. Superspreading-Ereignisse

Bayerischer Rundfunk legt neue Studie zum Singen und Aerosolen vor

Seit diversen Corona-Ausbrüchen in Chören gilt Singen als Superspreading-Ereignis. Hauptgrund ist die Bildung von Aerosolen. Wie sich das Ansteckungsrisiko möglicherweise reduzieren lässt, zeigt nun eine Untersuchung mit Sängern des Bayerischen Rundfunks. Die Hürden sind allerdings hoch.
Experiment im Bayerischen Rundfunk mit Sängerin: Wo gesungen wird, (ent-) stehen Aerosole

Experiment im Bayerischen Rundfunk mit Sängerin: Wo gesungen wird, (ent-) stehen Aerosole

In Coronazeiten geht vieles nicht mehr, was Spaß macht. Zum Leidwesen vieler Hobby-Sänger und Profis gehört auch das Singen in geschlossenen Räumen dazu. Nach Ansteckungsfällen bei Chören in den USA, Amsterdam, Bayern und Berlin darf zum Beispiel vielerorts in Kirchen nicht mehr gesungen werden und Chorproben wurden bis auf weiteres verschoben.

Bayern hat allerdings das Verbot gelockert: Seit dem 22. Juni sind Chorproben im Freistaat wieder erlaubt – unter verschärften Hygieneauflagen. Rückendeckung für diesen Schritt bot eine Studie der Bundeswehr-Universität München vom Mai, wonach Singen nicht wesentlich gefährlicher sei als Sprechen.

Untersuchung kann Aerosol-Gefahr nicht widerlegen

Der Bayerische Rundfunk wollte das aus guten Gründen aber genauer wissen und hat darum eine aufwändige Untersuchung bei der LMU München und der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen nun vor. So viel vorweg: Richtig Entwarnung gibt die Studie nicht. Denn die beim Singen entstehenden Aerosole breiten sich weiter aus als gedacht – selbst unter optimalen Lüftungsverhältnissen sind es eineinhalb Meter.

Aerosolole kann man mit Atemnebel übersetzen. Während Speicheltröpfchen zu Boden fallen, halten sich hier winzigste Tröpfchenkerne für eine Weile in der Luft. Draußen werden diese Gase, die eben auch Viren enthalten können, buchstäblich schnell vom Winde verweht, aber in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen sind Aerosole ein echtes Problem. Coronaviren haben so ein leichtes Spiel.

 

Zweieinhalb Meter Abstand bei optimaler Durchlüftung

Zudem sind die Atemnebelwolken für das bloße Auge nicht sichtbar. Die Wissenschaftler haben deshalb mit einigen Tricks gearbeitet. Um die Verteilung der Kleinstpartikel in der Luft sichtbar zu machen, mussten zehn Sänger des Bayerischen Rundfunkchores beim Singen eine Trägerlösung von E-Zigaretten inhalieren. Mit Kameras und Weißlicht wurde der partikelhaltige Nebel dann sichtbar gemacht und vermessen. Im Mittel schwebten die Aerosole knapp einen Meter weit. Einige Sänger erreichten allerdings auch Weiten von 1,50 Metern. Matthias Echternach, Professor für Phoniatrie und Pädaudiologie an der LMU München und selbst ausgebildeter Sänger, schließt daraus, dass Sicherheitsabstände von 1,5 Metern wohl zu gering sind „und Abstände von 2 bis 2,5 Meter zum Vordermann sinnhafter erscheinen.“ Seitlich verbreiteten sich die Aerosole ebenfalls, aber weniger weit, so dass laut Echternach ein Abstand von 1,50 Meter ausreichend sein dürfte.

„Immer vorausgesetzt, dass der Raum permanent gelüftet wird und damit die Aerosole regelmäßig durch Frischluft entfernt werden“, fügt der Forscher hinzu. Andernfalls komme es zu einem Additionseffekt. „Besser wäre es zudem noch, wenn es zwischen den Sängerinnen und Sängern Trennwände gäbe.“

Dass und wie beim Singen außerdem Speicheltröpfchen fliegen, konnten die Forscher mit Hochgeschwindigkeitskameras und Laserlicht zeigen. Das Überraschendste daran: Die Tröpfchen wurden hauptsächlich bei Konsonanten herausgeschleudert, bei Vokalen nur in sehr viel geringerer Anzahl.

Aersole entweichen an den Maskenrändern

Da die Ergebnisse nicht ganz so zufriedenstellend sind, wie sich das ein Chorleiter oder Sänger wünschen würde, wurde schließlich noch mit chirurgischer Maske gesungen. Die Mund-Nasen-Bedeckung hielt tatsächlich die großen Tröpfchen komplett ab und konnte Aerosole zum Teil herausfiltern. Allerdings trat ein Teil der Aerosole leicht strahlartig nach oben und zur Seite aus, weil die Masken an den Seiten und der Nase nicht vollständig dicht abschließen.

Bei Kirchen- oder anderen Laienchören dürfte Singen mit Maske „schon einiges verhindern“, meint Echternach. Aber für Profichöre sei das keine Option, "weil jede kleinste Klangnuance zählt."

Lüftung, Abstand und  Raumgröße entscheidend

Fazit: Sicheres Singen geht nur bei guter Durchlüftung und bei einem Sicherheitsabstand zwischen den Sängern von 2,5 Metern nach vorne, zur Seite reichen wahrscheinlich 1,5 Meter. Wenn dagegen keine gute Durchlüftung gegeben ist, muss zum einen der Raum sehr groß sein, idealerweise mit hohen Decken. Und auch die Abstände zwischen den Sängern müssen größer werden. Singen mit Maske kann die Verbreitung von Tröpfchen und Aerosolen mindern.

Der erhoffte Freibrief ist die Studie nicht, aber sie liefert wichtige Informationen, wie die Managerin des BR-Chores, Susanne Vongries, betont: "Die Studie gibt uns mehr Klarheit, um Abstandsregeln und Klimaverhältnisse in Räumen besser einschätzen zu können. Und wir möchten unsere Erkenntnisse allen zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse werden und sollen nicht nur dem BR-Chor hilfreich sein.“

Foto: © BR/LMU

Hauptkategorien: Prävention und Reha , Corona
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Coronavirus
 

Weitere Nachrichten zum Thema Aerosole

| Geschlossene Räume wie beispielsweise in Restaurants gelten als besonders gefährlich für die Übertragung von SARS-CoV-2. Auch ausreichend Abstand ändert daran möglicherweise nicht viel. Forscher machen Aerosole, winzig kleinen Schwebeteilchen in der Luft, für die hohe Ansteckungsgefahr verantwortlich.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
 
. Weitere Nachrichten
Es ist offenbar nicht nur gut für die Verdauung, sondern kann auch das Immunsystem unseres Mundes stärken: gründliches Kauen. Forscher konnten jetzt zeigen, dass durch das Kauen eine bestimmte Art von Immunzellen stimuliert wird, die Krankheitserreger in der Mundhöhle bekämpfen.
 
 
. Interviews
Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.