. CDC-Studie

Antibiotika-Nebenwirkungen bei Kindern nicht unterschätzen

Antibiotika gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamente für Kinder. Es gibt jedoch gute Gründe, den Einsatz gut zu überdenken. Jedes Jahr müssen Tausende Kinder wegen Nebenwirkungen in Notaufnahmen behandelt werden.
Antibiotika, Nebenwirkungen, Kinder, Darmflora

Antibiotika können schwere Nebenwirkungen machen. Gerade bei kleinen Kindern werden Darmflora und Immunsystem empfindlich gestört

Fieberhafte Infekte gehören im Säuglings- und Kleinkindalter dazu wie das Amen in der Kirche. Schließlich muss sich das Immunsystem der Kleinen erst schrittweise an die Umweltkeime gewöhnen. Da meist Viren hinter den Infekten stecken, sind Antibiotika in diesen Fällen vollkommen wirkungslos. Doch die Sorge von Kinderärzten und Eltern, etwas Schlimmes zu übersehen, ist oft stärker als die Vernunft: Antibiotika gehören zu den Medikamenten, die Kindern am häufigsten verschrieben werden.

Studien hatten bereits zeigen können, dass mehr als ein Drittel der Antibiotika-Verschreibungen für Kinder überflüssig ist. Nun zeigt eine Studie des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC), wie riskant diese Praxis ist. Demnach müssen in den USA jedes Jahr tausende Kinder wegen Nebenwirkungen von Antibiotika in Notaufnahmen behandelt werden.

Krank durch Amoxicillin et al.

Für ihre Analyse haben die Wissenschaftler landesweite Schätzungen zu Verschreibungen von Antibiotika außerhalb von Krankenhäusern sowie Daten über Aufenthalte in Notaufnahmen von Kindern unter 19 Jahren ausgewertet. Im Untersuchungszeitraum 2011 bis 2015 wurden 70.000 Kinder aufgrund unerwünschter Wirkungen in Notaufnahmen eingeliefert. In den meisten Fällen handelte es sich mit 86 Prozent um allergische Reaktionen wie Hautausschlag, Juckreiz oder Flüssigkeitsansammlungen unter der Haut und damit starken Schwellungen.

Die Analyse zeigte weiter, dass Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern unter zwei Jahren am häufigsten die amerikanischen Notaufnahmen aufsuchten. 41 Prozent der Betroffenen gehörten zu dieser Altersgruppe. Unterschiede gab es auch bei den verschiedenen Antibiotika. Das Antibiotikum Amoxicillin war bei Kindern unter neun Jahren am häufigsten für die Nebenwirkungen verantwortlich. Die Wirkstoffe Sulfamethoxazol und Trimethoprim führten dagegen bei den 10-bis 19-jährigen am häufigsten zu einem Besuch in der Notfallambulanz.

 

Risiken im Auge behalten

Die im "Journal of the Pediatric Infectious Diseases Society" publizierten Ergebnisse weisen darauf hin, dass unerwünschte Wirkungen bei Antibiotika weit verbreitet, klinisch signifikant sind und für die kleinen Patienten gesundheitliche Folgen haben. „Unsere Studienergebnisse sollten Eltern und Ärzte daran erinnern, dass Antibiotika zwar bei richtigem Einsatz Leben retten, dass sie Kinder aber auch schädigen können und daher nur eingesetzt werden sollten, wenn es wirklich nötig ist“, erklärt Forschungsleiterin Maribeth C. Lovegrove.

Auswirkungen auf die Darmflora

Akute Nebenwirkungen, wie sie in der aktuellen Studie dokumentiert werden, sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Es ist auch bekannt, dass Antibiotika bei viralen Infekten kontraproduktiv sind und  die Darmflora angreifen. Kürzlich hatte eine Studie von Forschern der Universität Helsinki gezeigt, dass der Einsatz von Antibiotika im Kleinkind-Alter die Entwicklung der Darmflora behindert. Danach dauert es in der Regel rund ein Jahr, bis sich die Darmflora von einer Antibiotika-Behandlung erholt.Werden zwischendurch wieder Antibiotika eingenommen, kann sich die Darmflora nicht regenerieren.

Da im Darm ein großer Teil des Immunsystems sitzt, wird die Abwehr zumindest vorübergehend geschwächt. Darum ist der häufige Einsatz von Antibiotika im Kleinkind-Alter mit einem erhöhten Risiko von immunvermittelten Erkrankungen wie entzündlichen Darmerkrankungen und Asthma sowie Übergewicht assoziiert.

Last but not least fördert jede einzelne Antibiotikagabe die Entstehung von Resistenzen. Die wichtigste Waffe gegen bakterielle Infektionen wird somit mehr und mehr wirkungslos.

Foto: DAK/Wigger

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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