. Jahrbuch Sucht 2016

Bei Frauen steigt der Alkoholkonsum mit dem Sozialstatus

Die Lust der Deutschen auf Alkohol und Tabak ist ungebrochen; das zeigt das Jahrbuch Sucht 2016. Eines der Ergebnisse: Während bei Männern der Hang zum Alkohol relativ unabhängig von Alter und Sozialstatus ist, wird der Konsum bei Frauen riskanter, je älter und besser situiert sie sind.
Gut situierte Frauen trinken mehr Alkohol

Der Alkoholkonsum der Deutschen ist ungebrochen

Die größten Suchtprobleme in Deutschland verursachen nach wie vor die legalen Drogen wie Alkohol, Tabak und Medikamente. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht von 74.000 Todesfällen jährlich allein durch Alkohol und von 121.000 Toten durch Tabak aus. „Das entspricht rund 480 gut gefüllten Jumbojets“, verdeutlichte Gabriele Bartsch, Vize-Geschäftsführerin der DHS, diese Zahlen anlässlich der Vorstellung des „Jahrbuchs Sucht 2016“. Schätzungen zufolge sind zudem etwa 3,4 Millionen Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbezogenen Störung betroffen.

Rund 137 Liter alkoholische Getränke nimmt jeder Bundesbürger im Durchschnitt zu sich; dazu raucht er 1000 Zigaretten. Starke Veränderungen sind dabei in den letzten Jahren nicht zu verzeichnen. Auch das sogenannte „Komasaufen“ unter Jugendlichen macht den Experten nach wie vor große Sorgen. Zwar wurden im Jahr 2015 fast vier Prozent weniger Menschen zwischen zehn und 19 Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs in Krankenhäusern behandelt, dennoch waren es immerhin noch fast 22.400. „Das ist immer noch ein hoher Stand“, betont DHS-Geschäftsführer Dr. Raphael Gaßmann.

Legale Drogen nach wie vor das größte Problem

Bei Erwachsenen zeigt sich, dass der Alkoholkonsum steigt, je höher der sozioökonomische Status ist. Dieser Zusammenhang gilt besonders für Frauen. Auch mit steigendem Lebensalter wächst der Hang zum Alkohol. So konsumieren 19,3 Prozent der Frauen zwischen 45 und 65 Jahren mit niedrigem Sozialstatus Alkohol in riskanter Weise, bei Frauen mit hohem Sozialstatus sind es jedoch 32,8 Prozent, also immerhin jede Dritte.

Auch beim Rauchen gibt es kaum Verbesserungen zu verzeichnen. Allerdings nimmt die Anzahl der jugendlichen Raucher immer mehr ab. Im Jahr 2014 rauchten nur noch elf Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen und neun Prozent der Mädchen – so wenig wie noch nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Eine geringe Rolle im Vergleich zu den legalen Drogen spielen bei der Verbreitung von Sucht in Deutschland nach wie vor die illegalen Drogen. Nach Angaben der DHS zählt Deutschland europaweit zu den Ländern mit niedrigster Prävalenz beim Konsum illegaler Drogen.

Millionen Menschen sind medikamentenabhängig

Höchst problematisch gestaltet sich hingegen nach wie vor der Medikamentenkonsum. Zwar ist es hier besonders schwierig, eindeutige Zahlen zu erhalten, doch die Autoren des Jahrbuchs Sucht gehen davon aus, dass vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial besitzen, darunter vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Familie der Benzodiazepine und der Benzodiazepinrezeptoragonisten. Zwar seien die Verordnungszahlen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen in den letzten Jahren zurückgegangen, der Anteil der privat verordneten Mittel habe allerdings zugenommen. Die verkauften Benzodiazepine reichen laut DHS immer noch aus, um 1,2 bis 1,5 Millionen Abhängige zu versorgen. Dabei sind vor allem Frauen im höheren Lebensalter betroffen.

Foto: kmiragaya – fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Psychiatrie , Depression , Drogen , Psychische Krankheiten , Sucht , Alkohol , Alkoholsucht , Rauchen , Passivrauchen

Weitere Nachrichten zum Thema Sucht

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Erdnussallergie ist heilbar – das zeigt eine australische Studie. Vier Jahre nach einer oralen Immuntherapie war die große Mehrzahl der behandelten Kinder nach wie vor tolerant gegenüber Erdnüssen.
Wie können die vielen Geflüchteten in Deutschland trotz Sprach- und Bildungsbarrieren integriert werden? Experten sind sich uneins, ob Chancen oder Probleme überwiegen.
Sind die Eltern alkohol- oder drogenabhängig, leiden deren Kinder sehr darunter. Zudem ist ihr Risiko, später selbst eine Suchterkrankung oder eine andere psychische Störung zu entwickeln, signifikant erhöht. Darauf hat Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2017 aufmerksam gemacht.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.
Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.