. Antibiotika-Alternativen

Bakteriophagen bald als Arzneimittel?

Antibiotika-Resistenzen werden zu einem immer größer werdenden Gesundheitsproblem. Als mögliche Alternativen gelten Bakteriophagen. Nun wurde eine Forschungsinitiative gestartet, um Bakteriophagen als zugelassenes Arzneimittel zu etablieren.
Alternativen zu Antibiotika

Wissenschaftler suchen nach Alternativen zu Antibiotika

Bakteriophagen (kurz „Phagen“) sind Viren, die nur Bakterien angreifen und zerstören. Dabei sind sie in der Lage, nur Stämme einer bestimmten Bakterienart zu erkennen und zu befallen. Damit stellen sie eine wirksame Alternative zu Antibiotika dar, was in Zeiten zunehmender Antibiotika-Resistenzen immer wichtiger wird. Daher haben sich das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM), das Leibniz-Institut Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ), die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die Charité Research Organisation (CRO) zusammengefunden und das Projekt „Phage4Cure“ initiiert. Ziel des Projekts ist es, Bakteriophagen als zugelassenes Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen zu etablieren.

Phagen wirken hochspezifisch

Phagen können nur Bakterien mit passender Zelloberfläche angreifen. Dabei heften sie sich an die Oberfläche des Wirtsbakteriums und lassen Erbmaterial in das Bakterium frei, welches nun veranlasst wird, mittels seiner Enzym-Ausstattung eine neue Phagengeneration herzustellen. So entstehen aus einem einzigen Bakterium neue Phagen in so hoher Zahl, dass die Bakterienzelle platzt und die vielen jungen Phagen entlässt. Sie strömen aus, um sofort weitere „passende“ Bakterienzellen zu befallen.

Vor allem im osteuropäischen Raum werden Phagen bereits seit Jahrzehnten erfolgreich als Alternative und Ergänzung zur klassischen Antibiotikatherapie eingesetzt. Allerdings sind sie in der Europäischen Union bislang nicht als Arzneimittel zugelassen. Gründe sind unter anderem fehlende Qualitätsstandards in der Herstellung, die für eine Zulassung durch die Arzneimittelbehörden unerlässlich sind. Außerdem muss zunächst in systematischen klinischen Studien nachgewiesen werden, dass die Therapie mit Phagen sicher, verträglich und wirksam ist. Das umzusetzen, haben sich die Projektpartner von „Phage4Cure“ zum Ziel gesetzt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

 

Phagen besiedeln den Körper in großen Mengen

Findet man einen Phagen gegen ein krankmachendes Bakterium und setzt ihn dagegen ein, so kann das Bakterium schnell, spezifisch und ohne bekannte Nebenwirkungen abgetötet werden, wie das Leibniz-Institut DSMZ–Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen auf seiner Website erläutert. Der große Vorteil: Der Phage lässt dabei andere Bakterien, wie beispielsweise die der wichtigen Darmflora, unangetastet.

Hat der Phage die Zielbakterien vernichtet, so geht er selbst mangels „Nahrung“ zugrunde und zerfällt in seine Bestandteile, die der menschliche Körper ohne Probleme verstoffwechselt. Da Phagen die häufigsten lebenden Einheiten der Erde sind und überall vorkommen, wo entsprechende Bakterien sind, ist der menschliche Körper mit Phagen vertraut, berichtet das Leibniz-Institut. Wir nehmen ständig Phagen mit Wasser und Nahrung und durch Kontakt mit natürlichen Materialien auf, und auch die Darmflora enthält natürlicherweise Phagen in großen Mengen.

Foto: © IDN - Fotolia-com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Antibiotika , Antibiotikaresistenzen , Infektionskrankheiten
 

Weitere Nachrichten zum Thema Bakteriophagen

| Bakterielle Infektionen wurden über Jahrzehnte erfolgreich mit Antibiotika behandelt. Mittlerweile haben sich resistente Erreger herausgebildet, die nicht mehr auf die Wirkstoffe ansprechen. Forscher interessieren sich daher wieder für eine in Vergessenheit geratene Therapie-Form, die Bakteriophagen oder Phagen.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Ein Medikament gegen COVID-19 mit durchschlagender Wirkung gibt es nach wie vor nicht. Seit Beginn der Pandemie richteten sich Hoffnungen auf verfügbare antivirale Medikamente wie gegen HIV oder Malaria. Auch der Ebola-Wirkstoff Remdesivir ist darunter. Obwohl der Hersteller dessen Wirksamkeit auch gegen Corona beteuert, entthront jetzt eine MPI-Studie ein weiteres Mal das Präparat.
FFP2-Masken können zu Virenschleudern werden. Doch Wegwerfen muss nicht unbedingt sein. Die Masken können auch desinfiziert und wiederverwendet werden. Bloß auf das richtige Desinfektionsverfahren kommt es an.
Ladenkassen, Empfangstresen, Schalterhallen in Banken oder Behörden: Beschäftigte an Orten mit Kundenverkehr sind einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Am Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) haben Klimatisierungsexperten jetzt eine Art Luftdusche entwickelt, die potenziell infektiöse Raumluft von solchen Arbeitsplätzen fernhalten soll: durch einen virusfreien Luftstrom von oben.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.