. Medikamente im Straßenverkehr

Auch Pillen können „Promille“ machen

Mindestens fünf Prozent der in Deutschland erhältlichen Arzneimittel können die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit in einer Weise verändern, dass ihre Konsumenten nicht mehr Auto fahren sollten. Dies kann schon dann der Fall sein, wenn man sich bei harmlosen Beschwerden wie Erkältung oder Kopfschmerzen schnell mal selbst eine Tablette verordnet.
Pkw-Fahrer greift nach Tabletten im Handschuhfach

Schnell mal 'ne Kopfwehtablette einwerfen, dann geht's schon wieder: Selbstmedikation wie bei Erkältungen oder Kopfschmerzen gilt als ein Risikofaktor beim Autofahren.

Auch wenn man es nicht soll und viele es trotzdem tun: Bei Alkohol am Steuer existieren klare Promille-Grenzwerte und ein Bewusstsein dafür, dass es riskant ist, mit dieser Substanz im Blut zu fahren. Bei Medikamenten ist das anders. Mit ihnen verbindet der Durchschnittsmensch schließlich positive Dinge wie Heilung und Gesundung– und es gibt sogar Medikamente, die Fahrzeugführer erst verkehrstüchtig machen wie Mittel gegen hohen Blutdruck. Trotzdem ist auch bei Arzneimitteln Vorsicht geboten. Nach Zahlen der offiziellen Verkehrssicherheitsaktion „Gib Acht im Verkehr“ spielt bei drei bis zehn Prozent der Verkehrsunfälle die Wirkung von Medikamenten eine Rolle – sei es als Haupt- oder Mitursache.

Lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie …

Die Wirkung von Arzneimitteln kann erwiesenermaßen das für die Fahrsicherheit relevante Verhalten und die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen. Trotzdem dächten nur wenige an mögliche Auswirkungen des Arzneimittelkonsums oder daran, die Packungsbeilage zu lesen oder ihren Arzt oder Apotheker zu fragen, warnt jetzt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). „Sie gehen damit ein Risiko ein. Denn viele Medikamente haben ungeahnte Nebenwirkungen.“

 

Achtung bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka

"Besonders kritisch sind Medikamente, die den Blutzucker oder den Blutdruck stark absinken lassen, die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit beeinträchtigen oder Gefühlsschwankungen oder gar Persönlichkeitsveränderungen hervorrufen", erläutert Christian Kellner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR). Konkret bedeutet das: Schlaf- und Beruhigungsmittel, Psychopharmaka, aber auch Präparate gegen Diabetes und selbst unspektakuläre Mittel wie solche gegen Erkältungen und Allergien.

Auch die Spritze beim Zahnarzt kann die Fahrtüchtigkeit mindern

Noch gefährlicher wird es, wenn mehrere Arzneimittel als Mix gleichzeitig eingenommen werden oder zusammen mit Rauschmitteln wie Alkohol und Drogen. „Die Wirkungen der einzelnen Präparate werden verstärkt und das Reaktionsverhalten wird deutlich eingeschränkt“, warnt der DVR weiter. Auch Aufmerksamkeit, Konzentration, Sicht und Motorik könnten leiden. "Medikamentencocktails können unvorhersehbare Nebenwirkungen mit sich bringen“, warnt DVR-Chef Kellner. Personen, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen, rät er, ihren Hausarzt zu konsultieren und zu klären, ob Autofahren möglich und vertretbar ist.

Auch lokale Betäubungen, die Spritze beim Zahnarzt oder Impfungen können demnach die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Deshalb rät der Verkehrssicherheitsrat dazu, im Zweifel das Auto völlig stehen zu lassen. Die Aktion „Gib Acht im Verkehr“ sieht hierfür schon Grund genug, wenn harmlose Erkrankungen behandelt werden – erst recht in Selbstmedikation. Sie appelliert deshalb an die Selbstverantwortung: „Auch eine Bagatellerkrankung wie eine Erkältung kann sich negativ auf die Fahrsicherheit auswirken, insbesondere wenn verschiedene Präparate in Kombination eingenommen werden.“

30 Prozent der Medikamente: Warnhinweise im Beipackzettel

Nicht nur verschreibungspflichtige Medikamente, auch freiverkäufliche Arzneimittel können zum Risikofaktor beim Fahren werden. 55.000 Medikamente sind in Deutschland zugelassen. Laut der „Roten Liste“, dem Verzeichnis praktisch aller in Deutschland im Handel befindlichen Medikamente, enthalten rund 30 Prozent aller Präparate im Beipackzettel Warnhinweise zum Führen von Kraftfahrzeugen oder dem Bedienen von Maschinen. Fachleute gehen davon aus, dass sich mindestens 2.800 dieser Präparate (fünf Prozent) definitiv negativ auf die Teilnahme am Straßenverkehr auswirken können.

Insbesondere Schmerz- und Erkältungsmittel, die auch stimulierende Substanzen enthalten, zum Beispiel Koffein, führen kurzfristig zu einer subjektiv empfundenen Verbesserung der Symptome. Man fühlt sich fahrtüchtig. Allerdings kann dies auch bedeuten, dass man euphorisiert Gefahren im Straßenverkehr unterschätzt. Lässt die Wirkung des Medikamentes hingegen nach, kommt es häufig zu einer Ermüdung. Diese kann dann die Reaktionsfähigkeit deutlich verlangsamen. Deshalb sollte laut DVR bei der nächsten Erkältung vor der Einnahme von Medikamenten lieber nachgelesen oder nachgefragt werden, bevor der Zündschlüssel gedreht wird.

Foto: obs/DVR

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Hauptkategorie: Medizin
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