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10.09.2015

Antidepressiva nur nach strenger Indikation

Die Zahl der verordneten Antidepressiva ist in den letzten zwei Jahrzehnten um das Siebenfache gestiegen. Selbst Psychiater sehen das kritisch und fordern mehr unabhängige Information über Psychopharmaka.
Antidepressiva nur nach strenger Indikation

Zu viele Menschen schlucken Antidepressiva. Psychiater sind um den Ruf der Pillen besorgt

Antidepressiva gehören nicht in die Hausapotheke. Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen sprechen jedoch eine andere Sprache. Demnach wurden im Jahr 2013 ganze 1,4 Milliarden Tagesdosen verordnet, was einer Versorgung von etwa 3,7 Millionen Menschen entspricht. Im Vergleich zum Jahr 1991 ist das ein Anstieg um das Siebenfache. Damals wurden noch 200 Millionen Tagesdosen pro Jahr verordnet – ausreichend für eine Jahrestherapie von 550 Millionen Menschen. Seither  ist der Markt für die sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) besonders stark gewachsen.

Mehr Aufklärung über Nebenwirkungen

Der stetige Anstieg gibt offenbar auch Psychiatern zu denken. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Dr. Iris Hauth mahnte am Dienstag in Berlin mehr Aufklärung an. „Ärzte sollten ihre Patienten sorgfältig und transparent über den Nutzen eines Wirkstoffs, aber auch über dessen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen aufklären“, sagte die Psychiaterin. Gerade zu Beginn einer Behandlung würden oft die Nebenwirkungen überwiegen. „Deshalb sollten Psychopharmaka nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden“, so Hauth.

Ob dies allerdings immer der Fall ist, darf bezweifelt werden. Ein Drittel aller Psychopharmaka wird heute von Hausärzten verschrieben. Zudem wird ein Großteil der Antidepressiva ohne jede Depressionsdiagnose verordnet, wie Gerd Glaeske vom Bremer Zentrum für Sozialpolitik auf der DGPPN-Tagung berichtete.

Psychiaterin Hauth forderte deshalb dazu auf, Psychopharmaka nur nach strenger Indikationsstellung in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen zu verordnen. Zudem dürfe nicht einseitig auf eine medikamentöse Therapie gesetzt werden. Auch psychotherapeutische Verfahren und weitere therapeutische Schritte sollten Teil eines Gesamt-Behandlungsplans sein, so die Expertin.

 

Antidepressiva nutzen bei leichten Depressionen kaum

Dass Psychopharmaka heute nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, hat mit zu ihrem schlechten Ruf beigetragen. Dabei können die Pillen gerade bei schweren Depressionen durchaus wirksam sein. Andererseits betrachtet selbst die DGPPN Antidepressiva bei leichten Depressionen schon längst nicht mehr als das Mittel der Wahl. Gesundheitsökonom Gerd Glaeske untermauert das: „Die Responserate von Antidepressiva gegenüber Placebo liegt bei leichten Depressionen bei rund 20 Prozent, eine ausreichende Wirksamkeit kann daher nicht erwartet werden.“ Selbst bei mittelschweren Depressionen bestünden offenbar begründete Zweifel am Nutzen von Antidepressiva, meinte Glaeske, so dass sie in Kombination mit psychotherapeutischen Verfahren der Behandlung schwerer Depressionen vorbehalten sein sollten.

Mehr Aufklärung scheint daher vor allem bei Ärzten geboten. Die DGGN drückt es etwas subtiler aus: Das Wissen um Wirkungsweisen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Interaktionen von Psychopharmaka wachse rasant, hieß es. Dieses Wissen müsse noch viel breiter in der Versorgung ankommen.

Foto: © fotomek - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
 

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