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Prof. Dr. med. Dr. h.c. Peter M. Schlag

Wenn heute auf neudeutsch Patienten als „Kunden“ bezeichnet werden, dann beginnt es bei ihm im Magen zu grummeln. Für Professor Dr. Dr. Peter Schlag ist der „Kunde“ ein den Kranken verachtendes Unwort. Ein Unwort, das aus seiner Sicht auch stellvertretend für eine ungesunde Marschrichtung des deutschen Gesundheitswesens steht.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Peter M. Schlag

Gegen den Strom

„Gesundheit ist kein Produktionsprozess und Krankheit darf nicht auf ein Business-Objekt reduziert werden“, sagt Professor Peter Schlag, Ärztlicher Direktor der Robert-Rössle-Klinik, Charité Campus Buch, und seit über 30 Jahren Arzt und Forscher. Schlag, der selbst mit so zukunftsweisenden Methoden wie Gentherapie, Robotik und molekularem Imaging neue Therapie- und Diagnostikverfahren in der onkologischen Chirurgie entwickelt, bangt um den Fortbestand tradierter ärztlicher Qualitäten und Werte. „Der zunehmende Verlust einer Beziehungsmedizin zugunsten eines prozess- und gewinnorientierten Gesundheitsmarktes macht mir ernsthaft Sorgen“, bekennt Schlag. Er hofft auf eine verstärkte öffentliche und fachliche Diskussion dieser Problematik in naher Zukunft - so recht dran glauben mag er nicht.

„Eine gelungene Operation oder eine Pille ersetzen nicht die ärztliche Zuwendung“

Was ärztliche Zuwendung bedeutet, hat ihm schon seine Mutter vorgelebt, eine starke, alleinerziehende Frau, die als praktische Landärztin unermüdlich und einfühlsam für ihre Patienten da war. Mehr noch, sie hat ihm den Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt nahe gebracht. Arzt ist er dann geworden, getreu dem Vorbild seiner Mutter. Nach dem Medizinstudium in Düsseldorf ging der heute 59-jährige an die Universitätsklinik Ulm, machte dort den Facharzt für Chirurgie und habilitierte mit dem Thema „Ätiopathogenese des Carcinoms im operierten Magen.“ Es folgte der Ruf an die Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg. Hier baute Professor Schlag die Sektion „Chirurgische Onkologie“ auf und begann die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrums – ein Schritt, der seine Mission ganz deutlich macht: Als Klinikarzt Patienten zu helfen und gleichzeitig die biologischen Abläufe unseres Lebens zu erforschen, um Krankheiten vermeiden oder besser heilen zu können.

Was hätte besser zur Verwirklichung dieser Mission gepasst, als der Ruf auf eine C-4 Professur für Chirurgie und Chirurgische Onkologie nach Berlin, verbunden mit der Leitung der Chirurgischen Abteilung der Robert-Rössle-Klinik und der Position eines Forschungsgruppenleiters am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin? Nach zehn Jahren erfolgreicher Arbeit in Heidelberg und mehren Forschungsaufenthalten an amerikanischen Tumorzentren ging der Bad Tölzer 1992 mit Frau und Kindern nach Berlin.

Neue Generation in der chirurgischen Onkologie

Hier konnte er als Forschungsleiter am Max-Delbrück- Zentrum parallel das weiterführen, was er in Heidelberg schon begonnen hatte: Die Erforschung molekularer Mechanismen der Tumorentstehung und Metastasierung. Nicht zuletzt durch Schlags Engagement entwickelte sich in Berlin-Buch die bereits zu DDR-Zeiten renommierte Robert-Rössle-Klinik sehr schnell zu einem national und international ausstrahlenden Zentrum für interdisziplinäre Tumortherapie. Über die Grenzen von Berlin-Buch hinaus wird Schlag durch seine experimentelle und klinische Forschertätigkeit auf dem Gebiet der Magen- Darm-Tumoren, des Mammakarzinoms und der Weichteiltumoren bekannt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen nimmt er entgegen, zuletzt den Anita- und Cuno-Wieland-Preis 2005, der ihn als „Repräsentant einer neuen Generation in der chirurgischen Onkologie“ würdigt.

Schlag und sein Team waren es, die erstmalig in Deutschland die Anwendung der Wächterlymphknoten- Biopsie bei der Behandlung des Mammakarzinoms einführten und dieses Verfahren in den letzten fünf Jahren zur gezielten Metastasendiagnostik bei Tumoren des Magen-Darm-Traktes weiterentwickelten. Ebenso wegweisend waren die Mitentwicklung eines Verfahrens zur Vermeidung von Gliedmaßenamputationen bei lokal fortgeschrittenen Weichgewebssarkomen (isolierte Extremitätenperfusion mit TNF-a) und die Präzision leberchirurgischer Eingriffe mittels computergestützter intraoperativer Navigation. Derzeit entwickeln Schlag und sein Bucher Team ein klinisch anwendbares Verfahren zur lokalen Gentherapie von bösartigen Tumoren. Hierbei sollen Tumorzellen genetisch so verändert werden, dass sie unter bestimmten Bedingungen eine für sie tödliche Substanz produzieren. Darüber hinaus arbeiten sie an der Entwicklung von Prognose-Gen-Chips für Tumoren des Magen-Darm-Traktes, die Rückfallrisiko und Wirksamkeit einer Therapie zuverlässig prognostizieren sollen.

Ein Mann mit Rückgrat – verlässlich und schwer vereinnehmbar

Schlag, der mit seiner Kombination aus Arztsein und intensiver Forschungstätigkeit unzähligen Menschen mit Krebs helfen konnte, hat sich immer an seine persönliche Lebensphilosophie gehalten: „Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom“. Deshalb scheut er sich auch nicht, von seinen Sorgen um den medizinischen Nachwuchs in Deutschland, von einer zunehmenden beziehungslosen, profitorientierten Medizin und vom „Berliner Leuchtturmfieber“ zu sprechen. Obwohl Peter M. Schlag, der auch Vorsitzender der Berliner Krebsgesellschaft ist, selbst gerade ein Spitzenzentrum für Diagnostik und Therapie von Tumorerkrankungen an der Charité, das Charité Comprehensive Cancer Center, aufbaut, mahnt er vor möglichen Blendungseffekten: „Bei allem Enthusiasmus der verschiedenen Berliner Leuchtturminitiativen sollte bedacht sein, dass die Leuchttürme sich nicht gegenseitig blenden und nicht vergessen werden, auch die Tiefe auszustrahlen, sonst wird es vor Ort nicht heller!“ In seiner Freizeit träumt Schlag gerne in der Natur unter (weiß)-blauen Himmel.

Beatrice Hamberger
BERLIN MEDICAL 5+6–Dezember 2007