazu vorliegenden Studien zusammen. Es sei zu begrüßen, dass Medizinprodukte entwickelt werden, die den Rehabilitationsprozess unterstützen sollen. „Dann sollte ihr Nutzen aber auch mit guten, verwertbaren Daten belegt werden. Für die CAM-Schienen fehlen sie“, kritisiert der Mediziner. 

Zwei kleine Studien

Die Wissenschaftler vom IQWIG konnten lediglich zwei kleine randomisierte, kontrollierte klinische Studien finden, die CAM-Schienen mit anderen Therapien verglichen. In beiden Studien waren die aktiven Bewegungsschienen in Kliniken nach einer Operation eingesetzt worden. Eine Studie mit knapp über 60 Teilnehmern verglich eine CAM-Schiene mit einer CPM-Schiene (passives Bewegungstraining.) Die zweite Studie mit 50 Probanden testete eine Nachbehandlung mit CAM gegen eine Nachbehandlung ohne Schiene. Während die erste Studie keine relevanten Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppe zeigen konnte, deutete die zweite auf einen besseren Bewegungsumfang durch die CAM-Schiene hin. Allerdings war der Bewegungsumfang hier schon vor der Operation unterschiedlich gewesen.

Inhaltliche Mängel

Außer dass beide Studien relativ geringe Teilnehmerzahlen hatten und die Patienten nur sieben Tage beobachtet wurden, fanden die IQWIG-Experten noch weitere inhaltliche Mängel. So durften etwa Schmerzmittel eingenommen werden, ohne dass diese erfasst wurden, oder es wurde der wichtige Endpunkt die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, erst gar nicht erhoben. Auch was die Tiefensensibilität betrifft, wiesen die Studien Mängel auf. Die Ergebnisse zu diesem Endpunkt seien nicht verwertbar gewesen, weil nicht sichergestellt sei, dass der für die Datenerhebung verwendete Test wirklich die Tiefensensibilität erfasse, erläutert Sauerland. „Wir können eine Verzerrung der Ergebnisse nicht ausschließen, da es Mängel bei der Durchführung gab“. Ferner sei die Datenlage zu dürftig, um ein abschließendes Fazit ziehen zu können. Der Mediziner vom IQWIG fügte hinzu: „Bei Medizinprodukten, ist das auch leider keine Seltenheit“.

Foto: © Adam Gregor - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Knie , Medizintechnik

Weitere Nachrichten zum Thema Knie

| Jede zehnte von jährlich 160.000 Knie-Operationen in Deutschland ist aus Expertensicht überflüssig. Die Barmer GEK rät ihren Versicherte daher, vor dem Eingriff eine Zweitmeinung einzuholen. Dazu hat die Krankenkasse Verträge mit Spezialisten abgeschlossen.
| Auch zwei Jahre nach einer Operation leiden viele Menschen unter Schmerzen, die auf den Eingriff zurückzuführen sind. Das fanden Forscher der Universität Witten-Herdecke heraus. Am häufigsten treten dabei Schmerzen an Rücken und Knie auf.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Interview mit Dr. med. Matthias Krause, Chefarzt der Median Klinik Hoppegarten - Rehabilitationsfachklinik für Orthopädie, Rheumatologie, Unfallverletzungen, Schmerztherapie und Medizinisch-berufliche Rehabilitation.
. Weitere Nachrichten
Regelschmerzen sind für viele Frauen bis zu einem gewissen Punkt normal. Werden sie jedoch unerträglich, kann eine Endometriose dahinterstecken, eine chronische Erkrankung, die zur Unfruchtbarkeit führen kann. Die Diagnose ist schwierig, und auch die Therapie kann kompliziert sein.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) überprüfte anhand von Blut- und Urinproben die Versorgung der Deutschen mit Vitamin D, Folat, Natrium, Kalium und Jod. Ergebnis: Deutschen mangelt es an Vitamin D.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.
Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.