. Innovationsfonds / Ersatzkassen / Kassenärztliche Bundesvereinigung

Antibiotika bei Atemwegsinfekten – muss das sein?

Sind Antibiotika bei Infekten der oberen Atemwege wirklich nötig? Das fragen nicht nur manche Patienten. Auch Ärzte sollten diese Frage sorgfältig beantworten. Für Versicherte der Ersatzkassen startet dazu nun ein neues Projekt.
Antibiotika bei Atemwegsinfekten

Gute Beratung beim Arzt kann unnötige Antibiotika-Rezepte ersetzen.

Antibiotika bewusst verschreiben und einnehmen – das ist das Ziel des Projektes Resist das der Ersatzkassenverband vdek seinen Versicherten in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) seit Juli anbietet. Für das Projekt erhalten insgesamt 3000 Hausärzte, Kinderärzte und Internisten eine spezielle Schulung. Außerdem werden sie extra dafür bezahlt, dass sie sich Zeit nehmen, um mit ihren Patienten über Alternativen zu einem Antibiotika-Rezept zu sprechen. „Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist für den Heilungsprozess insbesondere in der Zeit von Fake News  wichtiger als je zuvor“, sagt KBV-Vorstand KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.

Die Ärzteorganisation und der Krankenkassenverband hoffen, dass diese Maßnahmen dazu führen, dass nur noch dann Antibiotika verordnet werden, wenn sie wirklich nötig sind – und dass sie dann auch konsequenter eingenommen werden. Auf diese Weise wollen sie dazu beitragen, die Resistenzbildung von Bakterien gegen Antibiotika einzudämmen. Denn je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller bilden sich Bakterien, bei denen diese Antibiotika nicht mehr wirken.

Knapp 40 Millionen mal im Jahr verordnen deutsche Ärzte Antibiotika

„Deutschland ist kein Hochverordnungsland, aber wir können noch besser werden“, sagt Professor Attila Altiner, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Uniklinik Rostock. Sein Institut hat für das Projekt im Vorfeld die Studienlage erforscht und wird auch den Erfolg des Projektes untersuchen.

Rund 38 bis 40 Millionen Antibiotika-Verordnungen zählt der vdek pro Jahr in Deutschland. Damit liege Deutschland europaweit im unteren Drittel. Trotzdem gehen Krankenkassen davon aus, dass fast ein Drittel der Verordnungen unnötig sind. Diese Verordnungen will das Projekt durch intensive Gespräche zwischen Arzt und Patient reduzieren. Denn Altiner geht davon aus, dass Ärzte oft Antibiotika verordnen, weil sie davon ausgehen, dass ihre Patienten das erwarten. „Die Erwartungshaltung von Patienten wird aber häufig überschätzt“, so Altiner. Er kritisiert auch, dass zu oft Breitband-Antibiotikum verordnet würden „aus der falschen Annahme heraus, damit auf der sicheren Seite zu sein“.

 

Kassen und Ärzte für einen bewussten Einsatz von Antibiotika

Dafür will das Projekt Resist nun ein Bewusstsein schaffen. „Unser Ziel ist es, Ärzte und Patienten zu einem sensibleren Umgang mit Antibiotika zu bewegen und dadurch die Qualität der Versorgung zu verbessern“, so die Vorstandsvorsitzende des vdek Ulrike Elsner. Die ersten 650 von angestrebten 3000 Ärzten haben die Schulung schon absolviert.

Foto: auremar – fotolia.com

Autor: Angela Mißlbeck
Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
 

Weitere Nachrichten zum Thema Antibiotika bei Atemwegsinfekten

| Die Entdeckung des Penicillins vor 90 Jahren war ein Meilenstein der Medizingeschichte. Diese glückselige Ära könnte bald vorbei sein. Antibiotikaresistenzen könnten bis 2050 zur größten weltweiten Gesundheitsbedrohung werden, prognostizieren Experten.
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Die Ursachen von Multipler Sklerose (MS) sind noch nicht hinreichend verstanden. Zunehmend geraten B-Zellen in Verdacht, Schäden in der Hirnhaut auszulösen. Eine neue Arbeit der TU München liefert nun wertvolle Erkenntnisse.
Die Deutschen nehmen immer mehr Nahrungsergänzungsmittel zu sich. Ob das sinnvoll ist, bleibt jedoch fraglich. Die Verbraucherzentralen warnen unter anderen davor, dass viele Präparate zu hoch dosiert sind.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Interviews
Die akute Aortendissektion ist immer ein Notfall. Einer Studie zufolge könnte vielen Menschen das Leben gerettet werden, wenn sie rechtzeitig und adäquat behandelt werden würden. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Dr. Stephan Kurz vom Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) über die Versorgungssituation und das erfolgreiche Projekt „Aortentelefon“ gesprochen.
Dr. Iris Hauth, Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weißensee, berichtet in Ihrem Buch "Keine Angst!" über Ursachen und Behandlung von Depressionen - und wie man sich davor schützen kann.
Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité, über die Grenzen der Schulmedizin, den Wildwuchs in der Naturheilkunde und warum sich beide Disziplinen gerade näherkommen.