Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Angstlösendes Mittel schaltet chronischen Juckreiz ab

Donnerstag, 16. August 2018 – Autor:
Chronischer Juckreiz ist nicht nur zermürbend, sondern auch schwer zu therapieren. Linderung verspricht jetzt ein experimentelles Medikament aus der Schweiz. Es dockt an Rezeptoren an, die den Juckreiz in den Nervenzellen unterdrücken.
chronischer Juckreiz, Behandlung

Neuer Behandlungsansatz bei chronischem Juckreiz: Bei Hunden funktioniert er schon – Foto: ©sushytska - stock.adobe.com

Wenn’s mal juckt, ist das ganz schön unangenehm. Aber meist hat der Juckreiz einen sichtbaren Grund, etwa ein Mückenstich, und ist nach ein paar Tagen wieder verschwunden. Anders bei Menschen, die unter chronischem Juckreiz leiden. Neben Neurodermitis können etwa Nieren- oder Lebererkrankungen einen immer wiederkehrenden oder gar ständigen Juckreiz verursachen. Das ist zermürbend, zumal es nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gibt. Oft werden dann Medikamente verschrieben, die die eigentlich für andere Krankheiten entwickelt wurden, zum Beispiel Antidepressiva oder Immunsuppressiva. Diese "Verlegenheitsmedikamente" verschaffen den Betroffenen häufig nicht die erhoffte Linderung und haben dazu noch Nebenwirkungen.

Juckreiz wird nicht weitergeleitet

Nun verspricht ein experimenteller Ansatz der Universität Zürich, akuten und chronischen Juckreiz zu lindern. Der Trick: Ein ursprünglich als angstlösendes Medikament entwickelter Arzneistoff dockt an zwei kürzlich entdecke Rezeptoren und verhindert, dass das Juckreizsignal weitergeleitet wird. Oder anders ausgedrückt: Die Wirkung bestimmter Nervenzellen im Rückenmark, die die Weiterleitung von Juckreizsignalen ins Hirn hemmen, wird durch das Mittel verstärkt.

 

Ekzeme schneller geheilt

Bisher wurde der Wirkstoff an Mäusen und Hunden getestet: Bei ihnen verschwand offenbar nicht nur der akute Juckreiz, sondern auch chronischen Juckbeschwerden bei ekzemartigen Veränderungen der Haut: „Mäuse, die den Arzneistoff verabreicht bekamen, kratzten sich weniger und ihre Hautveränderungen verheilten deutlich schneller als bei Tieren, die mit Plazebo behandelt wurden“, berichtet Prof. Hanns Ulrich Zeilhofer vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich. Dieselbe juckreizlindernde Wirkung habe sich auch in Versuchen mit Hunden gezeigt. Unerwünschte Nebenwirkungen seien in keinem der Experimente aufgetreten. 

Ähnliche Wirkung bei Menschen erhofft

„Die Ergebnisse unserer Studie lassen hoffen, dass die Substanz, die wir getestet haben, auch beim Menschen wirkt“, so der Pharmakologe. Gleichzeitig seien die Erkenntnisse für die Tiermedizin wertvoll, denn, so Zeilhofer: «Haushunde leiden wie Menschen häufig an chronischem Juckreiz. Auch sie können also von einer neuen Therapie profitieren.“

Die am Juckreiz beteiligten Nervenzellen hatte Zeilhofers Arbeitsgruppe bereits vor drei Jahren entdeckt. Anschließend konnten die Forscher mithilfe von genetischen Mausmodellen zwei spezifische Rezeptoren identifizieren, über die sich die Wirkung der besagten Nervenzellen im Rückenmark steuern lässt. Es handelt sich dabei um Rezeptoren aus der GABA-Familie, über die zum Beispiel Benzodiazepine oder andere Schlaf- und Beruhigungsmittel wirken. Das jetzt in Zürich erfolgreich getestete Medikament dockt an den beiden neu entdeckten GABA-Rezeptoren an.

Aufgrund der viel versprechenden Ergebnisse entwickeln die Forscher die Substanz nun zusammen mit einer Firma zu einem Arzneimittel für die Human- und Tiermedizin weiter.

Foto: © sushytska - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Haut
 

Weitere Nachrichten zum Thema Haut

30.05.2019

Die ersten Mücken der Saison haben schon zugestochen. Kühlen statt Kratzen heißt jetzt die Devise. Doch das ist bei starkem Juckreiz gar nicht so einfach.

15.12.2018

Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Rosacea. Die chronische Hautkrankheit belastet das Privat- wie das Berufsleben der Betroffenen viel stärker als bisher angenommen. Eine weltweite Umfrage unter Ärzten und Patienten bringt jetzt Licht in den Alltag mit Rosacea.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Bevor eine Multiple Sklerose diagnostiziert wird, haben Betroffene oft schon unerkannte Krankheitsschübe. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler aus München in einer neuen Studie gekommen. Damit stellt das Team die Theorie der sogenannte Prodromalphase in Frage.


 
Interviews
Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin