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Anstieg von Krebserkrankungen ist „Unstatistik“ des Monats

Je höher die Lebenserwartung, desto größer das Krebsrisiko. Dem Psychologen Gerd Gigerenzer ist dieser Zusammenhang in der Medienberichterstattung jedoch zu kurz gekommen. Jetzt hat er die prognostizierte Zahl von 20 Millionen Krebsfällen zur Unstastik des Monats erklärt.
Anstieg von Krebserkrankungen ist „Unstatistik“ des Monats

Unstatistik des Monats: Zahlen ohne Zusammenhang vermitteln ein völlig falsches Bild

Der Berliner Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer kämpft schon lange gegen Fehlinterpretationen von Statistiken und in gewisser Weise auch gegen eine Volksverdummung. Zusammen mit dem Bochumer Ökonom Thomas Bauer und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer hat Gigerenzer 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Ziel ist ein vernünftigerer Umgang mit Daten und Fakten.

Im Februar haben die drei Wissenschaftler nun die Zahl der weltweit mehr als 20 Millionen Krebsneuerkrankungen zur Unstatistik des Monats erklärt. Mit dieser Zahl rechnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2025. Nicht den Anstieg auf 20 Millionen Krebsfälle zweifeln die Wissenschaftler um Gerd Gigerenzer an, sondern sie kritisieren deren Interpretation. In den Medien falle die Ursache für diesen Anstieg, nämlich die steigende Lebenserwartung, fast gänzlich unter den Tisch. So entstünde ein vollkommen falscher Eindruck.

Die Krebs-Inzidenz hängt auch vom Wohlstand ab

„Wenn es nicht so zynisch klänge, könnte man geradezu sagen: Je mehr Menschen in einer Region an Krebs erkranken, desto höher ist dort die an der Lebenserwartung gemessene Umweltqualität und der Standard der Hygiene und Medizin“, schreiben die Autoren von unstatistik.de in einer Pressemitteilung. Mit anderen Worten: Dort, wo die Lebenserwartung am höchsten ist, erkranken auch mehr Menschen an Krebs. Und eine hohe Lebenserwartung ist eben eng mit dem Wohlstand einer Gesellschaft verbunden. So zeige die Statistik, dass die weltweit höchste Lebenserwartung in Japan und Island zu verzeichnen sei, schreiben Gigerenzer und seine beiden Co-Autoren. Gleichzeitig sei dort die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, maximal. Der Weltkrebsbericht weise auf diesen Zusammenhang auch hin. „Aber wie leider so oft werden diese Hinweise von angstmachenden Medien beiseite geschoben oder nur beiläufig erwähnt“, so die Autoren.

 

Wissenschaftler kritisieren Panikmache

Anlässlich des Weltkrebstags am 4. Februar war der „drastische Anstieg von Krebserkrankungen“ eines der Haupt-Schlagzeilen in der vergangenen Woche. Die WHO hatte mit ihrem Weltkrebsbericht die entsprechende Grundlage geliefert. „Vor allem in deutschen Medien hat dieser Bericht zu den üblichen hektischen Panikreaktionen und Forderungen nach staatlichen Eingriffen geführt“, kritisieren Gigerenzer & Co.

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer leitet das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Prof. Dr. Walter Krämer leitet die Fakultät Statistik der TU Dortmund und Prof. Dr. Thomas K. Bauer ist Vizepräsident des Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (RWI). Auf der Internetseite www.unstatistik.de nehmen die drei Wissenschaftler jeden Monat eine andere Statistik bzw. deren Interpretation unter die Lupe. „Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben“, heißt es in der Mitteilung zur Unstatistik des Monats Februar.

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