. Atemwegsinfekte

Antibiotika bei Erkältung und Grippe überflüssig

Bei Erkältung und Grippe werden nach wie vor zu viele Antibiotika verschrieben. Experten gehen davon aus, dass jedes zweite verordnete Antibiotikum überflüssig ist. Lungenärzte schlagen jetzt Alarm.
Erkältete Patienten brauchen kein Antibiotika-Rezept

Erkältete Patienten brauchen kein Antibiotika-Rezept

Noch geht die Grippe um. Und wer sich nicht gerade mit einem Influenzavirus angesteckt hat, liegt möglicherweise mit einer dicken Erkältung im Bett. Beide Erkrankungen haben gemeinsam, dass sie von Viren ausgelöst werden. Antibiotika sind da bekanntlich nutzlos, denn sie wirken nur gegen bakterielle Infektionen. Dennoch dürften viele erkältete Patienten dieser Tage, ein Antibiotikum verordnet bekommen haben. Eine Umfrage der TK aus 2016 hatte gezeigt, dass jeder vierte Versicherte, der erkältet war, von seinem Hausarzt ein Antibiotika-Rezept bekam. Wenn nicht eine bakterielle Super-Infektion vorliegt, ist das sinnlos und sogar gefährlich.

Unnötige Nebenwirkungen, mehr Antibiotika-Resistenzen

„Da Atemwegsinfektionen meist durch Viren ausgelöst werden, bringen Antibiotika keine Linderung. Stattdessen wird der Patient nur unnötigen Nebenwirkungen ausgesetzt“, betont Professor Mathias Pletz von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Eine weitere Gefahr: Der hohe Antibiotika-Verbrauch in unserer Gesellschaft beschleunigt die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen. Schlimmstenfalls entstehen multiresistente Keime, die auf gar kein Medikament mehr ansprechen.

Wichtig ist es darum eine virale von einer bakteriellen Infektion zu unterscheiden. So gehört eine bakterielle Lungenentzündung definitiv mit einem Antibiotikum behandelt, eine virale Pneumonie dagegen nicht.

40 bis 60 Prozent des Antibiotikaverbrauchs einsparbar

Mithilfe von Procalcitonin, einem Entzündungsparameter im Blut, können Ärzte nachweisen, ob es sich um eine bakterielle Infektion handelt. Studien zeigen, dass die Verordnung von Antibiotika nach Procalcitoninwert bei ambulant erworbenen Atemwegsinfektionen 40 bis 60 Prozent Antibiotikaverbrauch einsparen kann, ohne die Patienten zu gefährden.

„Hier fehlt es aber noch an geeigneten Tests, die der Hausarzt in der Praxis durchführen kann“, sagt Infektionsmediziner Pletz. Seiner Ansicht nach können Patienten mithelfen, überflüssige Antibiotika einzusparen, beispielsweise durch regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife. Das schützt vor Infektionen. Und natürlich Impfungen. Die jährliche Influenza-Impfung ist für jeden sinnvoll, insbesondere für Menschen mit vielen Kontakten zum Beispiel in medizinischen Berufen. Kinder, Senioren und Menschen mit chronischen Erkrankungen sollten sich außerdem nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gegen Pneumokokken impfen lassen.

Auch wenn der Patient bereits ein Antibiotikum einnimmt, kann er noch einiges gegen die Resistenzentwicklung tun. Wie bei jedem Medikament, gilt auch für die Einnahme von Antibiotika: Sie sollte so kurz wie möglich und so lange wie nötig erfolgen. „Antibiotika müssen nicht immer bis zum Ende der Packung eingenommen werden. Manchmal reicht eine verkürzte Anwendung“, weiß Pletz. Patienten sollten die Medikamente jedoch niemals in Eigenregie absetzen, "sondern dies mit ihrem Arzt besprechen."

Foto: AOK Mediendienst

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Antibiotika , Antibiotikaresistenzen , Multiresistente Erreger , Erkältung , Grippe

Weitere Nachrichten zum Thema Antibiotika-Resistenzen

| Immer mehr Menschen und Waren reisen um die Welt – und mit ihnen Krankheitserreger. Auch in Industrieländern sind scheinbar überwundene Infektionskrankheiten wieder auf dem Vormarsch. Ein Netzwerk deutscher Wissenschaftler warnt vor einer „post-antibiotischen Ära“, in der harmlose Krankheiten tödlich enden können, weil Antibiotika nicht mehr wirken, und fordert eine Intervention der Politik.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Rauchen ist ein bekannter Risikofaktor für Parodontitis. Wie groß der Einfluss wirklich ist und wie viele Parodontitisfälle auf den Tabakkonsum zurückzuführen sind, haben nun Zahnmediziner der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berechnet.
Der Konsum von Computer, Smartphone und Co. könnte bei Kleinkindern zu Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit führen. Das haben Wissenschaftler der Universität Leipzig herausgefunden. Sie warnen vor einem regelmäßigen Gebrauch elektronischer Medien durch kleine Kinder.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Interviews
Noch zu wenige Versicherte nehmen die Darmkrebsvorsorge wahr. Die AOK Nordost geht deshalb neue Wege. Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost und verantwortlich für das Ressort Versorgung, erläutert das Engagement, das soeben mit dem Felix Burda Award ausgezeichnet wurde.
Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) bedeutet für viele Patienten meist einen weitgehenden Verlust ihres bisherigen Lebens. Dennoch gibt es bisher kaum wirksame Therapien und zu wenig Forschung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen über die Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten gesprochen.