. Polypharmazie

Barmer-Arzneimittelreport 2018: Ärzte können kaum den Überblick bewahren

Bei Millionen multimorbiden Patienten und fast 50.000 verschreibungspflichtigen Arzneimitteln können Ärzte leicht den Überblick verlieren. Dass es auch so ist, bestätigt nun der Barmer-Arzneimittelreport. Das am Donnerstag vorgestellte Dokument deckt erschreckende Sicherheitslücken in der Arzneimitteltherapie auf.
Barmer-Arzneimittelreport 2018, Polypharmazie

Jeder fünfte nimmt fünf oder mehr Medikamente - ein Sicherheitsrisiko, wie der Barmer-Arzneimittelreport 2018 jetzt bestätigt

Das Problem hat einen Namen: Polypharmazie. Damit ist gemeint, dass Patienten nicht nur ein, sondern gleich mehrere Medikamente einnehmen. Laut dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten BARMER-Arzneimittelreport 2018 nimmt jeder fünfte Deutsche täglich fünf oder mehr Medikamente ein. Je mehr Pillen sich aber in der Pillenbox befinden, umso größer das Risiko für Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. Hinzukommt, dass in Deutschland über 100.000 Arzneimittel im Verkehr sind – davon ist knapp die Hälfte verschreibungspflichtig. Barmer-Chef Christoph Straub sprach von großen Sicherheitslücken: „Es ist enorm schwierig für Ärzte, den Überblick zu behalten“, sagte er. „Ohne Hilfe ist das für Ärzte kaum noch möglich.“ Gleichwohl betonte er, dass es nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte ginge.

Jeder vierte Senior bekommt ein falsches Medikament

Laut Report leiden bundesweit rund 23,3 Millionen Menschen an fünf chronischen Erkrankungen oder mehr gleichzeitig. Oftmals sind dann auch mehrere Ärzte zuständig. Zwei Drittel der Barmer-Versicherten mit einer Polypharmazie sind demnach im Jahr 2016 durch drei oder mehr Ärzte medikamentös behandelt worden. Dass es hier leicht zu Fehlentscheidungen kommen kann, ist mehr als wahrscheinlich. So erhielt 2016 jeder vierte Barmer-Versicherte ab 65 Jahren mindestens ein Medikament, das nicht für seine Altersgruppe empfohlen wird. Ein Beispiel ist Methotrexat: Mehr als 1.400 Patienten erhielten den Arzneistoff für die Krebs- und Rheumatherapie, obwohl es bei ihnen wegen gleichzeitig stark eingeschränkter Nierenfunktion nicht eingesetzt werden dürfte.

 

Hausärzte mit Parallelverordnungen überfordert

„Hausärzte müssen die Gesamtmedikation ihrer Patienten, also auch die von Fachärzten verordneten Arzneimittel, beurteilen. Dass der Arzt hier die Risiken ohne Hilfsmittel immer korrekt einschätzen kann, ist schlichtweg nicht realistisch“, betonte der Autor des Barmer-Arzneimittelreports Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken. „Im Gegenteil, im Versorgungsalltag ist es für Ärzte oft ausgesprochen schwierig, über alle Arzneimittelverordnungen einer Patientin oder eines Patienten Bescheid zu wissen.“

Hausärzte verordnen im Schnitt 60 Arzneimittelwirkstoffe regelmäßig, also mindestens einmal im Quartal, und weitere 100 zumindest einmal pro Jahr. Nach den Zahlen der Barmer wurden ihre Versicherten im Jahr 2016 insgesamt 1.860 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe verschrieben, und zwar in 454.012 Kombinationen von zwei Arzneimittelwirkstoffen. „Kein Arzt kann die Risiken derartig vieler Arzneimittelkombinationen ohne Hilfsmittel korrekt einschätzen“, sagt Grandt.

Pilotprojekt "Adam" soll Hausärzte unterstützen

Theoretisch müsste sich der Hausarzt also hinsetzen und alle Medikamente auf ihre Wechselwirkungen hin überprüfen, sofern er überhaupt die Verordnungen seiner Kollegen kennt.

Um die Sicherheit in der Arzneimitteltherapie zu erhöhen, hat die Barmer zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe das digital unterstützte Arzneimitteltherapie-Management Adam entwickelt. Adam übermittelt Hausärzten die Verordnungen aller Ärzte und weist auf potenziell vermeidbare Risiken hin. Das Pilotprojekt wird aus dem Innovationsfonds mit 16 Millionen Euro gefördert.

Foto: pixabay

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
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