Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

ASS als Primärprävention ohne Erfolg?

Acetylsalicylsäure (ASS) soll bei Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten die Gefäße wieder öffnen und vor neuen Gerinnseln schützen. Einige Mediziner empfehlen, ASS auch gesunden Menschen mit erhöhtem Herzinfarktrisiko zu verabreichen. Drei neue Studien sprechen nun gegen ASS als Primärprävention.
ASS, Primärprävention, Herzinfarkt

Gesunden Menschen scheint ASS als Prävention gegen mögliche Herzinfarkte oder Schlaganfälle nicht zu nutzen

Viele Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten nehmen täglich niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (Low-dose-ASS) zu sich, um zu verhindern, dass die Blutplättchen wieder verklumpen und neue Gerinnsel entstehen. Diese sogenannte Sekundärprävention gilt als bewährt. Einige Mediziner, besonders aus den USA, gehen sogar noch weiter und empfehlen, ASS nicht nur Herzinfarktpatienten, sondern auch gesunden Erwachsenen mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall zu verschreiben. Das ist jedoch durchaus umstritten, nicht zuletzt wegen des erhöhten Risikos für innere Blutungen durch Acetylsalicylsäure. Nun sind drei neue, groß angelegte Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass Low-dose-ASS als Primärprävention weitgehend ohne Nutzen bleibt und in keinem Verhältnis zu den Risiken steht.

Studie: Vorteile und Risiken von ASS heben sich auf

Für die ASCEND-Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, nahmen über 15.000 britische Patienten mit Diabetes täglich 100 mg ASS zu sich. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 63 Jahre alt, waren zum großen Teil übergewichtig und hatten erhöhten Blutdruck. Keiner der Probanden hatte allerdings bisher einen Herzinfarkt oder ein anderes kardiovaskuläres Ereignis gehabt.

Es zeigte sich, dass es während des Studienzeitraums von 7,4 Jahren in der ASS-Gruppe bei 658 Teilnehmern (8,5 Prozent) zu einem kardiovaskulären Ereignis gegenüber 743 Teilnehmern (9,6 Prozent) in der Kontrollgruppe kam. Damit hatte die Einnahme von „Low-dose“-ASS das Risiko eines vaskulären Ereignisses um immerhin 12 Prozent gesenkt. Doch gleichzeitig kam es bei 4,1 Prozent der Patienten, die ASS einnahmen, zu schweren Blutungen gegenüber 3,2 Prozent in der Placebogruppe. Damit hoben sich nach Angaben der Studienautoren die Vor- und Nachteile der ASS-Einnahme auf.

Auch eine – eigentlich vermutete – Prävention von Krebserkrankungen ließ sich nicht nachweisen. In der ASS-Gruppe erkrankten 897 Probanden an Krebs (11,6 Prozent), in der Placebogruppe 887 (11,5 Prozent). Auch vor Darmkrebs schützte die ASS-Gabe in der Studie nicht. In früheren Studien hatte ASS das Darmkrebsrisiko um bis zu einem Drittel gesenkt. Allerdings trat hier die krebspräventive Wirkung erst nach längerer Einnahme auf.

 

Geringer Nutzen, hohes Blutungsrisiko

Auch in der ARRIVE-Studie, die im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde, konnten die Forscher keinen Nutzen für eine Primärprävention mit „Low-dose“-ASS erkennen. An der internationalen Studie hatten 12.546 Patienten teilgenommen. Männliche Teilnehmer waren mindestens 55 Jahre alt und wiesen zwei bis vier Risikofaktoren (erhöhte Blutfettwerte, Rauchen, vermindertes HDL, Hypertonie, Einnahme von Blutdruckmedikamenten oder ein erhöhtes familiäres Risiko) auf. Weibliche Teilnehmerinnen waren über 60 Jahre alt und wiesen mindestens drei Risikofaktoren auf. Alle Probanden nahmen täglich 100 mg ASS oder ein Placebopräparat ein.

Das Ergebnis: Nur beim Endpunkt Herzinfarkt und auch nur in der Per-Protokoll-Analyse war eine protektive Wirkung nachweisbar, und zwar um 47 Prozent. In allen anderen Analysen ergaben sich keine Vorteile für ASS. Und auch hier stand dem möglichen Nutzen eine erhöhte Anzahl von Blutungskomplikationen gegenüber. Ihre Zahl war allerdings relativ gering, da Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko, darunter auch Diabetiker, von vornherein von der Studie ausgeschlossen worden waren.

Auch bei älteren Menschen keine Vorteile für ASS

Den Nutzen von Low-dose-ASS als Primärprävention bei älteren Patienten untersuchte die ASPREE-Studie. Sie wurde ebenfalls im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Die Teilnehmer waren hier im Durchschnitt 74 Jahre alt und damit älter als in vergleichbaren früheren Studien. Von den über 19.000 Probanden erhielt die Hälfte täglich 100 mg ASS, die anderen Teilnehmer bekamen ein Placebo. Hinsichtlich des Risikos für Herz-Kreislauf-Ereignisse ergab sich kein nennenswerter Vorteil für die ASS-Gruppe. Der Anstieg an inneren Blutungen hingegen war signifikant.

Unerwartet war auch hier ein anderes Ergebnis, nämlich dass die Krebssterblichkeit in der ASS-Gruppe geringfügig höher war. Die Autoren selbst raten jedoch dazu, dieses Resultat nicht überzuinterpretieren, da es im Widerspruch zu bisherigen Meta-Analysen steht. Dennoch bleibt als Fazit bestehen, dass die drei aktuellen Studien insgesamt keinen Nutzen einer Primärprävention von ASS gegen kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall nachweisen konnte, welches das eindeutig erhöhte Risiko für innere Blutungen aufwiegen würde.

Foto: © BillionPhotos.com - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Medizin , Prävention und Reha
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Blutgerinnungshemmer , Herz-Kreislauf-System , Herzinfarkt , Bluthochdruck , Schlaganfall , Prävention
 

Weitere Nachrichten zum Thema Acetylsalicylsäure

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.

Für Babys ist liebevolle Berührung existenziell: um sich geborgen zu fühlen, physisch und psychisch zu gedeihen und später normale Beziehungen eingehen zu können. Zwischenmenschliche Berührung wirkt auf sie wie ein sanftes Arzneimittel: Sie verlangsamt den Herzschlag, baut Stress ab und führt im Körper zu Entspannung.

 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin