Ärzte im Rollenwandel: Vom „Halbgott in Weiß“ zum Partner auf Augenhöhe?

Umfragen zufolge nehmen viele Patienten ihre Medikamente nicht wie verordnet oder sogar gar nicht ein. Doch wie kommt es dazu? Werden Patienten zu wenig in die medizinischen Entscheidungen eingebunden? Und muss sich das Arzt-Patienten-Verhältnis grundlegend wandeln?
Partizipative Entscheidungsfindung, Arzt-Patienten-Kommunikation

Partizipative Entscheidungsfindungen werden immer wichtiger in der medizinischen Versorgung

„Ich habe zu Hause so viele Medikamente, die mir vom Arzt verschrieben wurden, die ich aber nie genommen habe. Das weiß mein Arzt aber nicht.“ - Diese Aussage einer Patientin, Mitte 70, mit verschiedenen alterstypischen, jedoch nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen beschreibt keine ungewöhnliche Situation. Bedenklich ist das nicht nur hinsichtlich der Gesundheit der Patienten – auch aus Kostengründen ist das ausgesprochen problematisch. So hat das Marktforschungsinstitut IMS Health vor einigen Jahren errechnet, dass im deutschen Gesundheitssystem alleine durch Medikamente, die nicht richtig oder gar nicht eingenommen werden, Verluste von bis zu 13 Milliarden Euro entstehen.

Wie groß die Probleme sind, hat auch die „RA narRAtive Erhebung“ gezeigt, für die zwischen September 2014 und Januar 2016 fast 4.000 Patienten und über 1.600 Ärzte zur Therapie der Rheumatoiden Arthritis befragt worden waren. Eines der Ergebnisse: 41 Prozent der befragten Patienten erklärten, ihre Medikamente nicht gemäß der ärztlichen Verordnung einzunehmen. Als Grund nannten die Patienten unter anderem, dass sie die Erklärungen ihres Arztes nicht verstanden haben und sich nicht trauten, weiter nachzufragen.

Informieren Ärzte zu wenig über verschiedene Behandlungsoptionen?

Gerade bei chronischen Erkrankungen ist es für die Therapietreue der Patienten wichtig, sie an den Entscheidungen über ihre Behandlung teilhaben zu lassen. Während bei akuten Erkrankungen oft keine Wahlmöglichkeit existiert und schnelles Handeln nötig ist, sind bei chronischen Krankheiten mit unsicherer Prognose und mehreren Optionen partizipative Entscheidungen ein wichtiger Faktor.

Nicht wenige Mediziner sagen daher heute: Der Patient sollte mitentscheiden können, was ihm wichtig ist, welche Ziele er hat und welche Nebenwirkungen er dafür in Kauf zu nehmen bereit ist. Christine B., Multiple-Sklerose-Patientin, 45 Jahre, wünscht sich Ärzte, die offen über mögliche Therapieoptionen und deren Vor- und Nachteile sprechen – sogar, wenn sie dabei zugeben, dass es keine Garantie für einen Behandlungserfolg gibt: „Ich bin dankbar, wenn mir ein Arzt auch mal sagt: ‚Ich weiß es nicht.‘ Ich kann ihm dann eher vertrauen und fühle mich zudem als Patientin ernstgenommen.“

Mitspracherecht von Patienten kann Behandlungserfolg verbessern

Die stärkere Beteiligung von Patienten ist seit einigen Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung geraten. Erst kürzlich erklärte auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), diesen Ansatz in Zukunft verstärkt in die bisher vor allem leitlinienbasierte Kardiologie aufzunehmen. So sagte DGK-Präsident Professor Hugo Katus: „Auch wenn noch einige kritische Details zu klären sind, muss sich die Kardiologie der Partizipativen Entscheidungsfindung öffnen.“

Doch auch wenn das Prinzip hierzulande allmählich größere Akzeptanz findet – im medizinischen Alltag scheint es noch nicht wirklich angekommen zu sein. Untersuchungen in der ambulanten Versorgung haben ergeben, dass Patienten nur wenig an medizinischen Entscheidungen beteiligt werden und Ärzte nur selten darüber informieren, dass es mehr als eine Behandlungsmöglichkeit gibt. Dabei zeigen verschiedene Studien, dass Partizipative Entscheidungsfindungen bei den Patienten zu realistischeren Erwartungen und zu einer aktivere Beteiligung führen und gleichzeitig die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessern. Und neuere Studien weisen sogar darauf hin, dass dadurch bessere Behandlungsergebnisse zu erwarten sind.

Nicht alle Patienten wünschen sich mehr Informationen

Doch nicht für alle Patienten scheint das der richtige Weg zu sein. Darauf macht Professor Hartmut Schröder, Lehrstuhlinhaber für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Viadrina in Frankfurt/Oder, aufmerksam. Er betont, dass Informationen immer etwas Ambivalentes sind und zu viele Informationen auch durchaus problematisch sein können. Das bestätigt auch die Nocebo-Forschung. Im Gegensatz zum Placebopräparat, das helfen kann, obwohl keinerlei Wirkstoffe darin enthalten sind, spricht man vom Nocebo, wenn alleine der Zweifel an einer Therapie deren Wirksamkeit einschränkt. Auch zeigen Studien, dass bei Patienten schon die Annahme, sie würden ein neues Medikament erhalten, zu neuen „Nebenwirkungen“ führen kann.

Patientengespräche mit Feinfühligkeit führen

Alleine das Vertrauen in den Arzt und die Therapie kann also offenbar die Wirkung einer Behandlung beeinflussen. Doch soll das bedeuten, dass Ärzte keine Zweifel äußern dürfen – oder heißt das nicht vielmehr, dass die Patientengespräche noch feinfühliger und noch genauer auf das jeweilige Gegenüber zugeschnitten sein sollten? Denn offensichtlich haben nicht alle Patienten dieselben Bedürfnisse. So haben Umfragen gezeigt, dass gerade ältere Menschen froh sind, wenn ihr Arzt ihnen einfach sagt, was sie tun sollen. Ähnliches gilt auch für Patienten mit niedrigerem Bildungsstand. „Informationen nach Maß – und in einer Sprache, die auch verstanden werden kann“, fordert daher Schröder. Für Ärzte keine leichte Aufgabe – müssen sie doch bei jedem Fall möglichst schnell erkennen, welche Art von Patienten sie gerade vor sich haben.

Doch haben Ärzte heute dafür überhaupt genügend Zeit? Und besitzen sie die notwendige Gesprächskompetenz? Auch die Frage der Vergütung der Gespräche stellt sich dann unter Umständen neu. Sind also grundlegende Änderungen in unserem Gesundheitssystem und insbesondere in der Arzt-Patienten-Kommunikation nötig?

Oder muten wir damit Ärzten und Patienten manchmal auch zu viel zu?

→ Lesen Sie mehr zum Thema auch auf Land der Gesundheit, der Diskussionsplattform von Pfizer, und diskutieren Sie mit.

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Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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