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. Blutkrebs-Behandlung

Akute Leukämie: Das sind die Risiken einer Knochenmarktransplantation

Bei einer akuten Leukämie ist das blutbildende Knochenmark erkrankt. Eine Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation ist oft die einzige Chance auf Heilung. Doch die Behandlung kann zu lebensbedrohlichen Abstoßungsreaktionen führen.
Guido Westerwelle hat den Kampf gegen Leukämie verloren. Er starb ein halbes Jahr nach seiner Knochenmarktransplantation

Guido Westerwelle hat den Kampf gegen Leukämie verloren. Ein halbes Jahr nach seiner Knochenmarktransplantation starb er am Freitag in Köln

Der Tod von Guido Westerwelle (54) bewegt Millionen Menschen. Der FDP-Politiker und ehemalige Außenminister war am Freitag an den Folgen seiner Leukämiebehandlung im Kölner Universitätsklinikum gestorben - nur eineinhalb Jahre, nach der Diagnose „Akute Myeloische Leukämie“. Hierbei handelt es sich um eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, die die Bildung gesunder Blutkörperchen verhindert. Westerwelle bekam zunächst eine hochdosierte Chemotherapie. Die Chromosomen seiner Leukämiezellen waren aber offenbar so stark verändert, dass er sich im vergangen Herbst einer Knochenmarktransplantation unterziehen musste. In seiner Autobiografie „Zwischen zwei Leben“ beschreibt Westerwelle seinen Kampf gegen den Blutkrebs und die Schwierigkeit, einen passenden Spender zu finden.

Unterschied Knochenmarktransplantation / Blutstammzelltransplantation

Eine allogene Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation wird dann durchgeführt, wenn alleinige Chemotherapien nicht Erfolg versprechend sind. Die Transplantation ist dann die einzige Chance auf Heilung. Voraussetzung ist, dass über das Zentrale Knochenmarkregister ein passender Spender gefunden wird, dessen HLA-Merkmale (Humanen Leukozyten-Antigene) weitgehend mit denen des Patienten übereinstimmen müssen. Identisch sind sie jedoch nie, außer bei eineiigen Zwillingen.

Die Stammzellen können entweder aus dem Knochenmark, dem Ort ihrer Entstehung, gewonnen werden, oder aus der Blutbahn. Je nachdem, welche Zellen genutzt werden, handelt es sich um eine Knochenmarktransplantation oder um eine periphere Stammzellentransplantation. Letzteres ist das jüngere der beiden Verfahren. Bevor dem Patienten die blutbildenden Zellen transplantiert werden, wird das körpereigene Immunsystem mittels einer hochdosierten Chemotherapie zerstört. Da aus den gespendeten Stammzellen ein neues, gesundes Immunsystem entsteht, kann dieses auch möglicherweise übrig gebliebene bösartige Zellen im Körper des Patienten zerstören. In vielen Fällen geht das gut und die Patienten überleben ihre Leukämie.

Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion: gefürchtet und gleichzeitig erwünscht

Doch die Behandlung mit fremden Knochenmark bzw. Blutstammzellen birgt nach wie vor Risiken. Bis ein neues Immunsystem aufgebaut ist, besteht die Gefahr lebensbedrohlicher Infektionen. Die transplantationsbedingte Sterblichkeit ist demzufolge relativ hoch. Aber auch bei erfolgreichem Verlauf kann es zu Komplikationen kommen. Die transplantierten, Zellen, also das neue Immunsystem, erkennen den Körper als fremd und bekämpfen ihn. In der Medizin heißt das „Transplantat gegen-Wirt-Reaktion“ oder auch „Graft versus Host Reaktion“. Ist diese Reaktion“ besonders stark, können Organe wie Haut, Darm, Leber oder Augen schwer geschädigt werden. Da sich das Immunsystem zudem nur langsam erholt, ist das Infektionsrisiko auch Monate nach der Transplantation noch groß. Oft kann der Körper Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder Pilze kaum noch abwehren und es kommt gehäuft zu Infektionskrankheiten wie Blasen- und Lungenentzündungen.

Westerwelle erlag einer Lungenentzündung

Das Dilemma: Um die gefürchteten Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, müssen die weißen Blutkörperchen des Spenders in ihrer Angriffslust durch abwehrunterdrückende Medikamente gebremst werden. Allerdings lässt sich niemals genau vorhersagen, wie heftig die Abstoßungsreaktionen nach der Transplantation sein werden. Und in gewisser Weise sind die Abwehrreaktionen sogar erwünscht. Bei Leukämie verfolgen die Ärzte nämlich eine doppelte Heilungsstrategie: Zum einen werden durch die hoch dosierte Chemotherapie Leukämiezellen abgetötet. Zum anderen besteht die Chance, dass die Spenderimmunzellen in ihrer „Transplantat gegen-Wirt-Reaktion“ auch eventuell übrig gebliebene Leukämiezellen angreifen und vernichten. Die eigentlich gefürchtete Abwehrreaktion der Spenderzellen unterstützt also auch die Blutkrebs-Therapie. Guido Westerwelle hat das aber letztlich nichts genützt: Medienberichten zufolge starb er an einer Lungenentzündung. 

Foto: © fotoliaxrender - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin

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