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Autoantikörper können Depressionen verhindern

Antikörper, die körpereigene Strukturen angreifen, können Autoimmunerkrankungen auslösen. Nun haben Forscher jedoch noch eine andere Funktion entdeckt. Offenbar kann ein bestimmter Autoantikörper, der nach Hirnverletzungen oder chronischem Stress gebildet wird, wie ein körpereigenes Antidepressivum wirken.
Autoantikörper, Depressionen

Ob Stress zu Depressionen führt oder nicht, könnte auch an der Wirkung eines bestimmten Antikörpers liegen

Wenn das Immunsystem den eigenen Körper angreift, hat das oft verheerende Folgen: Autoantikörper binden an körpereigene Strukturen und lösen dort Funktionsstörungen aus – eine Autoimmunerkrankung entsteht. Auch Rezeptoren für den Neurotransmitter Glutamat können Ziel von Autoantikörpern werden. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen haben nun erforscht, unter welchen Bedingungen Autoantikörper gegen einen bestimmten Glutamat-Rezeptor, den sogenannten NMDA-Rezeptor, gebildet werden und was sie im Gehirn bewirken. Dabei stellten sie fest, dass Autoantikörper auch eine therapeutische Wirkung haben können.

Mehr Autoantikörper durch chronischen Stress

Die Forscher um Professor Hannelore Ehrenreich fanden heraus, dass die Konzentration der NMDA-Antikörper im Blut im Laufe des Lebens stark schwankt. Bei den meisten Menschen nimmt sie mit dem Alter zu. Die Wissenschaftler vermuten, dass wiederholte leichte Verletzungen mit kurzfristiger Störung der Blut-Hirn-Schranke dafür verantwortlich sind. Bei Mäusen konnten die Forscher die Bildung von NMDA-Antikörpern durch experimentelle Läsionen auslösen. Auch chronischer Stress könnte zu dieser Wirkung führen.

Ehrenreich und ihr Team analysierten darüber hinaus auch die Konzentration der Antikörper im Blut junger Migranten. „Menschen, die großem Stress im Leben ausgesetzt sind, haben schon in jungem Alter eine hohe Wahrscheinlichkeit, Autoantikörper gegen NMDA Rezeptoren im Blut zu tragen“, sagt Ehrenreich. Diese gleichen dann einer tickenden Zeitbombe im Körper. „Kommt eine Infektion oder ein anderer Faktor dazu, der die Blut-Hirn-Schranke schwächt, gelangen die Autoantikörper ins Gehirn und können zu epileptischen Anfällen und anderen neurologischen Störungen führen“, so Ehrenreich.

 

Antidepressive Wirkung entdeckt

In ihrer neuen Studie haben die Forscher jedoch zum ersten Mal auch eine positive Rolle der Autoantikörper im Gehirn nachgewiesen. Mäuse, bei denen die NMDA-Rezeptor-Autoantikörper durch eine durchlässige Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn eingedrungen waren, zeigten sich unter chronischem Stress deutlich mobiler und damit weniger depressiv als ihre Artgenossen mit intakter Blut-Hirn-Schranke. Bei der Auswertung einer großen Patientendatenbank fanden die Forscher heraus, dass auch Menschen mit NMDA-Rezeptor-Autoantikörpern und durchlässiger Blut-Hirn-Schranke deutlich weniger an Depressionen und Angstzuständen leiden.

Auf die Konzentration kommt es an

Die Autoantikörper wirken dabei offenbar als körpereigenes Antidepressivum. Ehrenreich vergleicht dies mit der Wirkung von Ketamin, das ein Antagonist am NMDA-Rezeptor ist. Doch dies ist nicht immer der Fall. „Offenbar bestimmt die Menge an Autoantikörpern im Gehirn, aber auch die zugrundeliegende Situation, nämlich Vorhandensein einer Entzündung oder nicht, wie diese wirken – also ob sie zum Bild einer Enzephalitis beitragen oder eine Depression verhindern“, erklärt Ehrenreich. Je nach Konzentration und Ausgangslage können Autoantikörper also höchst schädlich oder sogar segensreich sein.

Foto: Adobe.stock / Goffkein

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
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