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"Arbeit macht nicht krank!"

Es gilt, Menschen gesund zu erhalten und nicht nur Kranke zu behandeln. Gesundheitsstadt Berlin sprach mit dem Vorstand der ias Stiftung und ias Aktiengesellschaft Dr. Peter Wrogemann über die Ansprüche an ein zeitgemäßes betriebliches Gesundheitsmanagement.
Dr. Peter Wrogemann

Dr. Peter Wrogemann

Was ist das besondere Ihrer Dienstleistungen?  

Wrogemann: Es ist unsere Aufgabe, ein für das Unternehmen maßgeschneidertes betriebliches Gesundheitsmanagement anzubieten. Motivierte und gesunde Mitarbeiter sind Voraussetzung für ein wettbewerbsfähiges und erfolgreiches Unternehmen. Um die Mitarbeiter ganzheitlich zu stärken ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Psychologen, Arbeitsmedizinern, Sozialarbeitern, technischem Arbeitsschutz und Ökonomen unabdingbar. Nur durch die Zusammenarbeit der Mitarbeiter dieser Disziplinen können betriebliche Prozesse und Strukturen optimiert und vor allem leistungserhaltend gestaltet werden. 

Zu unseren besonderen Leistungen zählt die EAP-Expertenberatung (Employee Assistance Program). Für Mitarbeiter und Führungskräfte besteht die Möglichkeit, in Problemlagen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Erfahrene Psychologen und Sozialberater bieten eine kompetente telefonische Beratung an. Es können sowohl Themen aus dem Arbeitsumfeld, als auch private Angelegenheiten besprochen werden. So unterstützt die EAP-Expertenberatung Mitarbeiter bei der Bewältigung der individuellen Lebenssituation und kann einen wertvollen Beitrag zur Burnout-Prävention leisten. Diese anonyme und vertrauliche Beratungsmöglichkeit durch einen unabhängigen Dienstleister wird häufig und gerne genutzt. 

Das BGM boomt – ist der Bedarf an betrieblichem Gesundheitsmanagement wirklich so groß? 

Wrogemann: Ja! Der Bedarf ist tatsächlich so groß. Es ist ein deutlicher Wandel in den Herausforderungen des Arbeitsumfelds zu erkennen. Aufgrund des rasanten technischen Fortschritts müssen wir uns ständig an neue Gegebenheiten anpassen. Der heutige Arbeitnehmer ist nahezu überall und ständig erreichbar und arbeitsfähig. Die Unterscheidung „Ich bin dann mal bei der Arbeit oder ich bin zu Hause“ gibt es so nicht mehr. Diese Entgrenzung von Arbeits- und Privatbereichen ist schwer zu handhaben und erfordert eine hohe Bewältigungs- und Anpassungsfähigkeit. Dadurch können Stressreaktionen ausgelöst und somit die Gesundheit beeinträchtigt werden. Überdies wirken auf das Arbeitsumfeld auch private Herausforderungen ein. Z.B. haben junge Menschen heute vermehrt eine andere Anspruchshaltung an die Arbeitswelt. Leben und Arbeit müssen zusammen passen, um ein ausgewogenes Leben führen zu können. Diese Entwicklung stellt die Unternehmen vor die Aufgabe, individuellen Lebensentwürfen gerecht zu werden.

Arbeit macht krank – ist das wirklich so und wie erklären Sie sich den Anstieg von Burnout-Fällen? 

Wrogemann: Arbeit macht nicht krank! Im Gegenteil. Arbeit ist gut für unser Selbstwertgefühl. Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhalten und Arbeitsumfeld können aber dazu führen, dass Mitarbeiter belastet werden. Jedoch führt nicht jede Belastung zu einer Überbelastung. Gerade bei von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Menschen ist eine starke psychomentale Belastung mit erhöhten Morbiditätszahlen festzustellen.

Auch ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für diese Themen deutlich stärker als noch vor zehn Jahren. Klagte man früher über Oberbauchbeschwerden, funktionelle Störungen und Rückenschmerzen, wird heute viel eher der Begriff Burnout benutzt. Ob es wirklich eine signifikante Anstiegswelle in diesem Bereich gibt, ist so eindeutig in der Fachliteratur nicht belegt. 

Für Führungskräfte bestehen im Umgang mit Mitarbeitern die Herausforderungen darin, psychische Probleme sowohl frühzeitig zu erkennen als auch offen anzusprechen. Prävention von Burnout wird in diesem Zusammenhang eine immer wichtigere Führungsaufgabe. Leistungserhaltendes und damit auch gesundheitsförderliches Führungsverhalten bedarf neben der Fachkompetenz auch der Sozialkompetenz der Vorgesetzten. Allerdings müssen Führungskräfte auch lernen, auf ihre eigene Gesundheit zu achten. In Seminaren vermitteln wir gesundheitsrelevante Handlungs- und Bewältigungskompetenzen sowohl für Führungskräfte als auch für deren Mitarbeiter. 

Sie beraten auch Kliniken. Ist das Krankenhauspersonal stärkeren Belastungen ausgesetzt als Mitarbeiter anderer Branchen?

Wrogemann: Die fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitswesens sorgt für eine enorme Arbeitsverdichtung im Krankenhaussektor. Hinzu kommen für den Pflegeberuf typische Arbeitsbedingungen wie Schicht-, Nacht- und Wochenenddienst, verbunden mit hohen körperlichen und psychischen Belastungen. Der enorme Kosten- und Leistungsdruck hindert Pflegkräfte oft daran, eine für alle Beteiligten zufriedenstellende und gute Pflege zu leisten und ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dies wiederum führt zu Motivationslosigkeit. Deshalb müssen wir einen Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und ethisch vertretbaren Arbeitsbedingungen schaffen. 

Kann man der Entgrenzung von „Arbeit und Privat“ entgegenwirken? 

Wrogemann: Maßnahmen, wie beispielsweise den Zugriff auf den geschäftlichen Email-Account ab 18:00 zu sperren, halte ich für wenig sinnvoll. Entweder habe ich morgens eine Ansammlung von E-Mails oder ich arbeite abends noch ein paar ab. Schließlich muss die Arbeit getan werden. 

Die Frage ist vielmehr: Wie kann ich als Individuum mit solchen Belastungen umgehen und wie kann man für sich selbst einen Ausgleich schaffen bzw. seine eigene Life-Balance finden? Diese eigenen Bewältigungsstrategien zu finden, ist eine wichtige Aufgabe für jeden. Durch gezielte Maßnahmen, z.B. durch Individual-Coaching unserer erfahrenen Psychologen, wird dies effektiv unterstützt.

Woran messen Sie Ihren Erfolg?

Wrogemann: Wir messen unseren Erfolg an der Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern in Unternehmen und damit auch direkt am Unternehmenserfolg und dessen Wettbewerbsfähigkeit. Dabei spielen unternehmensspezifische Kennzahlen eine wesentliche Rolle. Diese können Themen wie Produktivität, Fehlerquoten, Absentismus, aber auch die Dauer von Reintegration nach Krankheit, Störungen in der Teamkommunikation und Störungen im kulturellen Zusammenwirken bei multikulturellen Belegschaften sein. Unsere Mitarbeiterbefragungen helfen bei der Analyse und zeigen mögliche Handlungsoptionen auf. Die dabei identifizierten Risikofelder sind unternehmensspezifisch und bedürfen individueller Maßnahmen.

Wo sehen Sie Deutschland bei der Gesundheitsförderung im internationalen Vergleich?

Wrogemann: Die Prävention ist im Kommen, aber leider haben wir noch kein Präventionsgesetz. Sichtbar ist jedoch der Wandel von der Pathogenese zur Salutogenese, d.h. wir wollen mehr gesunde Menschen erhalten und nicht nur Kranke behandeln. Großunternehmen haben alle ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Im internationalen Vergleich befinden wir uns im Mittelfeld. Deutlich weiter als Deutschland sind in diesem Bereich die skandinavischen Länder, aber wir sind auf einem guten Weg dorthin.

Autor: Nina Stange
Hauptkategorie: Prävention und Reha
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