. Beruhigungsmittel

Benzodiazepine: Doch kein langfristiges Demenzrisiko?

Benzodiazepine stehen im Verdacht, bei langfristigem Gebrauch das Risiko für eine Demenzerkrankung zu erhöhen. Eine Studie widerspricht dieser Vermutung nun. Experten raten dennoch von einer langfristigen Verordnung ab.
Erhöhen Benzodiazepine das Demenzrisiko?

Millionen Menschen sind abhängig von Benzodiazepinen

Täglich nehmen Millionen von Menschen in Deutschland Benzodiazepine wie etwa Valium und Tavor gegen Angst und innere Unruhe ein. Neben den anderen Risiken eines langfristigen Gebrauchs wird immer wieder vermutet, dass dieser zur Entwicklung einer Demenz beitragen kann. So hat vor einigen Jahren eine Studie aus Kanada Hinweise dafür geliefert, dass die Einnahme von Benzodiazepinen über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung um 32 Prozent erhöht; bei mehr als sechs Monaten war das Risiko sogar um 84 Prozent höher.

Beweis für kausalen Zusammenhang fehlt

Allerdings konnten die Forscher keinen eindeutigen Beweis für einen kausalen Zusammenhang liefern, da es auch sein könnte, dass Ängste, Schlafstörungen und andere psychische Probleme, gegen welche die Medikamente verschrieben wurden, Vorzeichen einer sich entwickelnden Demenz waren. Nun haben Forscher die Daten der „Adult Changes in Thougt Study“ untersucht, einer repräsentativen Untersuchung von rund 4.000 Mitgliedern des Versicherers Group Health aus Seattle. Alle Teilnehmer waren zu Beginn der Studie mindestens 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 75 Jahren, und ein Drittel der Probanden hatte vor Beginn der Studie Benzodiazepine erhalten. Über einen Zeitraum von über sieben Jahren wurden sie im zweijährigen Rhythmus auf Symptome einer Demenz gescreent.

Während des Beobachtungszeitraums entwickelten 23,2 Prozent aller Teilnehmer eine Demenz; dies war angesichts des hohen Alters der Patienten keine ungewöhnlich hohe Rate. Einen Zusammenhang mit der Einnahme von Benzodiazepinen konnte Studienleiterin Shelly Gray von der University of Washington School of Pharmacy nach ihren Angaben nicht erkennen.

Benzodiazepine nur kurzfristig einnehmen

Zwar hatten die Teilnehmer, die bis zu 120 Tagesdosierungen erhalten hatten, tatsächlich ein erhöhtes Demenzrisiko, doch Gray deutete dies als mögliche reverse Kausalität: Die Teilnehmer mit einer beginnenden Demenz hätten vermutlich unter Schlafstörungen und anderen Problemen gelitten, was zur vermehrten Verordnung von Benzodiazepinen geführt haben könnte. Zudem traten interessanterweise gerade bei den Personen, die mehr als 121 Tagesdosen Benzodiazepine erhalten hatten, Demenzerkrankungen nur unwesentlich häufiger auf.

Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln wie Benzodiazepinen sollte dennoch stets sorgsam erwogen werden. Experten raten von einer langfristigen Einnahme dringend ab. Zum einen erhöhen die Medikamente besonders bei älteren Menschen das Risiko für Verwirrtheit, Stürze und Frakturen. Zudem führen Valium, Tavor und Co. sehr schnell zu einer Abhängigkeit. In Deutschland gelten rund 1,2 Millionen Menschen als abhängig von Benzodiazepinen.

Foto: © Ingo Bartussek - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin

Weitere Nachrichten zum Thema Beruhigungs- und Schlafmittel

| Viele ältere Menschen leiden unter dem Tod geliebter Menschen, unter Krankheiten, nachlassender Selbstständigkeit und Einsamkeit. Manche greifen dann zu kleinen „Seelentröstern“ in Form von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die mit den Pillen verbundenen Hoffnungen seien jedoch trügerisch, warnt der AOK-Bundesverband.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Wer regelmäßig Sport treibt, wird seltener krank und kann den Alterungsprozess in einigen körperlichen Bereichen um zehn Jahre zurückdrehen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Langzeitstudie „Gesundheit zum Mitmachen“.
Die (hATTR) Amyloidose ist eine seltene Erbkrankheit mit einer geringen Lebenserwartung. Hoffnung macht jetzt ein neues Medikament, das bereits die klinischen Phase III erfolgreich absolviert hat. Die Zulassung könnte schon nächstes Jahr erfolgen.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.