. Interview

„Alter ist auch etwas Subjektives“

Senioren fühlen sich heute jünger als früher – und sind es Studien zufolge auch. Doch woran liegt das und was bedeutet Alter heute überhaupt? Über diese und andere Fragen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem renommierten Alternspsychologen Prof. Dr. Hans-Werner Wahl gesprochen.
Prof. Hans-Werner Wahl

Prof. Dr. Hans-Werner Wahl

Professor Wahl, wie jung sind unsere „Alten“ heute?

Wahl: Sie sind tatsächlich „jünger“ als Menschen gleichen Alters in früheren Zeiten – das weisen Untersuchungen eindeutig nach. So werden die Menschen beispielsweise in ihren kognitiven Funktionen von Generation zu Generation leistungsfähiger. Kurz gesagt: Wir haben noch nie so schlaue „Alte“ gehabt wie heute.

Bis zu welchem Alter gilt das ungefähr?

Wahl: Wir stellen fest, dass Senioren heute bis zu einem Alter von ungefähr 75 bis 80 Jahren im Durchschnitt kognitiv sehr leistungsfähig sind. Danach gibt es dann einen leichten Knick und es beginnt eine gewisse Abwärtsspirale. Natürlich sind dabei große individuelle Unterschiede zu verzeichnen. Aber selbst bei den sogenannten Hochaltrigen über 90 Jahren ist der Durchschnitt heute kognitiv leistungsfähiger als früher. Und während das in zurückliegenden Jahrzehnten eher Einzelfälle waren, sind 90-Jährige, die sich noch ausgesprochen fit fühlen, heute viel normaler geworden.

Aber überall hört man doch, dass die Demenzrate immer weiter zunimmt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wahl: Nur bedingt. Tatsächlich werden die Menschen ja immer älter und dementsprechend nimmt natürlich auch die absolute Zahl der Demenzerkrankungen zu. Die Rate nimmt jedoch nicht zu, sondern scheint – zumindest gibt es dafür einige Hinweise – eher abzunehmen.

Woran liegt das?

Wahl: Wir sind überzeugt, dass dies zu einem großen Teil an der verbesserten Bildung liegt. Aus Untersuchungen wissen wir, dass Bildung einen Schutzfaktor vor Demenz darstellt und zum Erhalt der kognitiven Funktionen beiträgt. Übrigens wird die insgesamt verbesserte kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen auch darauf zurückgeführt, dass Frauen in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel häufiger beruflich tätig waren, als dies früher der Fall war. Und Berufstätigkeit bedeutet, zumindest in den meisten Fällen, auch ein regelmäßiges geistiges Training, was wiederum vor dem Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit schützt. Wir sprechen dabei von der sogenannten „kognitiven Reserve“, die den Auswirkungen normaler altersbedingter Abbauprozesse entgegenwirkt.

Lässt sich denn diese verbesserte Leistungsfähigkeit, von der Sie sprechen, auch bei der körperlichen Fitness von Senioren feststellen?

Wahl: Absolut. Man kann sagen, dass die heute 70- bis 75-Jährigen körperlich etwa so fit sind wie die 60-Jährigen vor 30 Jahren. Das ist auch durch Daten aus Kohortenstudien belegbar.

Dann stellt sich ja die Frage, ab wann heute das sogenannte „Alter“ beginnt und was überhaupt „alt“ ist?

Wahl: Richtig, es ist gar nicht so einfach zu sagen, was alt ist und die Einstellung dazu verändert sich auch. Das zeigt sich z. B. in der Selbstwahrnehmung der Menschen. Viele über 65-Jährige sehen sich heute selbst durchaus nicht als alt an – alt sind eigentlich immer nur die anderen. Gleichzeitig gibt es aber auch ab einem gewissen Alter eine Art Stolz darauf, dieses hohe Alter erreicht zu haben.

Das klingt alles recht ermutigend, und auch in Ihrem Buch „Die neue Psychologie des Alterns“ stellen Sie die positiven Aspekte des Alters heraus. Dennoch sind viele Menschen nach wie vor der Ansicht, dass es einem im Alter eher schlechter gehen wird.

Wahl: Ja, mit dem Alter sind immer noch viele negative Assoziationen verbunden. Und natürlich nehmen Krankheiten zu, es gibt Verluste, auch Einsamkeit ist ein Thema. Dennoch sind viele Menschen im höheren Alter zufriedener als in jüngeren oder mittleren Jahren. Selbst unter den Hochbetagten sagen immer noch rund 80 Prozent, sie seien zufrieden mit ihrem Leben – trotz diverser Krankheiten oder Behinderungen. Und selbst die Angst vor dem Tod scheint im Alter eher nachzulassen. Menschen mittleren Alters sind davon sehr viel stärker betroffen.  

Das heißt, wir haben es zum Teil selbst in der Hand, wie wir uns im Alter fühlen?

Wahl: Richtig, Menschen sind durchaus in der Lage, ihr eigenes „objektives“ Alter subjektiv umzudeuten. Und die Forschung zeigt, dass dieses sogenannte „subjektive Altern“ einen großen Einfluss auf Wohlbefinden, kognitive Leistungsfähigkeit und sogar die Mortalität hat.  

Aber kann es nicht auch sein, dass es umgekehrt ist, dass diejenigen, die sich schon früh alt fühlen, einfach schon stärker von Krankheiten geplagt sind? Lässt sich überhaupt unterscheiden, was Ursache und was Wirkung ist?

Wahl: Das ist natürlich eine gute Frage. Studiendaten zufolge ist es aber doch eher so, dass die Lebenszufriedenheit weitgehend unabhängig von objektiven Kriterien wie beispielsweise Krankheiten ist. Menschen, die grundsätzlich dem Altern gegenüber positiv eingestellt sind, haben demnach tatsächlich bessere Chancen, auch zufrieden alt zu werden. Wir stellen immer wieder fest, dass die Auffassung, man sei „alt“ und könne dies oder jenes nicht mehr, meist schon im mittleren Alter beginnt. Wer so denkt, ist natürlich auch weniger motiviert, noch einmal etwas Neues auszuprobieren, was wiederum zu positiven Erfahrungen führen könnte. Andere hingegen freuen sich auf das Alter, machen Pläne, lernen noch einmal eine neue Sprache, holen ihr altes Instrument wieder heraus oder reisen viel. Und all das wirkt sich natürlich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und auch die Gesundheit aus.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Prof. Dr. Hans-Werner Wahl ist Psychologe, Seniorprofessor und Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Altern und Umwelt, Adaptationsprozesse im späten Leben, die Rolle subjektiven Alternserlebens sowie den Umgang mit Verlusten.

Foto: Lotte Ostermann

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Hauptkategorie: Demografischer Wandel
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