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AOK: „Die Klimakrise ist auch ein medizinischer Notfall“

Dienstag, 25. Januar 2022 – Autor:
Je stärker sich der Klimawandel intensiviert, umso mehr wird er zur Bedrohung für die menschliche Gesundheit. „Der Klimawandel ist nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein medizinischer Notfall“, warnt jetzt der AOK-Bundesverband in einem Positionspapier. Die Prognose der AOK-Experten: Es wird mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, mehr Allergien und mehr Hitzetote – und neue Infektionskrankheiten.
Hitze: Man holt kaltes Gel-Kissen aus dem Kühlschrank und hält es sich an die Stirn.

Der Klimawandel gefährdet nicht nur das Pflanzen- und Tierreich – sondern auch die Gesundheit des Menschen. – Foto: AdobeStock/Jürgen Fälchle

Hitzewellen und Dürren, Starkregen und Überschwemmungen, Waldschäden und Ernteausfälle: Der Klimawandel ist auch in unseren Breitengraden bereits deutlich spürbar. In der Arktis schwindet das Meereis, in der Tundra schmilzt der Permafrostboden. Der Meeresspiegel steigt, der pH-Wert des Meerwassers sinkt, Pflanzen- und Tierarten sterben aus. „Doch der Klimawandel bedroht nicht nur die Ökosysteme, sondern wird auch Einfluss auf unsere Gesundheit haben“, sagt Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband. Die Klimakrise sei nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein medizinischer Notfall.

Klimakrise: Sechs Hauptgefahren für die Gesundheit

Sechs Hauptgefahren für die Gesundheit identifizieren die Experten der AOK – Gefahren, die durch Umweltverschmutzung und ein außer Kontrolle geratenes Weltklima künftig zu befürchten und teils bereits zu beobachten sind:

  1. Hitzewellen (mehr Hitzekranke/-tote, mehr Krankenhausfälle)
  2. hohe Ozonwerte (mehr Atemwegserkrankungen)
  3. hohe Feinstaubkonzentrationen (mehr Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen)
  4. Hochwasser (Krankheitserreger in den Häusern, psychische Traumatisierung)
  5. längere Pollenallergie-Saison, neue allergene Pflanzen (mehr Heuschnupfen und Asthma)
  6. neue Mückenarten, Einschleppung von sub-/tropischen Infektionskrankheiten.
 

Hitzewellen: Mehr Krankheiten, mehr Notfälle

Die in jüngster Vergangenheit aufgetretenen Hitzewellen vermitteln nach Einschätzung der AOK am deutlichsten ein Bild davon, was der Klimawandel bedeutet. Sie treten seit Mitte des 20. Jahrhunderts häufiger und länger auf, so das „Climate Service Center Germany“. Die Hitzeperioden in den Jahren 2003, 2015 oder 2018 haben gezeigt, dass Hitzschlag, Herzinfarkt, akute Nierenfunktionsverschlechterung und Atemwegsprobleme Folgen von extremer Hitze sein können.

Alte, Chroniker, Schwangere und Kinder trifft es besonders

Besonders gefährdet sind ältere Menschen und solche mit chronischen Erkrankungen, aber auch Säuglinge, Kleinkinder und Schwangere. Gesundheitliche Risiken haben zudem auch Menschen mit anstrengenden körperlichen Tätigkeiten, wenn sie dabei auch noch extremer Hitze ausgesetzt sind.

Schon jetzt: Jeder Vierte über 65 bei Hitze krankenhausreif

Wie stark der Klimawandel die Gesundheit der Menschen beeinträchtigt, zeigt auch der Versorgungs-Report „Klima und Gesundheit“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), in dem die Entwicklung und Ursachen von Krankenhauseinweisungen bei den Über-65-Jährigen analysiert wurden. Demnach ist jeder vierte AOK-Versicherte aus dieser Altersgruppe überdurchschnittlich gefährdet, an heißen Tagen gesundheitliche Probleme zu bekommen und deshalb ins Krankenhaus zu müssen. An Hitzetagen mit über 30 Grad Celsius kam es hitzebedingt zu drei Prozent mehr Krankenhauseinweisungen. Wenn die Erderwärmung ungebremst voranschreitet, so die WIdO-Prognose, könnte sich bis zum Jahr 2100 die Zahl der hitzebedingten Klinikeinweisungen versechsfachen.

Ozon: Reizgas gefährlich für Arbeit und Sport im Freien

Ein weiteres Gesundheitsrisiko stellen laut AOK hohe Ozonwerte dar. Das giftige Gas bildet sich bei hohen Temperaturen in Kombination mit Kohlenwasserstoffen, Kohlenstoffmonoxid und Stickoxiden, die meist aus dem Straßenverkehr stammen. Ozon reizt Augen und Schleimhäute. Außerdem kann es bereits bestehende Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstärken. Gerade bei Arbeiten oder Sport im Freien besteht die Gefahr, dass das Reizgas tief in die Lunge eindringt.

Feinstaub aus fossilen Brennstoffen macht Kreislauf und Atemwege krank

Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Holz nicht nur maßgeblich zum Klimawandel bei, sondern belastet auch die Luft und damit unsere Gesundheit. Ein Produkt dieser Emissionen, aber auch des Reifenabriebs im Straßenverkehr, ist sogenannter Feinstaub. „Höhere Feinstaub-Konzentrationen in der Luft führen zu einem erhöhten Risiko für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt AOK-Medizinerin Eymers weiter.

Hochwasser bringt Keime und Schimmelpilze

Auch andere Wetterextreme schaden den Menschen: Wenn Stürme, Überschwemmungen und Sturzfluten Häuser, Straßen und Brücken zerstören, sind Menschenleben akut gefährdet. Hochwasser kann aber noch weitere, teils sogar mittel- oder langfristige körperliche und psychische Schäden anrichten. Mit dem Hochwasser können sich Krankheitserreger ausbreiten, die Darmerkrankungen verursachen. Im feuchten Mauerwerk von Häusern, die unter Wasser standen, können sich Schimmelpilze ausbilden, die wiederum die Gesundheit von Allergikern und Asthmatikern negativ beeinflussen.

Naturkatastrophen traumatisieren die Psyche

Katastrophen wie die Überschwemmungen im Ahrtal in Rheinland-Pfalz sind Horror-Erlebnisse, die sich in die Seelen der Menschen eingravieren. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände, Schlafstörungen oder Depressionen zum Beispiel können die Folge sein.

Längere Pollen-Saison, aggressivere Pollen

Die Häufigkeit von Allergien wie Heuschnupfen und Asthma bronchiale hat seit den 1970er Jahren stark zugenommen – die Temperaturerhöhung hat ihren Anteil daran. „Haselnuss, Erle, Birke, und Gräser blühen früher und verlängern die Pollensaison“, sagt Ärztin Eymers. „Kohlenstoffdioxid wirkt wie ein biologischer Dünger und führt zu einer vermehrten Pollenproduktion.“ Auch die Verschiebung der Vegetationszone führt dazu, dass neue allergene Pflanzen, die ursprünglich in wärmeren Regionen beheimatet sind, sich zunehmend auch in Deutschland ausbreiten. Dazu gehört das „Beifußblättrige Traubenkraut“ (Ambrosia), das in Südosteuropa weit verbreitet ist und stark allergieauslösend ist. Vermutlich führen auch Faktoren, wie Ozon, UV-Strahlung oder eine erhöhte Kohlendioxid-Konzentration zu einer veränderte Allergenität von Pollen und tragen dazu bei, dass Allergiker länger und stärker leiden.

Mücken und Zecken: Neue Gefahren durch Insekten

Mit den steigenden Temperaturen können der AOK-Expertise zufolge auch in Mitteleuropa plötzlich Krankheitserreger auftreten, die aus Afrika oder Asien stammen – inzwischen aber auch schon von heimischen Mücken übertragen werden. So erkrankten im Sommer 2019 erstmals fünf Menschen an dem West-Nil-Fieber, das vorwiegend in den Tropen und Subtropen auftritt. Das West-Nil-Fieber ist eine grippeähnliche Erkrankung, typische Symptome sind Fieber, Muskelschmerzen und angeschwollene Lymphknoten. In schweren Einzelfällen kommt es zu Hirn- oder Hirnhautentzündungen. Vor allem bei älteren Patienten kann die Erkrankung tödlich sein.

Mit der Asiatischen Tigermücke kommt das Dengue-Fieber

Neue Mückenarten, die sich in Deutschland ansiedeln, bringen weitere Infektionsgefahren mit, etwa die japanische Busch-Mücke und die Asiatische Tigermücke, die das Dengue-Fieber übertragen können.

Auch andere, für den Menschen unangenehme Tierchen profitieren von der Wärme: Milde Winter begünstigen die Vermehrung von Zecken. Und: Mit der Auwaldzecke ist in Deutschland – nebem der klassischen Zecke, dem „Gemeinen Holzbock“ – inzwischen mindestens eine weitere – und damit neue – Zeckenart aktiv.

Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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