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24.01.2021

Ärzte verordnen zu oft „Reserve-Antibiotika"

34 Millionen Mal im Jahr erhalten Patienten in Deutschland Antibiotika. In der Hälfte der Fälle – und viel zu oft bei leichteren – verschreiben Ärzte sogenannte Reserve-Antibiotika. Das zeigt eine Analyse des AOK-nahen WIdO-Instituts. Dabei sollen diese Medikamente nur zum Einsatz kommen, wenn alle anderen nicht mehr helfen. Diese Verordnungspraxis verstärke noch das Problem der „Resistenzen“.
Frau schaut skeptisch auf Pille, die sie in den Fingern hält.

Als Patient*in kritisch sein, erscheint als Mittel der Wahl: Auch bei leichteren Infektionen verordnet mancher Arzt offenbar sorglos sogenannte Reserve-Antibiotika. Dabei sollten die für schwerere Fälle zurückgehalten werden.

Jeder Autofahrer weiß: Das Reserverad schraubt man drauf, wenn man einen Platten hat. Und: dass man es selten macht. Und dass das Reserverad – wie der Name sagt – als Reserve für Notfälle gedacht ist und nicht als Standardlösung. Niemand käme auf die Idee, wie selbstverständlich mal ein paar Wochen mit normalen Reifen zu fahren – und dann wieder ein paar Wochen mit Reserverädern. Dieses Bild scheint aber der Lage bei den Antibiotika zu entsprechen. „Jedes zweite verordnete Antibiotikum ist ein Reservemedikament“, warnt jetzt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Die Gefahr dabei: „Je sorgloser sie verordnet werden, desto resistenter werden Bakterien gegen Antibiotika“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. „Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung zunehmend stumpfer."

Verordnungsvolumen auf „besorgniserregend hohem Niveau“

Knapp 18 Millionen Verordnungen von Reserve-Antibiotika registrieren die gesetzlichen Krankenkassen derzeit jährlich bei ihren Versicherten. Mit einem Anteil von 53 Prozent wurde im Kalenderjahr 2019 in jedem zweiten Fall von Ärzten ein Reserveantibiotikum verschrieben. Nach einer Berechnung des WIdO auf Basis der Alters- und Geschlechtsprofile der AOK-Versicherten wurden 2019 12,1 Millionen Kassenpatienten mindestens einmal mit einem Reserveantibiotikum therapiert – und damit jeder sechste. Das Verordnungsvolumen sei zwar seit 2012 statistisch leicht rückläufig, bewege sich aber unverändert auf einem „besorgniserregend hohen Niveau“.

 

Reserve-Antibiotika bei einfachen Infektionen?

„Dieser hohe Anteil von verordneten Reserve-Antibiotika ist aus Expertensicht problematisch, da diese Medikamente eigentlich nur Mittel der zweiten Wahl darstellen“, heißt es beim WIdO weiter. Obwohl in ambulanten Arztpraxen erfahrungsgemäß meist harmlose Infektionen behandelt werden, werden sie von manchen Ärzten immer wieder dennoch verschrieben. Nach den ärztlichen Behandlungsleitlinien sollen die Reserve-Antibiotika nicht zur Therapie einfacher Infektionen eingesetzt werden, sondern nur dann, wenn Standard-Antibiotika – wie zum Beispiel die bewährten und in vielen Fällen wirksamen Penicilline – nicht mehr helfen. Die Patientengruppen, die in Deutschland am häufigsten Antibiotika (jeglicher Art) verschrieben bekommen, sind Stadtbewohner, Senioren und Kinder.

Massentierhaltung forciert Antibiotika-Resistenzen

Verstärkt wird das Problem durch zwei weitere Faktoren: die Massentierhaltung und die Profitfreudigkeit der Pharmaindustrie. In der Tierhaltung zur Produktion von Lebensmitteln werden laut WIdO im Jahr mit 670 Tonnen zusätzlich noch einmal doppelt so viele Antibiotika eingesetzt wie bei der Heilung von Menschen (339 Tonnen). Die Wirkstoffe gelangen über die Nahrungskette in die Konsumenten (über den Verzehr von Rind- und Schweinefleisch, Geflügel und Fisch) oder über das Grundwasser. Die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika verursachen schwerwiegende Probleme: Bereits heute sterben nach Angaben der Europäischen Seuchenbehörde ECDC in der EU jedes Jahr rund 33.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen die die verfügbaren Antibiotika machtlos sind. Das Problem der Resistenzen könnte Experten zufolge schon in nicht allzu ferner Zukunft pandemieähnliche Dimensionen annehmen.

Pharmaindustrie entwickelt kaum noch neue Antibiotika

Obwohl angesichts der wachsenden Zahl von Resistenzen und deren Bedrohlichkeit der Bedarf an Medikamenten, die in ihrer Schlauheit den Erregern eine Nasenlänge voraus sind, massiv ist, hat sich die Arzneimittelindustrie aus der Entwicklung neuer Antibiotika weitgehend zurückgezogen. „Unter den 316 neuen Wirkstoffen, die die pharmazeutische Industrie in den letzten zehn Jahren in Deutschland auf den Markt gebracht hat, befanden nur acht neue antibiotische Wirkstoffe“, registriert das WIdO.Erst in jüngster Zeit sind drei weitere große Pharmahersteller aus der Antibiotika-Entwicklung ausgestiegen, darunter der britisch-schwedische Konzern Astrazeneca, der als COVID-19-Impfstoff-Hersteller aktuell in den Schlagzeilen ist.

Antibiotika für Hersteller offenbar nicht profitabel genug

Vielen Pharmaunternehmen sind Antibiotika offenbar nicht lukrativ genug. „Die Pharmaindustrie fokussiert sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen höhere Preise und höhere Umsätze erzielt werden können", sagt WIdO-Vize-Chef Schröder. Und spricht von einem „klassischen Marktversagen".

Foto: AdobeStock/asdf

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Hauptkategorie: Medizin
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