. Sozialmedizinische Analyse

An sozialer Isolation sterben Alte auch

Die Distanzbestimmungen der Coronakrise sollen allen voran Personengruppen schützen, deren Sterblichkeitsrisiko besonders groß ist. Doch Einsamkeit und Isolation schaden nicht nur dem Herz-Kreislauf-System und der psychischen Gesundheit. Sie erhöhen ihrerseits die Sterblichkeit. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) hin.
Alte und junge Frau mit grünen Corona-Masken

Gute soziale Kontakte zu anderen Menschen können das Sterblichkeitsrisiko für alte Menschen senken - Einsamkeit und Isolation können es erhöhen.

Alten- und Pflegeheime gehörten von Anfang an zu den Brennpunkten der COVID-19-Pandemie in Deutschland. Im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg starben in den ersten Wochen 43 der 165 Bewohner, in St. Nikolaus in Würzburg 22 von 100. Keine gesellschaftliche Gruppe erscheint so verletzlich gegenüber dem Coronavirus wie die Alten. Fast ein Drittel aller Corona-Toten in Deutschland stammt aus Alten- oder Pflegeheimen. Deshalb wurden die Bestimmungen über den Abstand von Mensch zu Mensch hier besonders früh und strikt umgesetzt. Im Zimmer bleiben, fast kein Kontakt Mitbewohnern, kein Besuch von Angehörigen. Was vor COVID-19 schützen soll, kann aber seinerseits zu Todesfällen führen. Darauf weist jetzt die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) in München hin.

„Deutliche Belege für erhöhte Sterblichkeit bei sozialer Isolation“

Das „Kompetenznetz Public Health zu COVID-19“, ein Zusammenschluss von 25 wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Verbänden aus dem Bereich Public Health in Deutschland, Österreich und der Schweiz, hat in die wissenschaftliche Erkenntnislage systematisch aufgearbeitet und das Sterblichkeitsrisiko älterer Menschen in sozialer Isolation und Einsamkeit untersucht. Professor Andreas Seidler, der Leiter des Projekts, bringt das Ergebnis auf den Punkt: „Wir konnten deutliche Belege für eine erhöhte Sterblichkeit bei sozialer Isolation und – mit etwas schwächerer Erkenntnislage – bei selbst wahrgenommener Einsamkeit älterer Menschen finden“.

 

US-Studie: Isolation erhöht Sterblichkeit um fast ein Drittel

Laut einer Metastudie der amerikanischen Bringham Young University, die in der jetzt vorgestellte Analyse zitiert wird, erhöht soziale Isolation das Mortalitätsrisiko um 29 Prozent. Dies wird anhand des folgenden Zahlenbeispiel konkret gemacht: Von 1.000 bei Studienbeginn nicht sozial isolierten Menschen mit Durchschnittsalter 66 Jahre sterben innerhalb der nächsten sieben Jahren etwa 250. Von 1.000 Menschen mit sozialer Isolation sterben etwa 323 – 73 mehr. Aus anderen Studien lässt sich umgekehrt ablesen, dass eine gute soziale Verbundenheit von Menschen das Sterblichkeitsrisiko um bis zu 13 Prozent senken kann.

Isolation schadet Hormonhaushalt, Immun- und Nervensystem

Erklärt wird die erhöhte Sterblichkeit unter anderem mit stressbezogene Auswirkungen sozialer Isolation auf den Hormonhaushalt, das Immunsystem und das autonome Nervensystem.

Das „Social Distancing“ der Coronakrise ist noch zu jung, als dass es in Studien bereits hätte untersucht werden können. Deswegen weist die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) in einer Mitteilung darauf hin, dass der wissenschaftliche Erkenntnisstand das Problem Isolation bei alten Menschen in der Vor-Corona-Zeit beschreibt. Fest steht aber: Schon unter „normalen“ Bedingungen schaden Einsamkeit und Isolation alten Menschen.

Die Wissenschaftler des Kompetenznetzes Public Health gehen davon aus, dass eine Lockerung oder irgendwann eine Beendigung der Corona-bezogenen Maßnahmen das Sterblichkeitsrisiko mindern dürften, betonen aber auch, dass dies eine plausible Annahme aufgrund der aktuellen Wissenslage darstellt, die noch nicht durch wissenschaftliche Evidenz untermauert ist. Alten- und Pflegeheimen raten sie dazu, Maßnahmen zur Minderung der sozialen Isolation Älterer zu ergreifen, um einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko entgegenzuwirken.

In Experteninterviews des Kompetenznetzes mit Leitungskräften in Alten-und Pflegeheimen wünscht sich die überwiegende Zahl der Befragten Leitungskräfte eine Erleichterung der Isolierungsmaßnahmen bei Bereitstellung entsprechender Schutzausrüstungen für die An-und Zugehörigen. Dabei wurde aber als bedeutsam herausgestellt, Besucher darin zu unterweisen, Körperkontakt zu vermeiden und die An-wesenheit zeitlich zu limitieren.

Maßnahmen gegen soziale Isolation in Alten- und Pflegeheimen

Um den Folgen der sozialen Isolation entgegenzuwirken, wurden von den befragten Leitungskräften in norddeutschen und hessischen Alten-und Pflegeheimen folgende Maßnahmen als erfolgversprechend angesehen:

  1. Vermehrte psychosoziale Betreuung durch Pflege-und Betreuungskräfte (vermehrte direkte Ansprache, Bücher-oder Erzählnachmittage, Kleingruppenangebote, mit Einschränkungen: vermehrte digitale Angebote)
  2. Unterstützung bei der kontaktlosen Kommunikation der Bewohner mit Angehörigen (durch Telefonate, Briefe, soweit möglich digital,über Balkon beziehungsweise Terrasse)
  3. fest vereinbarte Sprechstunden unter Schutzbedingungen.

Foto: AdobeStock/asdf

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