Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Benzodiazepine: Doch kein langfristiges Demenzrisiko?

Montag, 8. Februar 2016 – Autor:
Benzodiazepine stehen im Verdacht, bei langfristigem Gebrauch das Risiko für eine Demenzerkrankung zu erhöhen. Eine Studie widerspricht dieser Vermutung nun. Experten raten dennoch von einer langfristigen Verordnung ab.
Erhöhen Benzodiazepine das Demenzrisiko?

Millionen Menschen sind abhängig von Benzodiazepinen – Foto: Ingo Bartussek - Fotolia

Täglich nehmen Millionen von Menschen in Deutschland Benzodiazepine wie etwa Valium und Tavor gegen Angst und innere Unruhe ein. Neben den anderen Risiken eines langfristigen Gebrauchs wird immer wieder vermutet, dass dieser zur Entwicklung einer Demenz beitragen kann. So hat vor einigen Jahren eine Studie aus Kanada Hinweise dafür geliefert, dass die Einnahme von Benzodiazepinen über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung um 32 Prozent erhöht; bei mehr als sechs Monaten war das Risiko sogar um 84 Prozent höher.

Beweis für kausalen Zusammenhang fehlt

Allerdings konnten die Forscher keinen eindeutigen Beweis für einen kausalen Zusammenhang liefern, da es auch sein könnte, dass Ängste, Schlafstörungen und andere psychische Probleme, gegen welche die Medikamente verschrieben wurden, Vorzeichen einer sich entwickelnden Demenz waren. Nun haben Forscher die Daten der „Adult Changes in Thougt Study“ untersucht, einer repräsentativen Untersuchung von rund 4.000 Mitgliedern des Versicherers Group Health aus Seattle. Alle Teilnehmer waren zu Beginn der Studie mindestens 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 75 Jahren, und ein Drittel der Probanden hatte vor Beginn der Studie Benzodiazepine erhalten. Über einen Zeitraum von über sieben Jahren wurden sie im zweijährigen Rhythmus auf Symptome einer Demenz gescreent.

Während des Beobachtungszeitraums entwickelten 23,2 Prozent aller Teilnehmer eine Demenz; dies war angesichts des hohen Alters der Patienten keine ungewöhnlich hohe Rate. Einen Zusammenhang mit der Einnahme von Benzodiazepinen konnte Studienleiterin Shelly Gray von der University of Washington School of Pharmacy nach ihren Angaben nicht erkennen.

 

Benzodiazepine nur kurzfristig einnehmen

Zwar hatten die Teilnehmer, die bis zu 120 Tagesdosierungen erhalten hatten, tatsächlich ein erhöhtes Demenzrisiko, doch Gray deutete dies als mögliche reverse Kausalität: Die Teilnehmer mit einer beginnenden Demenz hätten vermutlich unter Schlafstörungen und anderen Problemen gelitten, was zur vermehrten Verordnung von Benzodiazepinen geführt haben könnte. Zudem traten interessanterweise gerade bei den Personen, die mehr als 121 Tagesdosen Benzodiazepine erhalten hatten, Demenzerkrankungen nur unwesentlich häufiger auf.

Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln wie Benzodiazepinen sollte dennoch stets sorgsam erwogen werden. Experten raten von einer langfristigen Einnahme dringend ab. Zum einen erhöhen die Medikamente besonders bei älteren Menschen das Risiko für Verwirrtheit, Stürze und Frakturen. Zudem führen Valium, Tavor und Co. sehr schnell zu einer Abhängigkeit. In Deutschland gelten rund 1,2 Millionen Menschen als abhängig von Benzodiazepinen.

Foto: © Ingo Bartussek - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
 

Weitere Nachrichten zum Thema Beruhigungs- und Schlafmittel

20.07.2014

Viele ältere Menschen leiden unter dem Tod geliebter Menschen, unter Krankheiten, nachlassender Selbstständigkeit und Einsamkeit. Manche greifen dann zu kleinen „Seelentröstern“ in Form von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die mit den Pillen verbundenen Hoffnungen seien jedoch trügerisch, warnt der AOK-Bundesverband.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Die Lockdowns 2020 sorgten dafür, dass sich die Menge an gesundheits- und klimaschädlichem Ruß in der Atmosphäre fast halbierte. Das zeigt eine Studie von sechs deutschen Universitäten und Instituten, die dafür ein Messflugzeug in die Luft über Europa schickten.

Das Herz erwachsener Säugetiere kann kaum neue Herzmuskelzellen bilden. Mit dem Alter sinkt die Regenerationsfähigkeit weiter, die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Jetzt konnten Forscher nachweisen, dass sich mit Sport gegensteuern lässt.
 
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin