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21.08.2018

ASS-Prophylaxe: Standarddosis oft zu niedrig

Millionen Menschen nehmen täglich ASS zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen ein. Eine neue Studie zeigt nun, dass die Standarddosis die meisten Menschen nicht schützt. Offenbar wurde das Körpergewicht bislang unterschätzt.
Standarddosis ASS

Die Standarddosis ASS schützt vor allem Männer nicht vor Herzinfarkten und Schlaganfällen

ASS gehört zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Acetylsalicylsäure (Aspirin) verdünnt das Blut und soll so vor Herzinfarkten, Schlaganfällen und anderen kardiovaskulären Ereignissen schützen. Egal wie alt oder jung, wie groß oder klein, wie schwer oder leicht – Millionen Menschen bekommen die Standarddosis von 75 bis 100 Milligramm verordnet.

Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass diese Praxis wenig nützlich ist. Ab einem Körpergewicht von 70 Kilogramm, so zeigte die Analyse eines internationalen Teams um Prof. Peter Rothwell von der Universität Oxford, sind niedrige ASS-Dosen weniger wirksam. Gleichzeitig scheinen leichtere Menschen nicht von höheren Dosen zu profitieren.

Ab 70 Kilo praktisch wirkungslos

In die Analyse flossen 14 Studien mit insgesamt 117.279 Teilnehmern ein, darunter zehn große Studien zur Primärprävention und vier Studien zur Sekundärprophylaxe nach Schlaganfall mit Aspirin. Die Forscher unterteilten die Teilnehmer in verschiedene Gewichtsgruppen und fanden dabei heraus, dass niedrig dosiertes ASS (75–100 Milligramm täglich) bei Menschen zwischen 50 und 69 Kilogramm das Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis um durchschnittlich 25 Prozent reduzierte. Aber bereits ab einem Körpergewicht von 70 Kilogramm zeigte sich kein eindeutiger Nutzen mehr. Die Sterblichkeit bei einem ersten kardiovaskulären Ereignis war für die schwereren Personen sogar um ein Drittel erhöht. Umgekehrt war hoch dosiertes ASS von 325 Milligramm täglich oder mehr nur bei relativ schweren Menschen ab 70 Kilogramm geeignet, um Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern. Leichtere Menschen profitierten nicht davon.

 

Fachgesellschaften fordern Neubewertung

Die soeben im Fachmagazin „The Lancet“ publiziert Meta-Anlayse könnte nach Ansicht der Studienautoren erklären, warum der Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen mit ASS relativ gering ist: Immerhin bringen rund 80 Prozent aller Männer und die Hälfte aller Frauen mehr als 70 Kilogramm auf die Waage.

Der Fund aus Oxford lässt auch deutsche Wissenschaftler aufhorchen: „Jahrzehntelang haben wir ASS in einheitlichen Dosierungen verschrieben. Jetzt belegen die Analysen von Rothwell und Mitarbeitern überzeugend, dass das Körpergewicht einen erheblichen Einfluss auf die optimale Dosis in der Primär- und Sekundärprophylaxe des Schlaganfalls besitzt“, sagt Professor Armin Grau, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Die derzeit praktizierte ‚One Dose Fits All‘-Strategie müsse darum dringend überdacht werden, auch im Hinblick auf eine eventuelle Neubewertung der derzeit gültigen Leitlinienempfehlungen. Vor diesem Hintergrund appelliert die DSG zusammen mit der Deutsche Gesellschaft für Neurologie für neue Studien mit dem alten Medikament.

Foto: © carballo - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
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