. Interview

25 Millionen Euro für "SmartSenior"

Interview mit der Altersmedizinerin Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen

Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité und des Evangelischen Geriatriezentrums, über selbstbestimmtes Leben im Alter, das Forschungsprojekt "SmartSenior" und intelligente Assistenzsysteme für ein sicheres und einfaches Leben zu Hause.

Sie kennen die Sorgen und Nöte älterer Menschen wie kein anderer. Was liegt der Altersmedizinerin Elisabeth Steinhagen-Thiessen am meisten auf dem Herzen?

Ich denke, für ältere Menschen ist es am allerwichtigsten, mobil zu bleiben und möglichst lange ein weitgehend selbständiges Leben im häuslichen Umfeld führen zu können. Diesen beiden Zielen dient auch das gerade gestartete Forschungsprojekt "SmartSenior", das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 25 Millionen Euro gefördert wird. Im Rahmen dieses Projekts entwickeln wir zusammen mit verschiedenen Partnern intelligente Assistenzsysteme, die das Leben älterer Menschen einfacher und sicherer machen und ihnen Alltagsaufgaben im Haushalt erleichtern.

Was dürfen wir uns unter intelligenten Assistenzsystemen vorstellen?

Es wird beispielsweise ein Sensor-Armband entwickelt, das ortsunabhängig Vitaldaten misst und an eine Notfallzentrale überträgt. So kann registriert werden, ob ein Mensch gestürzt ist und umgehend Hilfe mobilisiert werden. Sie müssen wissen: Jede Woche werden bei uns Patienten eingeliefert, die nach einem Sturz tagelang in ihrer Wohnung gelegen und dadurch zahlreiche Folgeschäden erlitten haben. Insofern hat das Armband sogar eine präventive Funktion.

Aber ein Sturz wird durch das Armband nicht verhindert?

Ein Sturz wird durch das Armband nicht verhindert. Aber es gibt unzählige alte Menschen, die sich aus Angst, es könnte was passieren, nicht mehr aus dem Haus trauen. Diesen Menschen gibt das Armband ein Stück Sicherheit zurück - und mehr Lebensqualität. Wir entwickeln aber auch Verfahren, die Stürze verhindern sollen. Mittels eines Beschleunigungssensors können wir die Sturzwahrscheinlichkeit vorhersagen und entsprechende Präventionsmassnahmen wie Muskelaufbau durch Physiotherapie einleiten.

Sie sprachen von Mobilität. Wie wollen Sie alte Menschen gezielt mobiler machen?

Für viele Menschen ist das Auto die letzte Möglichkeit, mobil zu bleiben. Ein Notfallassistent im PKW, der etwa bei einem Schlaganfall automatisch in einen autonomen Fahrmodus wechselt und einen abgesicherten Nothalt durchführt, gibt den Menschen die notwendige Sicherheit, weiterhin das Auto zu benutzen. Ein anderes Beispiel kommt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Bremen: Hier werden gerade Rollstühle mit Laser-Scanner entwickelt. Das ist eine grosse Hilfe für Menschen, die einen Rollstuhl nicht mehr mit den Händen bedienen können. Sie können über einen Sensor, den sie an der Mütze tragen, per Kopfbewegung den Rollstuhl steuern.

Das heißt: Nicht nur alte, auch behinderte Menschen profitieren von den Assistenzsystemen?

In der Tat nützt die neue Technik auch Menschen mit Behinderung. Im Bereich der Rehabilitation arbeiten wir beispielsweise an computergestützten Programmen, mit denen Patienten nach Schlaganfall oder Hüft-OP selbständig Bewegungstherapien üben können. Gerade für die Rehabilitation zu Hause sind diese Programme extrem wichtig. Oft geht es nämlich nach einer guten Versorgung in der Klinik im Alltag bergab. Unser Gesundheitssystem gibt es einfach nicht her, dass jeden Tag der Physiotherapeut ins Haus kommt. Und da schliessen solche Trainingsprogramme eine empfindliche Lücke. Übrigens können diese Programme sogar schon im Vorfeld einer Operation eingesetzt werden, etwa um die Muskulatur vor einer Hüft-OP gezielt zu trainieren und damit die Heilungschancen deutlich zu verbessern.

Alte Menschen und Technik? Sehen Sie ernsthaft einen 80-jährigen vor seinem Laptop Krankengymnastik machen?

Wir sehen ihn jeden Tag in unserer Klinik. Die Programme sind über Touch-Screen so benutzerfreundlich, dass unsere Anwender gut damit klar kommen. Die meisten, und das mag Sie jetzt überraschen, haben sogar grossen Spass dabei. Übrigens trainieren wir auch Gedächtnisleistungen mit unseren Patienten am Computer. Technik kann zwar keine menschliche Zuwendung ersetzen, aber sie kann sie unterstützen und alten Menschen ein komfortableres Leben ermöglichen.

Das Forschungsprojekt "SmartSenior" wird vom BMBF mit 25 Millionen Euro gefördert und sie haben zahlreiche namhafte Partner dafür gewinnen können ...

Insgesamt beteiligen sich 29 Partner aus Forschung und Industrie an dem Projekt, darunter das Fraunhofer Institut, die Deutsche Telekom, die BMW Group und sogar Krankenversicherungen. Neben der BMBF-Förderung stellen die beteiligten Industriepartner zusätzlich 18 Millionen Euro bereit. Das Interesse dieser Institutionen wie auch des BMBF zeigt, dass das Thema "Selbstbestimmtes Leben im Alter" endlich in der Gesellschaft angekommen ist. Vor der Tatsache, dass bis zum Jahr 2050 in Deutschland rund 23 Millionen Menschen über 65 Jahre alt sein werden und gleichzeitig die Anzahl der Erwerbstätigen sinkt, kann heute niemand mehr die Augen verschliessen. Wir brauchen neue Lösungskonzepte, um dieser gewaltigen Herausforderung zu begegnen. Mit dem Projekt "SmartSenior" sind wir ganz sicher auf dem richtigen Weg.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Wer regelmäßig Sport treibt, wird seltener krank und kann den Alterungsprozess in einigen körperlichen Bereichen um zehn Jahre zurückdrehen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Langzeitstudie „Gesundheit zum Mitmachen“.
Die (hATTR) Amyloidose ist eine seltene Erbkrankheit mit einer geringen Lebenserwartung. Hoffnung macht jetzt ein neues Medikament, das bereits die klinischen Phase III erfolgreich absolviert hat. Die Zulassung könnte schon nächstes Jahr erfolgen.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.