Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
22.02.2019

Antibiotikaresistenzen: Ausbreitung schneller als bisher angenommen

Am Beispiel von Fischen aus Aquakultur konnten Forscher neue Erkenntnisse dazu gewinnen, wie Antibiotikaresistenzen zwischen verschiedenen Bakterien ausgetauscht werden. Offenbar sind die Übertragungsmechanismen vielfältiger als bisher angenommen
Antibiotikaresistenzen, Antibiotika, Resistenzen, Fische

An Experimenten mit Fischen konnten Forscher zeigen, dass sich Antibiotikaresistenzen sehr viel schneller ausbreiten als bisher angenommen

Seit ihrer Entdeckung gehören Antibiotika zu den wichtigsten Waffen gegen bakterielle Infektionen, insbesondere, wenn diese lebensbedrohlich sind. Doch häufig werden sie ohne wirklichen Grund verschrieben oder unsachgemäß eingenommen. Auch in der Tierzucht kommen Antibiotika massenhaft zur Anwendung. Die Folge: Antibiotikaresistenzen werden zu einem immer größeren Problem im Gesundheitswesen. Nun wurde festgestellt, dass die Mechanismen der Resistenzübertragungen zwischen verschiedenen Bakterien vielfältiger sind als bisher angenommen. Dies konnten Forscher des Helmholtz Zentrums München, der Universität Kopenhagen und der Universität im brasilianischen Campinas am Beispiel von Fischen aus Aquakultur zeigen. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin „Microbiome“.

Antibiotikaresistenzen nehmen immer weiter zu

„In den letzten 70 Jahren hat der Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin stetig zugenommen und zu einem dramatischen Anstieg von resistenten Mikroorganismen geführt“, sagt Prof. Dr. Michael Schloter, Leiter der Abteilung Vergleichende Mikrobiomanalysen (COMI) am Helmholtz Zentrum München. Besonders dramatisch sei, dass viele Mikroorganismen nicht nur gegen ein Antibiotikum resistent sind, sondern gegen eine Vielzahl unterschiedlicher Substanzen. Das erschwere insbesondere die Behandlung von Infektionskrankheiten, so der Wissenschaftler, der federführend an der aktuellen Studie beteiligt war. „Wir wollten nun herausfinden, welche Mechanismen der Resistenzentwicklung zugrunde liegen“, so Schloter.

 

Bakterien tauschen Resistenzen untereinander aus

Schloter und sein Team sowie Wissenschaftler um Gisle Vestergaard (Universität Kopenhagen und Helmholtz Zentrum München) untersuchten Fische aus einer Aquakultur: Konkret ging es dabei um Piaractus mesopotamicus, eine als Pacu bekannte Fischart aus Südamerika, die oft in Aquakulturen gehalten wird. Die Tiere bekamen über 34 Tage das Antibiotikum Florfenicol mit der Nahrung, währenddessen und danach nahmen die Wissenschaftler Proben aus dem Verdauungstrakt und suchten nach entsprechenden genetischen Veränderungen bei den dort ansässigen Bakterien.

„Wie erwartet führte die Gabe des Antibiotikums zu einer Zunahme der Gene, die für entsprechende Resistenzen verantwortlich sind“, erklärt COMI-Doktorand Johan Sebastian Sáenz Medina, Erstautor der Arbeit. „Ein Beispiel sind etwa Gene für Pumpenproteine, die den Wirkstoff einfach wieder aus den Bakterien heraus transportieren. Besonders interessant war für uns aber auch die zunehmende Zahl sogenannter mobiler genetischer Elemente in der Nähe dieser Resistenz-Gene“, ergänzt Sáenz Medina. „Das ließ vermuten, dass die Bakterien Resistenzen auch durch Viren – sogenannte Phagen - und Transposons untereinander austauschen.“

Resistenzgene werden an anderen Stellen eingefügt

Weitere Untersuchungen bestätigten, dass diese mobilen genetischen Elemente quer durch das Genom springen, dabei Teile des Erbguts mitreißen - darunter auch die Resistenzgene - und andernorts wieder einfügen. Bisher war man davon ausgegangen, dass vor allem sogenannte Plasmide (leicht übertragbare "Mini-Chromosomen") für den Austausch von Resistenzgenen verantwortlich sind.

„Die Erkenntnis, dass die Resistenzen auch abseits von Plasmiden im großen Umfang zwischen Bakterien übertragen werden, ist durchaus überraschend“, erklärt Schloter. „Darauf aufbauend sollten entsprechende Ausbreitungsmodelle überprüft und angepasst werden. Zudem regen unsere Daten durchaus zum Nachdenken an, ob und in welchem Umfang man die weltweit zunehmende Anzahl von Aquakulturen mit Antibiotika betreiben sollte.“

Foto: © grooveriderz - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Antibiotika , Antibiotikaresistenzen
 

Weitere Nachrichten zum Thema Antibiotikaresistenzen

31.08.2018

Die Entdeckung des Penicillins vor 90 Jahren war ein Meilenstein der Medizingeschichte. Diese glückselige Ära könnte bald vorbei sein. Antibiotikaresistenzen könnten bis 2050 zur größten weltweiten Gesundheitsbedrohung werden, prognostizieren Experten.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten


Vor der Covid-19-Impfung Schmerzmittel einzunehmen, um mögliche Nebenwirkungen zu vermeiden, ist nicht ratsam. Denn Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol könnten die Wirkung des Impfstoffs beeinflussen. Auch die Einnahme von Schmerzmitteln direkt nach der Impfung könnte die Immunantwort abschwächen.
 
Kliniken
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin