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Adipositas: Die Krankheit der 1000 Ursachen

Menschen mit sichtlich erhöhtem Übergewicht entsprechen nicht dem unrealistischen Körperideal von Werbung, Film und TV-Serien. Vorschnell werden sie als „verfressen“ diskriminiert und individuell verantwortlich gemacht. Dabei hat diese Krankheit vielschichtige Ursachen: körperliche, psychische, soziale – und sogar politische.
Dicke Frau sitzt auf dem Sofa und isst Burger und Flips.

Volkskrankheit: 19 Millionen Deutsche sind mittlerweile von krankhaftem Übergewicht betroffen. Trotzdem herrscht über Adipositas viel Unwissen – sogar unter Ärzten.

Für Menschen mit schwerem Übergewicht ist Diskriminierung jeden Tag ein Thema: zu kleine Sitze in Bussen, Bahnen und Flugzeugen; Hänseleien und Erniedrigungen durch Mitschüler oder Arbeitskollegen; schlechtere Noten, schlechtere Chancen auf  Einstellung und sogar bei der Verbeamtung; viele fristen ein Außenseiterdasein und kämpfen darum, Freunde zu finden oder einen Partner, der sie liebt. 71 Prozent der Deutschen gaben in einer repräsentativen Umfrage an, stark übergewichtige Menschen „unästhetisch“ zu finden. Jeder Achte sagte von sich, den Kontakt zu ihnen bewusst zu vermeiden. Häufig werden die Betroffenen für ihr Gewicht selbst verantwortlich gemacht und deshalb verachtet und ausgegrenzt. Dabei ist Adipositas eine Krankheit.

Adipositas-Therapie: Keine Regelleistung der Kassen

Die Wissenschaft immerhin hat ihre Sichtweise in jüngster Zeit grundlegend geändert und erkennt Adipositas mittlerweile als chronische Erkrankung an. Auch wenn sie als Risikofaktor für mehr als 60 Folgekrankheiten gilt: Eine flächendeckende Adipositas-Versorgung existiert in Deutschland nach wie vor nicht. Eine ganzheitliche Therapie ist noch immer keine Regelleistung der Krankenkassen.

 

Jeder vierte Deutsche von Übergewicht betroffen

Adipositas wird definiert als eine „abnormale, exzessive Anreicherung von Körperfett“. Sie ist nicht etwa nur im Burger-und-Cola-Land USA eine Volkskrankheit, sondern inzwischen auch in Deutschland. 19 Millionen Deutsche, ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren, ist mittlerweile von Übergewicht betroffen, heißt es bei der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). Die Zahl der an extremer Adipositas leidenden liegt bei 1,4 Millionen und hat sich damit in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt.

Auch wenn dieselbe Werbung, die Süßigkeiten und Zuckerlimonaden anpreist, bei Schlankheitsdiäten die einfache Lösung durch ein Wunderpulver aus der Dose propagiert: Adipositas ist ein komplexes Krankheitsbild und nicht damit zu erklären, dass eine Einzelperson „zu faul“ oder „zu disziplinlos“ fürs Abnehmen wäre. In einer Erklärung der DAG heißt es: „Die Ursachen für Übergewicht und Adipositas sind zahlreich und gekennzeichnet durch ein Ineinandergreifen biologischer und psychosozialer sowie umwelt- und verhaltensbedingter und gesellschaftlicher Risikofaktoren.“ Eindimensionale Schuldzuweisungen an einzelne Menschen beruhten auf einem in der Gesellschaft weit verbreiteten Unwissen.

Individuelle und familiäre Ursachen für Adipositas:

  • familiäre Veranlagung/Übergewicht schon bei den Eltern
  • ungünstige Stoffwechselprägung in der Schwangerschaft
  • neuro-hormonale Stoffwechselstörung
  • ungünstige familiäre Nahrungsvorlieben und -verfügbarkeiten
  • mangelndes Gesundheits-/Ernährungswissen
  • niedriger Bildungsgrad/niedriges Einkommen
  • psychosoziale Faktoren: mit dem Rauchen aufhören, Depressionen

Gesellschaftliche und politische Einflüsse:

  • mangelnde/ineffektive Maßnahmen des Staates: Begrenzung von Zucker/Salz/Fett in Lebensmitteln, Nährwertkennzeichnung
  • mangelnde Vorschriften für Lebensmittelindustrie und Handel (auf Kinder abzielende Werbung)
  • unzureichendes Angebot an Sport- und Freizeitstätten (Spielplätze, Bolzplätze, Schwimmbäder)
  • unzureichendes Angebot an öffentlichen Parks und Grünflächen
  • Unterbewertung/Vernachlässigung des Schulsports
  • zu wenig Radwege
  • schlechte Qualität der Kita- und Schulspeisung, Kiosk mit Süßigkeiten/Softdrinks
  • Gesundheitswesen: unzureichende flächendeckende Versorgungsstrukturen
  • Medien: Schuldzuweisungen, herabsetzende TV-Shows, simplifizierende Lösungsvorschläge

(Quelle: DAG)

Krankheitsmechanismus: Körper wehrt sich gegen Gewichtsabnahme

Die Adipositas-Gesellschaft nimmt Betroffene gegen eindimensionale Schuldzuweisungen dezidiert in Schutz: „Das zu hohe Körpergewicht ist nur teilweise und oft nicht nachhaltig willentlich zu beeinflussen“, heißt es bei wissenschaftlichen Fachgesellschaft zu den körperlichen Mechanismen der Krankheit. „Durch sehr effektive hormonelle und nervale Regelkreise wehrt sich der Körper gegen eine langfristige Gewichtsabnahme und zeigt die Tendenz, ein einmal erreichtes Höchstgewicht wiederzuerlangen.“

DAG: „Mangelndes Wissen in der Gesellschaft – und sogar bei Ärzten“

Wie andere chronische Erkrankungen auch (Beispiel: Diabetes Typ 2) kann man Adipositas vielleicht in den Griff bekommen – ein für allemal heilen kann man sie nicht. Deshalb verlangt sie nach einem lebenslangen Krankheitsmanagement. Das deutsche Gesundheitswesen ist trotz explodierender Zahlen offenbar nur unzureichend auf die neue Volkskrankheit eingestellt. So kritisiert die Adipositas-Gesellschaft, dass für hilfesuchende Patienten kaum eine strukturierte Grundversorgung vorhanden sei. Ganzheitliche Therapieprogramme würden nicht flächendeckend angeboten. Eine adäquate Versorgung werde behindert – „durch mangelndes Wissen sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf ärztlicher Seite“. Die Ursachen blieben im Einzelfall meist unbehandelt, stattdessen würden verspätete und kostenintensive Behandlungen der Begleit- und Folgeerkrankungen durchgeführt.

Foto: © esolla - Fotolia.com

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Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
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