Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Antibiotika vor dem Kaiserschnitt: Eine Gefahr für Neugeborene?

Dienstag, 10. Mai 2022 – Autor:
Antibiotika sind Standard vor oder während eines Kaiserschnitts. Was das Infektionsrisiko für die Mütter mindern soll, könnte die Gesundheit von Neugeborenen jedoch längerfristig beeinträchtigen. Eine Studie findet nun eine geschädigte Darmflora und Gene für Antibiotikaresistenzen.
Kaiserschnittkinder kommen früh mit Antibiotika in Kontakt. Das hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit

Kaiserschnittkinder kommen früh mit Antibiotika in Kontakt. Das hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit – Foto: © Oksana Kuzmina - Fotolia

In Deutschland kommt ungefähr jedes dritte Kind mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Dass zur Infektionsprophylaxe Antibiotika gegeben werden, wissen viele Mütter gar nicht. Internationale Leitlinien empfehlen die Gabe der antimikrobiellen Prophylaxe 30 bis 120 Minuten vor dem Eingriff, um die Mütter vor einer Infektion zu schützen. Allerdings kommen dadurch die ungeborenen Kinder bereits im Mutterleib mit Antibiotika in Kontakt.

Antibiotika vor Kaiserschnitt schädigen Darmflora

Tierstudien haben gezeigt, dass der Kontakt mit Antibiotika vor oder während der Geburt einen deutlichen Einfluss auf die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms bei den Nachkommen hat. Eine geschädigte Darmflora erhöht zum Beispiel das Risiko Kindheitsasthma, Allergien und Fettleibigkeit.

Ob das auch beim Menschen so ist, haben nun Forscher des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF)  im Rahmen einer klinischen Studie untersucht. Hauptaugenmerk der Studie war, inwieweit der Zeitpunkt der Antibiotika-Gabe – vor dem Öffnen der Bauchdecke oder nach Abklemmen der Nabelschnur – die Darmflora der Neugeborenen beeinflusst. Wird der Mutter die Antibiotika-Prophylaxe erst nach dem Abklemmen der Nabelschnur gegeben, gelangen die Medikamente nicht mehr in den Blutkreislauf des Kindes.

 

Zeitpunkt der Antibiotika-Gabe entscheidend

Um Unterschiede herauszufinden, wurde die mikrobielle Flora in Stuhlproben von 40 Säuglingen nach einem Monat und nach einem Jahr untersucht. Außerdem bestimmten die Wissenschaftler die mikrobielle Zusammensetzung der Stuhlproben mittels Gensequenzierung und entwickelten Vorhersagemodelle für die sich daraus ergebenden metabolischen Unterschiede der Darmfloren.

Dabei zeigte sich, dass Kinder, deren Mütter die Antibiotika kurz vor dem Eingriff bekommen hatten, langanhaltende Veränderungen in der Darmflora hatten. „Unsere Studie zeigt, dass der Zeitpunkt der prophylaktischen Antibiotika-Gabe die Entwicklung der Darmflora – insbesondere das Vorherrschen bestimmter Bakteriengattungen und Stoffwechselwege – in Kindern im ersten Lebensjahr signifikant beeinflussen kann“, erklärt Studienleiter Prof. Christoph Härtel. Dieser frühe Kontakt zu Antibiotika könne die Gesundheit der Kinder nachhaltig beeinflussen kann.

Gene für Antibiotikaresistenzen gefunden

Darüber hinaus machten die Forscher noch einen weiteren beunruhigenden Fund: Sie entdeckten Gene für Antibiotikaresistenzen, die bereits in den ersten Lebenstagen erworben wurden. Aufgrund der kleinen Studiengröße konnte allerdings kein deutlicher Zusammenhang zwischen den Resistenzgenen und dem vorgeburtlichem Kontakt mit Antibiotika festgestellt werden.

„Das Vorhandensein von Resistenzgenen schon in den ersten Lebenstagen ist ein Warnsignal“, sagt betont Co-Studienleiter Prof. Jan Rupp aus Lübeck. Es weist darauf hin, „dass ein früher Kontakt mit Antibiotika soweit als möglich vermieden werden sollte, um später notwendige antimikrobielle Therapien nicht durch bereits vorhandene Resistenzen zu gefährden.“

Die Studienergebnisse sind jetzt im Fachmagazin „Gut microbes“ erschienen.

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Kaiserschnitt , Antibiotika
 

Weitere Nachrichten zum Thema Kaiserschnitt

18.09.2019

Chronische Bronchitis, ADHS, Entwicklungsstörungen: Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, haben später auffällig größere gesundheitliche Probleme als auf natürlichem Wege geborene Kinder. Das ergibt sich aus dem Kindergesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK). Besonders groß ist das Risiko für krankhaftes Übergewicht.

 

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
 
Weitere Nachrichten
Die Zahl der Apotheken vor Ort geht zurück, der Marktanteil der Online-Apotheken steigt. Doch welche Versandapotheken sind vertrauenswürdig? Für wen ist der Einkauf im Internet sinnvoll? Und kann man gefälschte Arzneimittel erkennen?


 
Interviews
Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin