. Versorgungsforschung

„Aortentelefon“ senkt Mortalitätsrate bei Aortendissektion Typ A

Eine akute Typ A-Aortendissektion muss sofort behandelt werden. Doch die Diagnose ist nicht immer leicht. Selbst Notärzte können die Erkrankung mit einem Herzinfarkt verwechseln – nicht selten mit tödlichen Folgen. Das „Aortentelefon“ des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) koordiniert die Behandlung und kann damit Leben retten.
akute Aortendissektion, DHZB, Dr. Stephan Kurz, Aortentelefon

Bei einer akuten Aortendissektion ist eine schnelle Behandlung von größter Bedeutung

Bei einer Aortendissektion reißt die innere Wand der Hauptschlagader. Die gefährlichste Form ist die Typ A-Dissektion – hier ist der aufsteigende Teil der Aorta unmittelbar am Herzen betroffen. Unbehandelt verläuft die Aortendissektion in einem Großteil der Fälle innerhalb kurzer Zeit tödlich. Eine akute Aortendissektion ist daher immer ein Notfall. Nur eine sofortige Operation am offenen Herzen, die von einem geschulten Team aus Chirurgen, Kardiotechnikern, Anästhesisten und OP-Pflegern vorgenommen werden muss, kann den Patienten retten. Das Problem: Nicht immer wird die Aortendissektion gleich erkannt. Oft sorgt erst eine Untersuchung mit dem Computertomographen (CT) für Klarheit, doch dieser steht nicht überall schnell genug zur Verfügung.

Akute Aortendissektion häufig nicht erkannt

Eine der Schwierigkeiten bei der Diagnose der Aortendissektion sind die unspezifischen Symptome. So kann unter anderen der heftige Brustschmerz selbst von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des weitaus häufiger vorkommenden Herzinfarktes gedeutet werden. Was noch dramatischer ist: Wird die Aortendissektion wie ein Herzinfarkt behandelt, kann das fatale Folgen haben. Das erklärt Stephan Kurz, Facharzt für Anästhesiologie und Notfallmedizin am Deutsches Herzzentrum Berlin (DHZB): „Vereinfacht gesagt ist ein Herzinfarkt die Folge eines Blutgerinnsels und wird deshalb mit Medikamenten behandelt, die das Blut verdünnen. Bei der Aortendissektion wird die Blutung dadurch noch beschleunigt und die weitere Versorgung erheblich erschwert.“ Die Experten des DZHB gehen davon aus, dass jährlich Hunderte von Patienten an einer akuten Aortendissektion sterben, weil diese zu spät oder gar nicht erkannt wird.

 

„Aortentelefon“ unterstützt Ärzte

In einer Studie von Medizinern der Klinik für Herz,-Thorax- und Gefäßchirurgie am DHZB unter der Leitung von Stephan Kurz konnte gezeigt werden, dass die mittlere Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation bei über acht Stunden liegt. Zudem fanden die Mediziner Hinweise, dass die Aortendissektion mit hoher Wahrscheinlichkeit viel häufiger auftritt als bisher angenommen. „Anhand unserer Daten müssen wir von einer Dunkelziffer von über 200 Menschen ausgehen, die in Berlin und Brandenburg jedes Jahr verstorben sind, weil eine akute Aortendissektion zu spät erkannt oder falsch behandelt wurde“, so Kurz.

Um mehr Menschen retten zu können, hat das DHZB deshalb bereits 2015 das europaweit einzigartige Konzept eines „Aortentelefons“ ausgearbeitet: eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärzten koordinierend und beratend zur Seite steht. So soll die Zeit vom Ereignis bis zur OP nicht nur entscheidend verkürzt, sondern auch besser genutzt werden. Rund um die Uhr steht im DHZB unter der Telefonnummer 030-45932007 ein Facharzt für Anästhesie oder Herzchirurgie als Ansprechpartner für das Personal der regionalen Rettungsstellen zu Verfügung. Er leistet medizinische sowie organisatorische Unterstützung für die Kollegen vor Ort, koordiniert aber auch die Vorbereitung des Eingriffs am DHZB selbst.

Mortalitätsrate konnte bereits gesenkt werden

Wie sich zeigte, hat das „Aortentelefon“ bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Erstversorgung geführt: Die Zahl der am DHZB wegen einer akuten Typ A-Dissektion operierten Patienten stieg von durchschnittlich 80 in den Vorjahren auf 138 im Jahr 2016, das sind 70 Prozent mehr. Auch die Zeitspanne vom Eintreten der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt werden. „Viele dieser Patienten hätten ohne die zügige und effiziente Verlegung ins DHZB nicht überlebt“, erklärt Klinikdirektor Prof. Dr. Volkmar Falk, und ergänzt: „Der beste Ansporn für uns, das Projekt auszubauen und weiter voranzutreiben.“ Langfristiges Ziel des Programms ist es, die Zeit vom ersten Symptom bis zur Operation im Raum Berlin-Brandenburg zu halbieren.

Mehr zum „Aortentelefon“ lesen Sie in unserem Interview mit Dr. Stephan Kurz.

Foto: © DHZB

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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