. Schicht- und Nachtarbeit

Arbeiten gegen die innere Uhr – und trotzdem gesund bleiben

Tiere und Pflanzen leben und ruhen entlang dem Lauf der Sonne. Der Mensch hat Elektrizität und macht auch die Nacht zum Tag – dabei widerstrebt das auch seiner Natur. Arbeiten im Schicht- oder Nachtdienst irritiert die innere Regie des Körpers, stört den Schlaf und erhöht das Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen.
Bürogebäude Dämmerung Lichter brennen

Die Nacht wird zum Tag: Experten erwarten, dass in der digitalen Dienstleistungsgesellschaft die Schicht- und Nachtarbeit zunehmen wird.

Krankenschwestern, Ärzte, Polizisten, Kellnerinnen, Call-Center-Mitarbeiter und U-Bahn-Fahrer: Rund 23 Millionen Erwerbstätige in Deutschland arbeiten ständig, regelmäßig oder gelegentlich im Schichtdienst – in der Nacht, am Wochenende oder in Wechselschichten an Werktagen. Das sind knapp 58 Prozent und damit um die Hälfte mehr als noch vor 20 Jahren. Sechs Millionen sind Schicht- und Nachtarbeiter im engeren Sinn. Befeuert wird dieser Trend durch den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Per Mausklick bestellte Produkte werden oft schon am nächsten Tag geliefert – ein Service, der nur möglich ist, wenn Leute (Nacht-)Schichten ableisten. Experten erwarten, dass die Anzahl der Schichtdienstleistenden in den kommenden Jahren noch zunehmen wird: etwa weil der demographische Wandel die Nachfrage nach medizinischen und pflegerischen Dienstleistungen rund um die Uhr deutlich ansteigen lassen dürfte.

Nachtarbeit erhöht Krebsrisiko

Was für die Allgemeinheit das Leben an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang angenehm macht, dafür zahlen die Schichtarbeiter einen gesundheitlichen Preis. Sie arbeiten gegen ihre „innere Uhr“ und die ist nicht einfach nur gefühlt. Sie ist dem Menschen angeboren und programmiert uns tagsüber auf Aktivität und nachts auf Ruhe. Rauf- und runterreguliert werden zum Beispiel Herzfrequenz, Stoffwechsel, Verdauung, Atmung oder Körpertemperatur. Diese natürliche Programmierung wird durch Arbeit zu unnatürlichen Zeiten irritiert und gestresst. Experten warnen deshalb vor den Risiken des Arbeitens gegen die innere Uhr. Bei Schichtarbeit treten psychosomatische Beschwerden, körperliche Erkrankungen und psychische Störungen häufiger auf. Auch ein Zusammenhang zwischen Schichtdienst und Magen-Darm-Erkrankungen, Bluthochdruck, einem erhöhten Cholesterinspiegel und Diabetes ist belegt. Neueste Forschungsergebnisse weisen auf einen Zusammenhang von Nachtarbeit und Krebserkrankungen hin. Durch Nachtarbeit werden Produktion und Spiegel des Melatonins gestört und sinken. Das Hormon sorgt für einen guten Schlaf und gilt als wichtiges körpereigenes Antioxidans – als Stoff, der das Risiko für Krebserkrankungen senkt. Als Arzneimittel wird die Substanz sogar in der Krebstherapie eingesetzt.

 

40 Prozent der Schichtarbeiter leiden an schlechtem Schlaf

Jede Art von Schichtarbeit hat auch spezifische Auswirkungen auf den Schlaf. Nach einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) leiden 40 Prozent aller Schichtarbeiter an schlechtem Schlaf. Nach Nachtschichten ist die Schlafdauer am geringsten. Der Schlaf zeigt dann mehr Unterbrechungen und weniger Tiefschlafphasen. Bei Frühschichten ist er oft zu kurz, oberflächlich und wenig erholsam.

Schlafstörungen: Was Schichtarbeiter tun können

Was können Schichtarbeiter tun, um einen guten Schlaf und die in dieser Zeit stattfindende Regeneration von Körper, Geist und Seele zu fördern? Wissenschaftler empfehlen, dem Schlafdefizit bereits vor Arbeitsantritt vorzubeugen. Das bedeutet: am Morgen vor einer Nachtschicht ohne Wecker auszuschlafen und am Nachmittag - am besten zwischen 14 und 18 Uhr - ein kleines Nickerchen von 60 bis 90 Minuten zu halten. Eine Studie zeigte, dass sich so die Schläfrigkeit während der Nachtschicht verringert. Nach einer Serie von Nachtschichten gilt es, das "Schlafkonto" wieder aufzufüllen. Mediziner raten dazu, am besten nach Schichtende 90 bis 180 Minuten zu schlafen, dann in den normalen Tagesablauf überzugehen und am Abend wieder den gewohnten Schlafrhythmus aufzunehmen.

Grundsätzlich kann eine gute Schlafhygiene zu einer besseren Schlafqualität beitragen. Die Umgebung zum Schlafen nach der Schicht sollte dunkel und ruhig sein. Feste Rituale vor dem Zubettgehen erleichtern das Einschlafen. Den Konsum von Koffein und Nikotin sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Nicht empfehlenswert ist die Einnahme von synthetischen Schlafmitteln.

Gesundheitsverträgliche Schichtplanung: Das können Arbeitgeber tun

Führende deutsche Arbeitsmediziner fordern, dass bei der Gestaltung von Schichtarbeit auch Erkenntnisse aus der Arbeitsmedizin, der Chronobiologie und der Arbeitswissenschaft stärker berücksichtigt werden. Denn heute weiß man: Für Spättypen ("Eulen") sind Frühschichten besonders belastend. Frühtypen ("Lerchen") kommen dagegen mit Spätschichten schlecht zurecht. Grundsätzlich sollte auf eine Nachtschichtphase eine möglichst lange Ruhephase folgen – keinesfalls weniger als 24 Stunden.

Hilfsangebote für Schichtarbeiter

Bei erhöhten seelischen und körperlichen Belastungen durch den Schichtdienst können sich Betroffene unter der kostenlosen und anonymen Stress-Helpline 08000-142842 von Ärzten und Psychologen beraten lassen ( jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr). Die Techniker Krankenkasse (TK) hat eine ausführliche Ratgeber-Broschüre herausgegeben mit Tipps für Ernährung, Schlaf, Familienleben und Kriterien für eine gesundheitsverträgliche Schichtgestaltung (Titel: „Wann ist Schicht?“).

Foto: obs/Biologische Heilmittel Heel GmbH/CharlottaUlrikh/Thinkstock-Getty

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Hauptkategorie: Medizin
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