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Absetzsymptome bei Antidepressiva: Wie schwer und wie häufig sind sie?

Beim Absetzen von Antidepressiva kann es zu sogenannten Absetzsymptomen kommen, die zum Teil schwerwiegend sein können. Ärzte und Patienten sollten sich dieser Risiken bewusst sein. Ein langsames Ausschleichen kann die meisten Symptome jedoch verringern.
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Ärzte und Patienten wissen immer noch zu wenig über mögliche Absetz- und Reboundphänomene bei Antidepressiva

Antidepressiva zählen zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Werden sie abgesetzt, kann das zu Absetzsymptomen führen, die einem Entzug ähneln. Daher ist es für Ärzte und Patienten wichtig, diese Symptome zu kennen und sich darauf einzustellen. Um herauszufinden, welche Risiken für Absetz- und Reboundphänomene bei verschiedenen Antidepressiva bestehen, haben Forscher um Prof. Andreas Heinz von der Charité in Berlin eine strukturierte Literaturrecherche durchgeführt und diese im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht. Demnach besteht das höchste Risiko für Absetzsymptome bei MAO-Inhibitoren, trizyklischen Antidepressiva, Venlafaxin und Paroxetin.

Schlafstörungen, Schwindel, Übelkeit

Treten beim Absetzen von Antidepressiva unerwünschte Symptome auf, muss zwischen einem Entzugssyndrom, Rebound-Phänomenen und einer Rückkehr der Grunderkrankung unterschieden werden. Diese Unterscheidung ist nicht immer ganz einfach. Dennoch kann an einigen typischen Zeichen ausgemacht werden, ob es sich um ein Entzugssyndrom handelt. Dabei hilft die im Englischen verwendete Eselsbrücke „FINISH“:

  • flu-like symptoms (grippe-ähnliche Symptome)
  • insomnia (Schlafstörungen, intensive Träume, Albträume)
  • nausea (Übelkeit, Erbrechen)
  • imbalance (Gleichgewichtsstörungen, Schwindel)
  • sensory disturbances (Stromschläge, Dysästhesien)
  • hyperarousal (Ängstlichkeit, Agitation, Reizbarkeit)

Ebenfalls charakteristisch für ein Absetzsyndrom sind ein rasches Auftreten innerhalb von drei bis sieben Tagen, das Vorherrschen körperlicher Symptome und eine spontane Rückbildung innerhalb von zwei bis sechs Wochen. Kommt es zu einem Rückfall der Grunderkrankung, setzt dieser in der Regel später ein. Besonders hoch ist das Risiko dafür in den ersten sechs Monaten.

Absetzsymptome in der Regel mild

Die Analyse konnte zeigen, dass Absetzsymptome in der Regel mild sind und nach einer Weile von alleine verschwinden. Schwere oder lange Verläufe treten selten auf. Bei den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) ist aufgrund seiner langen Halbwertszeit Fluoxetin besonders unproblematisch beim Absetzen.

Für Sertralin, Citalopram und Escitalopram gilt ein niedriges Risiko. Ein Ausschleichen der Medikation zeigte in Studien keine signifikanten Unterschiede zu einer fortgesetzten Einnahme der Medikation, bei abruptem Absetzen ist ein Risiko vorhanden, aber offenbar gering.

Schwere der Absetzsymptome hängt auch von Wirkstoff ab

Der selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Venlafaxin weist ein erhöhtes Risiko für Absetzsymptome auf. Hier scheinen auch schwere Verlaufsformen häufiger vorzukommen. Duloxetin besitzt im Vergleich dazu ein geringeres Risiko, das jedoch im Hochdosisbereich (120 mg/d) ansteigt.

Bei den trizyklischen Antidepressiva (TZA) ist die Evidenz eingeschränkt, da nur wenig methodisch hochwertige Studien mit teilweise sehr kleinen Fallzahlen vorliegen. Die ausgewerteten Studien deuteten jedoch auf ein hohes Risiko für das Absetzsyndrom hin. So zeigten sich beim Ausschleichen von Amitriptylin bei 80 Prozent der Patienten Symptome, die jedoch meist mild und selbstlimitierend waren. Imipramin hatte ein mit Paroxetin vergleichbares Risiko. Es gab auch Hinweise auf zum Teil schwere Verläufe.

Zu MAO-Inhibitoren existierten nur Fallberichte und zwei Studien niedriger methodischer Stringenz. Bei ihrer Auswertung zeigte sich allerdings ein besonders hohes Risiko für Absetzsymptome. Auch schwergradige Verläufe bis hin zu Delirien schienen häufiger zu sein.

Reboundphänomene besonders problematisch

Im Gegensatz zum Absetzsyndrom bezeichnet das Reboundphänomen eine erhöhte Anfälligkeit des Organismus nach Absetzen der Medikation. Das bedeutet, dass die Symptome der Grunderkrankung stärker als vor Beginn der Medikation zurückkehren. Wie häufig das Phänomen vorkommt, können die Forscher nicht sagen. Einzelfallberichte und Fallserien weisen auf das Vorkommen anhaltender depressiver Symptome nach Absetzen von Antidepressiva hin, die nur noch schwer zu behandeln waren. Auch von neu aufgetretenen Angst- und Panikstörungen, Schlafstörungen und bipolaren Störungen nach Absetzen wurde berichtet.

Aufklärung und langsames Ausschleichen wichtig

Nach Auffassung der Studientautoren reicht aufgrund der überwiegend milden Verläufe meist eine umfassende Aufklärung des Patienten über die Symptome aus. Bei schweren Verläufen kann das Antidepressivum wieder angesetzt werden, was in der Regel sehr schnell zu einer vollständigen Symptomremission führt.

Empfohlen wird zudem ein Ausschleichen von Antidepressiva über mehr als vier Wochen. Dadurch kann das Risiko für ein Absetzsyndrom zwar nicht vollständig ausgeschlossen, aber dessen Ausmaß verringert werden. Zum Teil werden sogar Mindestzeiträume von drei Monaten empfohlen. Bei einigen SSRI oder Venlafaxin kann auch vorübergehend Fluoxetin als „Rescue“-Substanz anstelle des anderen Antidepressivums angesetzt und nach einigen Wochen abrupt abgesetzt werden.

Nach Ansicht der Autoren sollte in Anbetracht des – wenn auch geringen – Risikos eines schweren und in Einzelfällen womöglich behandlungsresistenten Rezidivs die Einnahme eines Antidepressivums gerade bei leichten bis mittelschweren Depressionen gut abgewogen werden. Grund zur Panikmache besteht dennoch nicht. Denn in der Regel – auch das betonen die Forscher – sind Absetzsymptome mild und zeitlich begrenzt.

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