Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
22.10.2018

Besser versorgt mit Hausarztverträgen?

Offenbar sind Patienten mit Hausarztverträgen besser versorgt als andere. Das ist das Ergebnis einer Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg. Demnach haben Patienten durch die Hausarztbindung sogar Überlebensvorteile.
Hausarztverträge, HzV, Gesundheitspolitik

Die Bindung an einen Hausarzt kann Patienten Vorteile bringen

Wer sich in einen Hausarztvertrag einschreibt, verpflichtet sich, immer zunächst zu seinem Hausarzt zu gehen, welcher dann die weitere Versorgung strukturiert und nach Bedarf an andere Ärzte überweist. Dies ist offenbar zum Nutzen der Patienten, wie eine Evaluation der Hausarzt­zentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg nun zeigt. Durchgeführt wurde die Studie von dem Universitäts­klinikum Heidelberg und der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Den Ergebnisse zufolge leben Patienten, die in einen Hausarztvertrag eingeschrieben sind, länger, werden seltener ins Krankenhaus eingewiesen und erhalten eine bessere Arznei­mittelversorgung.

Hausarztverträge verhindern Doppeluntersuchungen

Die Hausarztzentrierte Versorgung wurde vom Gesetzgeber im Jahr 2004 auf den Weg gebracht. Heute sind etwa 1,6 Millionen Patienten in einen Selektivvertrag eingeschrieben, die meisten von ihnen chronisch Kranke. In Baden-Württemberg wird die HzV besonders gefördert.

Durch die Hausarztverträge sollen unter anderem Doppeluntersuchungen und unnötige Facharztbesuche vermieden werden. Der Hausarzt übernimmt dabei eine Lotsenfunktion. Er koordiniert die Behandlung, bindet bei Bedarf Fachärzte mit ein und kümmert sich um die Versorgung mit Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln. Teilnehmende Hausärzte müssen sich regelmäßig fortbilden, an Qualitätszirkeln teilnehmen und in ihrer Praxis ein Qualitätsmanagement etablieren. Dafür erhalten sie eine höhere Vergütung als normalerweise.

 

Studie scheint Kritiker zu widerlegen

Kritiker halten dem Modell entgegen, dass es die freie Arztwahl einschränke und dass Hausärzte bei komplexen Erkrankungen überfordert sein können. Auch werden die Hausärzte in den Verträgen dazu angehalten, Einsparungen vorzunehmen. Zu den Vorteilen gehört jedoch, dass der Hausarzt alle Verordnungen im Blick hat und eventuelle Überschneidungen oder Wechselwirkungen verhindern kann. Gerade bei multimorbiden Patienten, die von verschiedenen Fachärzten behandelt werden, hat sonst kaum jemand Überblick über alle Therapien.

Die neue Studie zeigt auch, dass Patienten mit Hausarztverträgen öfter von ihrem Arzt gesehen und in den Hausarztpraxen intensiver betreut werden. Besonders Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz sowie Diabetiker profitieren den Ergebnissen zufolge von der HzV. Sie erleiden deutlich weniger Komplikationen, Nierenschäden, Erblindungen, Fußamputationen, Herzinfarkte und Schlaganfälle, wie Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt/Main, erklärt. Zudem entfallen pro Jahr etwa 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte.

Weniger Krankenhausaufenthalte und Medikamente

Auch die Menge der Krankenhausaufenthalte sowie potenziell problematischer Medikamente konnte durch die Verträge reduziert werden. Rund 46.000 Tage weniger verbrachten die 166.000 untersuchten Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit im Krankenhaus. Bei 89.000 älteren Patienten wurden in der HzV-Gruppe zudem 5.400 Arzneimittel weniger pro Jahr aus der Priscus-Liste verordnet als in der Kontrollgruppe. Die Priscus-Liste enthält Medikamente, die für Menschen ab 65 Jahren als potenziell inadäquat gelten.

Hausarztverträge führen weiterhin dazu, dass mehr Menschen über 60 Jahren gegen Influenza geimpft worden, so wie es die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission vorsehen. Auch wurden in der HzV-Gruppe 8,5 Prozent weniger Versicherte infolge von Rückenbeschwerden krankgeschrieben als in der Kontrollgruppe. „Wir können mit zunehmender Sicherheit sagen, dass HzV-Patienten in vielen Bereichen besser versorgt sind“, erklärt Gerlach.

Diabetiker profitieren besonders von Hausarztverträgen

Offensichtlich wirken die geregelten Strukturen einer Hausarztzentrierten Versorgung besonders positiv auf den Krankheitsverlauf von Diabetikern. „Unsere Analysen zeigen sehr deutlich, dass bei HZV-Patienten mit Diabetes mellitus deutlich weniger und zeitlich später schwerwiegende diabetesbedingte Komplikationen auftreten“, betont Gerlach. „Konkret kommen bei Diabetikern in der HZV Dialyse, Erblindung und Amputationen sowie auch Herzinfarkte und Schlaganfälle seltener vor“, so der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Ein sehr bemerkenswerter Effekt sei der signifikante Überlebensvorteil zugunsten der HZV-Versicherten, erklärt Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg und einer der Studienautoren. „Wir können zwar, durch die Evaluationsmethodik bedingt, noch nicht alle möglichen Einflussfaktoren auf das Überleben von Patienten kontrollieren. Dennoch zeigt sich bei Betrachtung des Fünfjahreszeitraums 2012 bis 2016, dass das Risiko zu versterben in der HZV geringer ist, als in der Regelversorgung. Das zugrundeliegende statistische Überlebenszeitmodell weist eine Zahl von knapp 1.700 vermiedenen Todesfällen in der HZV aus“, so der Experte.

Foto: © goodluz - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Versorgungsforschung , Gesundheitspolitik , Ambulante Versorgung , Gesundheitssystem , Qualität
 

Weitere Nachrichten zum Thema Hausärzte

26.01.2018

Die Hausärzte im Seeheilbad Büsum waren damals alles Männer im oder kurz vorm Rentenalter, ihre Einzelpraxen wollte niemand übernehmen. Um einen Zusammenbruch der medizinischen Versorgung zu verhindern, rang sich die Gemeinde dazu durch, selbst als Trägerin der örtlichen Arztpraxis aufzutreten – als erste bundesweit. In dem kommunalen Eigenbetrieb arbeiten heute fast nur junge Ärztinnen. Wie das ging und welche weiteren Modelle es gibt gegen den Ärztemangel auf dem Land, erzählt Initiator Harald Stender drei Jahre nach Gründung des Pioniermodells.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.

Für Babys ist liebevolle Berührung existenziell: um sich geborgen zu fühlen, physisch und psychisch zu gedeihen und später normale Beziehungen eingehen zu können. Zwischenmenschliche Berührung wirkt auf sie wie ein sanftes Arzneimittel: Sie verlangsamt den Herzschlag, baut Stress ab und führt im Körper zu Entspannung.

 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin