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8 Fakten: Deutsches Zentrum für Lungenforschung positioniert sich zu Luftschadstoffen

Nachdem eine Gruppe von 100 Lungenärzten die aktuell geltenden Luftschadstoff-Grenzwerte in Frage gestellt hat, mischt sich das Deutsche Zentrum für Lungenforschung in die Debatte. Das jetzt vorgelegte Positionspapier enthält acht Fakten und jede Menge Kritik an den Aussagen der Kollegen.
Deutsches Zentrum für Lungenforschung, Abgas-Debatte

DZL: Wissenschaftlich besteht kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung ist

Das Grenzwert-Papier von Lungenärzten um Dieter Köhler hat für eine heftige Debatte in Deutschland gesorgt. Die 100 unterzeichnenden Lungenärzte halten die aktuellen Grenzwerte für überzogen und „unwissenschaftlich „ -  zur Freude von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der Automobilindustrie und vieler anderer, die es schon immer besser wussten. Das Umweltbundesamt und andere Experten kritisierten jedoch das Papier und verwiesen darauf, dass die Grenzwerte sehr wohl wissenschaftlich fundiert seien und es sich wiederum bei Köhlers Papier um keine wissenschaftliche Studie handle.

„Verfolgen die Diskussion zum Gesundheitsrisiko von Luftschadstoffen mit großer Besorgnis“

Nun hat sich das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) in die Debatte eingemischt. Das DZL ist eines der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, in dem sich 29 führende universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen zur Erforschung von Lungen- und Atemwegserkrankungen zusammengeschlossen haben.

Am Donnerstag nun ein Positionspapier, weil man die derzeitige Diskussion zum Gesundheitsrisiko von Luftschadstoffen „mit großer Besorgnis verfolge." Das Papier enthält acht Fakten und jede Menge Kritik an den Aussagen und dem Vorgehen der Kollegen. Man kann es auch als Nachhilfestunde lesen.

 

Hier die acht Fakten im Wortlaut:

1) Der gegenwärtig intensiv diskutierte Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid je Kubikmeter Luft beruht vor allem auf epidemiologischen Studien. Zum Verständnis: Epidemiologie ist eine ausgewiesene wissenschaftliche Fachrichtung, welche als eines ihrer wesentlichen Ziele verfolgt, Langzeitrisiken von Umwelt- und Lebensstilfaktoren für die Bevölkerung zu erkennen und in ihrer Bedeutung abzuschätzen. Große Beobachtungszahlen, verschiedenartige Beobachtungssituationen und komplexe mathematische Modelle, unterstützt durch toxikologische Studien, werden eingesetzt, um ursächliche Zusammenhänge von zufälligem Zusammentreffen von Ereignissen zu unterscheiden.

2) Zahlreiche Fragestellungen können nur mit den Methoden der Epidemiologie beantwortet werden, da niemand Menschen über Jahre und Jahrzehnte einem „kontrollierten Versuch“ mit Schadstoffexposition aussetzen würde. So stammt z. B. die von niemandem mehr hinterfragte Erkenntnis, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist, aus epidemiologischen Untersuchungen.

3) Es besteht wissenschaftlich kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung darstellt, nicht nur hinsichtlich Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

4) Es gibt jedoch keine Methode, die es einem Arzt ermöglichen würde, an einem lungenerkrankten Patienten festzustellen, inwieweit Komponenten der Luftverschmutzung zu der Erkrankung beigetragen haben.

5) Ausgewählte Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen bewerten in regelmäßigen Abständen den aktuellen Wissensstand in einem internationalen Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die von der WHO auf dieser Basis empfohlenen Richtwerte für die einzelnen Luftschadstoffe haben das Ziel, das Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung so weit wie möglich zu minimieren. Die wissenschaftliche Kompetenz des an der WHO angesiedelten hochkarätig besetzten internationalen Bewertungsgremiums steht außer Frage.

6) Für Stickstoffdioxid, welches gleichzeitig Indikator für weitere Luftverschmutzungskomponenten ist, beträgt dieser Richtwert zurzeit 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Ein solcher Wert muss auch für besonders empfindliche Menschen (u. a. Kinder, ältere Menschen, Patienten mit Lungen- und Herzerkrankungen) im Bereich des Zumutbaren liegen, da sich der Einatmung der Umgebungsluft – 24 Stunden pro Tag – niemand entziehen kann. Dem DZL liegen keinerlei belastbare neue Erkenntnisse vor, die dazu Anlass geben würden, diesen Richtwert gegenwärtig nach oben zu korrigieren.

7) Der in Deutschland geltende Grenzwert orientiert sich an den Richtwert-Empfehlungen der WHO, berücksichtigen aber auch zusätzliche Faktoren, wie z. B. die technische Realisierbarkeit. Es ist zudem eine politische Entscheidung, welche Maßnahmen in welchem Umfang und in welcher zeitlichen Abfolge ergriffen werden, um regionalen Überschreitungen der Grenzwerte zu begegnen. Selbstverständlich muss hierbei die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Auge behalten werden.

8) In der gegenwärtigen Stickoxiddiskussion erfuhren wissenschaftspopulistische Aussagen eine rasante mediale Aufwertung. Das „klassische“ Reaktionsmuster der Wissenschaft, Bevölkerung und Entscheidungsträgern wohlüberlegte und ausgewogene Stellungnahmen in ausgesuchten Publikationsorganen anzubieten, geriet demgegenüber vollkommen ins Hintertreffen. Es wird zu überlegen sein, wie die betroffenen Wissenschaftsorganisationen diesem Phänomen in Zukunft besser vorbereitet begegnen können, da politische Entscheidungen auf dem Boden solider wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten.

So weit die Position des Deutschen Zentrums für Lungenforschung, die Klarheit und Sachlichkeit in die aufgeladene Debatte bringt. Dinge werden zurechtgerückt, die auch von den Medien völlig unkritisch übernommen worden waren. Zwischenzeitlich wurde bekannt, dass sich Dieter Köhler bei seinen Ausführungen verrechnet haben soll. Medienberichten zufolge hat er den Rechenfehler zugegeben. 

Foto: pixabay

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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