Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

AOK fordert stärkere Spezialisierung der Kliniken

Werden in Krankenhäusern jedes Jahr nur wenige Patienten mit einer bestimmten Indikation wie beispielsweise Schlaganfall oder Herzinfarkt behandelt, erhöht dies offenbar das Sterberisiko. Die AOK fordert daher eine stärkere Zentralisierung und Spezialisierung der Kliniken.
Krankenhausversorgung, Krankenhausreport, Spezialisierung, Fallzahlen, Mindestmengen, AOK

Eine zentralisierte Krankenhausversorgung würde den Patienten nützen, so die AOK

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) zusammen mit Gesundheitsstadt Berlin und der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) den Qualitätsmonitor 2018 veröffentlicht, in dem die Autoren darlegten, dass viele Todesfälle vermieden werden könnten, wenn Kliniken Operationen nur ab den empfohlenen Fallzahlen durchführen würden. Dennoch bleiben viele Krankenhäuser unter diesen Fallzahlen. Bei der Vorstellung des Krankenhaus-Reports 2018 zum Thema „Bedarf und Bedarfsgerechtigkeit“ weisen der AOK-Bundesverband und das WIdO nun darauf hin, dass eine Zentralisierung und Spezialisierung der Krankenhäuser nötig und möglich sei.

Viele Krankenhäuser weisen nur niedrige Fallzahlen auf

Aktuelle Analysen des WIdO zeigen unter anderem am Beispiel von Darmkrebsoperationen, dass die Versorgung der Patienten durch eine Zentralisierung deutlich verbessert werden könnte. 2015 sind in Deutschland rund 44.000 Darmkrebsoperationen in mehr als 1.000 Krankenhäusern vorgenommen worden. Doch von allen Kliniken, die diese Operation angeboten haben, führte ein Viertel den Eingriff maximal 17 Mal im Jahr durch, ein weiteres Viertel hatte zwischen 18 und 33 Eingriffen. Unter der Annahme, dass nur noch zertifizierte Zentren beziehungsweise Krankenhäuser, die mindestens 50 Darmkrebsoperationen durchführen, diese Leistung erbringen dürften, blieben bundesweit 385 Kliniken für die operative Versorgung übrig.

Nicht nur bei planbaren Eingriffen wie Krebsoperationen oder Hüftprothesenimplantationen sei eine stärkere Zentralisierung nötig, so das Ergebnis des aktuellen Reports. Auch in der Notfallversorgung profitierten die Patienten davon. Zwar würden die Anfahrtswege dadurch etwas länger, allerdings betreffe dies nur wenige Regionen in spürbarem Maße. „Wenn sich die Therapiequalität erhöht und Überlebenschancen besser werden, sollten etwas längere Fahrstrecken kein Thema sein. Wir wissen aus Befragungen, dass die Menschen schon jetzt längere Wege in Kauf nehmen, um in guten Krankenhäusern versorgt zu werden“, so Jürgen Klauber, Mitherausgeber des Krankenhaus-Reports und WIdO-Geschäftsführer.

 

Spezialisierung könnte Leben retten

Auf die Notwendigkeit einer zentralisierten Krankenhausversorgung weist auch Professor Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin hin: „Die Diagnose, dass die mangelnde Konzentration von stationären Fällen zu unnötigen Todesfällen führt, wird von der Politik mittlerweile akzeptiert, auch wenn es mit der Therapie noch hapert.“ So wäre es notwendig, Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt nur in Krankenhäuser mit einer Herzkathetereinheit einzuliefern und dort zu behandeln. Von den fast 1.400 Krankenhäusern, die Patienten mit Herzinfarkten behandeln, weisen weniger als 600 eine solche Einheit auf. Das gleiche gilt für die Behandlung von Schlaganfällen. Nur gut 500 der 1.300 Kliniken, die Schlaganfälle derzeit behandeln, weisen entsprechende Schlaganfalleinheiten (Stroke Units) auf.

Gleichzeitig müsste in beiden Fällen garantiert sein, dass das Krankenhaus rund um die Uhr über entsprechende Fachärzte verfügt. Würden die Neurologen und Kardiologen so auf die Krankenhäuser verteilt werden, dass immer genau ein Facharzt verfügbar ist, würde es für jeweils nur rund 600 Krankenhäuser reichen. „Die Therapie kann also nicht lauten, jetzt noch die jeweils anderen rund 800 Krankenhäuser mit Schlaganfall- und Herzkathetereinheiten auszustatten“, so Busse.

DKG kritisiert Berechnungsmodell der AOK

Derweil weist die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Forderungen der AOK zurück. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG, ließ in einer Pressemitteilung erklären, der Krankenhausreport der AOK enthalte wie jedes Jahr „provozierende Beiträge“. Bei dem Report gehe es „offensichtlich eher um eine gezielte Diskreditierung der Krankenhausmedizin und um unverantwortliche Verunsicherung der Patienten als um saubere wissenschaftliche Recherchearbeit. Äpfel und Birnen werden verglichen, wenn aus der Analyse von Routine-Abrechnungsdaten Aussagen zur Leistungsbefähigung von Krankenhäusern oder zur Qualität von Leistungen abgeleitet werden, ohne dass die Hintergründe der jeweiligen Behandlungen durchleuchtet werden.“

Baum kritisierte, in den Berechnungen werde nicht berücksichtigt, dass viele kleine Kliniken mit geringen Fallzahlen ihre Leistungen unter Notfallbedingungen erbringen müssten. Bei diesen Leistungen liege der Altersdurchschnitt der Patienten höher als bei elektiven Eingriffen. Zudem hätten die Patienten häufiger schwerwiegende Begleiterkrankungen. Dennoch bestätigte auch Baum, dass eine Mindestanzahl von Operationen sinnvoll sein kann, „wenn das die Qualität verbessert“. Dabei sollten Fallzahlen jedoch nicht als einziges Messinstrument dienen. Eine gute medizinische Grundversorgung im ländlichen Bereich sei ebenso wichtig.

Foto: © spotmatikphoto – Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Krankenhäuser , Qualität , Operation , Gesundheitssystem
 

Weitere Nachrichten zum Thema Qualität der Krankenhausversorgung

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Alkohol ist ein Zellgift, das offenbar auch Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigt, dass sich selbst bei ansonsten gesunden Menschen das Risiko für Vorhofflimmern signifikant erhöht. Demnach haben schon kleine Mengen einen negativen Effekt.

Schwere Unfälle oder Tumor-Erkrankungen können das Gesicht massiv entstellen. Dank computerassistierter Techniken kann der langwierige und sehr belastende Zeitraum für die Wiederherstellung des Gesichts abgekürzt werden. Meist muss nur noch einmal operiert werden – auch weil Implantate mittels 3-D-Drucker schnell und patientenindividuell hergestellt werden können.

Weil Corona so oft asymptomatisch verläuft, kann über die Dunkelziffer nur spekuliert werden. Licht ins Dunkel bringt nun eine Studie Helmholtz Zentrums München. Danach waren in zweiten Corona-Welle waren drei- bis viermal mehr Kinder in Bayern mit SARS-CoV-2 infiziert, als über PCR-Tests gemeldet.
 
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin