Antidepressiva-Tests bislang ohne wissenschaftliche Evidenz

Genetische Tests versprechen Patienten, das richtige Antidepressivum zu finden und damit einen schnelleren und besseren Behandlungserfolg. Doch bislang sind die Aussagen zu den Antidepressiva-Tests nicht von wissenschaftlichen Studien gedeckt.
Die Auswahl an Antidepressiva ist riesig. Ob Schnelltests bei der Auswahl helfen, steht noch nicht fest

Die Auswahl an Antidepressiva ist riesig. Ob Schnelltests bei der Auswahl helfen, steht noch nicht fest

Das richtige Antidepressivum zu finden, kann eine Odyssee sein. Bis die Medikamente wirken, können Wochen vergehen. Ärzte sprechen von „Wirklatenz.“ Stellt sich dann trotz des Wartens keine Wirkung ein, muss ein anderes, besseres Medikament gefunden werden - und die Prozedur geht von vorne los. Um diesen zermürbenden Prozess abzukürzen, hat sich die Industrie etwas einfallen lassen: die Untersuchung pharmakokinetisch relevanter Gene mittels Schnelltests. Ein derartiger Test ist etwa von der Firma Stada auf dem Markt, der Varianten der Zytochrom-P450-Isoenzyme CYP2D6 und CYP2C19 untersucht. Ein anderer Test der HMNC Brain Health GmbH untersucht Varianten des ABCB1-Gens. 

Keine oder widersprüchliche Studienergebnisse

„Gerade bei depressiven Erkrankungen bleibt dem Arzt manchmal nichts anderes übrig, als verschiedene Wirkstoffe in unterschiedlichen Dosierungen auszutesten, bis eine effektive Therapie gefunden wird… Verkürzen Sie diesen aufwendigen Prozess mit Hilfe des Antidepressiva Tests!“, heißt es zum Beispiel bei Stada. Knapp 400 Euro verlangt der Pharmakonzern dafür. Kranke müssen den Test aus der eigenen Tasche bezahlen, denn Krankenkassen bezahlen ihn nicht. Bislang fehlt nämlich der wissenschaftliche Beweis, dass Antidepressiva-Tests tatsächlich zu einem besseren Ansprechen auf die Behandlung führen.

Das bestätigt auch eine Publikation der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) im Fachmagazin „Nervenarzt“. In ihrem Beitrag „Genetische Tests zur Steuerung der Behandlung mit Antidepressiva“ beziehen sich die Autoren auf Aussagen der Anbieter Stada und HMNC, wonach auf erfolglose Antidepressivabehandlungen verzichtet werden könne und dass es zu einem schnelleren Ansprechen auf die Behandlung komme. „Diese Aussagen sind durch geeignete klinische Studien nicht gedeckt, da solche Studien fehlen bzw. widersprüchliche Ergebnisse liefern. Es wird daher vom routinemäßigen Einsatz dieser Tests abgeraten“, so das Autorenteam um die Professoren Bschorr, Baethge, Hiemke und Müller-Oerlinghausen.

Serumspiegel bestimmen lassen

Was die Psychiater hingegen bei Nichtansprechen auf ein Antidepressivum empfehlen, ist eine Serumspiegelbestimmung. Diese Empfehlung deckt sich mit der S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ und wird in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Nur wenn der Serumspiegel deutlich vom erwarteten Wert abweiche und andere Einflussfaktoren ausgeschlossen werden könnten, sei eine Zytochrom-P450-Genotypisierung sinnvoll, heißt es weiter. In Einzelfällen könne die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden.

Andererseits muss man wissen, dass bei vielen medizinischen Innovationen die wissenschaftliche Evidenz hinterherhinkt. Die weitere Beforschung der Bedeutung von Antidepressiva-Tests ist daher sinnvoll. Gerade erst hat die Techniker Krankenkasse (TK) Zahlen veröffentlicht, wonach sich die Zahl der Antidepressiva-Verordnungen in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat.

Foto: pixabay Freie kommerzielle Nutzung

Hauptkategorien: Medizin , Gesundheitspolitik
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