- Aktuelles Porträt.
Prof. Dr. med. Karin Büttner-Janz

Frau mit starkem Willen
Karin Büttner-Janz gilt als die Ikone der Verbindung von Medizin und Spitzensport, hat sie doch auf beiden Gebieten für internationales Aufsehen gesorgt. Ihre sportliche Vergangenheit als Weltmeisterin, zweifache Olympiasiegerin, vierfache Europameisterin und 20-fache DDR-Meisterin im Turnen sieht man der heute 56-jährigen noch an. Da ist eine Körperstruktur, wie sie kein Lifestyle- Studio hervorbringen vermag. Und da ist ein aufrechter Gang, der einen unglaublich starken Willen vermittelt. Dieser Wille muss es sein, der sie dann dort hingebracht hat, wo sie heute ist: Direktorin der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Vivantes-Klinikum Am Urban und Direktorin der Klinik für Orthopädie des Vivantes Klinikums im Friedrichshain.
Nicht ungewöhnlich ist es heute, zwei Kliniken zu leiten – jedermanns Sache ist es ganz sicher nicht. Büttner- Janz’ Sache schon. Disziplin, Ausdauer, Ehrgeiz, eine enorme Konzentrationsfähigkeit – das sind die Attribute, die sie aus ihrer sportlichen Karriere „mitgenommen“ hat. Wer damals in der DDR was werden wollte im Sport, der musste früh anfangen und willensstark sein. Beides war offenbar gegeben.
„Mit zehn war meine Kindheit zu Ende“
Bis sie zehn Jahre alt ist, wird sie vom Vater, einem Lehrer für Physik und Sport, im Turnen trainiert. Dann kommt sie auf die Sportschule, ein Internat, wo die Nachwuchseliten herangezogen werden. Nach Hause darf sie nur am Wochenende, wenn nicht gerade Wettkampf ist. „Mit zehn Jahren bin ich von zu Hause weg, das war das Ende meiner Kindheit“, sagt Karin Büttner-Janz. „Empfehlenswert ist das nicht.“
Gelohnt hat es sich dann irgendwie doch. Die vielen sportlichen Erfolge, insbesondere die olympischen Medaillen, haben ihr – auch wenn mit zahlreichen Entbehrungen und Anstrengungen verbunden – „unbeschreibliche Glücksmomente“ gebracht. Mit Stolz blickt sie heute auf ihre Erfolgserlebnisse als Turnerin zurück und sagt „Ich hatte ein sehr erfolgreiches und ein sehr erfülltes Leben“.
Mit 16 tritt sie bei den Olympischen Spielen in Mexiko (1968) an und gewinnt die Silbermedaille am Stufenbarren und die Bronzemedaille mit der Mannschaft. Sie erfindet zahlreiche Turn-Übungen, die berühmteste davon ist ein Grätschsalto vorwärts am Stufenbarren, der so genannte Janz-Salto. Dieser Salto verhilft ihr dann 1972 in München zu Olympischem Gold. Zweimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze bringt sie aus München mit nach hause. 1972 ist ihr erfolgreichstes Jahr als Turnerin. Es ist auch das Jahr, in dem sie vom Leistungssport zurücktritt. Damals ist sie 20 Jahre alt.
Mit dem Ausstieg aus dem Leistungssport beginnt der Einstieg in ein neues Leben. Sie studiert Medizin an der Humboldt- Universität und spezialisiert sich auf die Orthopädie. Dass ihre Wahl auf das Fach Orthopädie fällt, liegt nahe. Auch sie selbst bleibt als Leistungsturnerin nicht vor den typischen Sportverletzungen verschont. Durch den Leistungssport, so sagt sie, habe sie ein besonderes Verständnis für Bewegungsabläufe im Körper mitgebracht.
Die Bandscheibe wird zu ihrem Steckenpferd. Das Thema sei 1980 auf dem Nullpunkt gewesen, berichtet die Professorin. Bewegungserhaltende Implantate habe es nur für Hüfte und Knie gegeben. Für die kaputte Bandscheibe gab es keinen Ersatz mit Funktionserhalt. Wirbelsäulen wurden mit Knochenblöcken versteift, um Schmerzen zu lindern. Karin Büttner-Janz findet das unzeitgemäß und stellt sich die Frage: „Muss man das so machen? Kann man nicht bewegungserhaltende Konzepte entwickeln, um die Nachbarbandscheiben zu schonen?“
Die erste künstliche Bandscheibe erfunden
Mit demselben Ehrgeiz, mit dem sie einst ihre Medaillen erkämpfte, beginnt sie nun, ein bewegungserhaltendes Bandscheibenimplantat zu entwickeln. Über diese Arbeit, die Entwicklung einer künstlichen Bandscheibe, der so genannten Charité-Disc, habilitiert sie sich an der Charite. 1984 meldet sie zusammen mit Prof. Kurt Schellnack die ersten Patente für eine Bandscheibenprothese
an, die neue Operationsmethode wird erstmals angewandt. Die Konstruktion aus einem Plastikgleitkern und zwei Prothesenplatten aus einer Metall-Legierung wird zwischen zwei Lendenwirbelkörper gesetzt, um dort die defekte Bandscheibe zu ersetzen. Die neue Methode ist ein medizinischer Durchbruch: Im Unterschied zur konventionellen Behandlung bleibt die Wirbelsäule dabei beweglich.
Die Operationsmethode ist mittlerweile etabliert und wird weltweit in sehr vielen Ländern durchgeführt, auch in den USA. Die amerikanische Zulassungsbehörde für Medizinprodukte FDA hatte 2004 die künstliche Bandscheibe auch in den USA zugelassen. Heute existieren um die hundert bewegungserhaltende Implantate für die Lenden- und Halswirbelsäule, ein neuer medizinischer Industriezweig mit globaler Verbreitung ist inzwischen entstanden.
An dieser bahnbrechenden Entwicklung mitgewirkt zu haben, ist ein Meilenstein im zweiten Leben der Karin Büttner-Janz. Aber ausruhen auf einem Erfolg von gestern, das passt nicht ins Bild dieser Frau. Die Patentrechte wurden bereits in den 90ern verkauft, jetzt arbeitet sie unermüdlich an neuen Prothesen und an den entsprechenden Patentanmeldungen. Das Ziel: die definitive Implantatentwicklung, die Zulassung und dann der Einsatz am Patienten. Sie tut es in Zusammenarbeit mit deutschen und amerikanischen Partnern sowie international arbeitenden Patentanwälten. Und sie tut es in ihrer Freizeit. Künstliche Bandscheiben sind, seit sie 1990 die Leitung der Orthopädischen Klinik Hellersdorf übernahm, nur noch Hobby oder besser gesagt: ihr privates Lebensziel.
Folgerichtig zu ihren Erfahrungen ist sie derzeit Präsidentin der Spine Arthroplasty Society, der internationalen Gesellschaft, die sich vor allem mit bewegungserhaltenden Implantaten für die Wirbelsäule befasst. In diesem Auftrag und zur Vermittlung ihres Know-how fliegt sie schon mal übers Wochenende nach China, wo das Thema Bandscheibenprothese gerade boomt.
Montagmorgens sitzt sie dennoch frisch und gut gelaunt in ihrem Büro Am Urban. Erst im Sommer ist sie hier eingezogen, als mit ihr die Orthopädie ans Urban kam und sie die Leitung der somit erweiterten Klinik für „Unfallchirurgie und Orthopädie“ übernahm. Seither hat sie zwei Kliniken zu managen, eine in Kreuzberg und eine in Friedrichshain. „Die größte Sorge, die ich habe, heißt Zeit“ sagt Büttner-Janz. „Die Verdichtung der Arbeit ist riesig und es besteht ständig eine gewisse Gefahr, dass es Informationsdefizite an den Schnittstellen gibt.“ Dank ORBIS-Software könne sie zwar auch vom Urban aus zum Patienten in Friedrichshain ins Bett gucken und umgekehrt, „doch das persönliche Gespräch mit den Ärzten und den Patienten kann keine Software und kein noch so intelligenter Behandlungspfad ersetzen.“
Keine Zeit zum Träumen
Immer auf der Hut, nichts Wichtiges zu verpassen, ist die 1,58 m große Chefin ein kollegialer Mensch, der viel Wert auf den persönlichen Austausch legt, und mit ihren Mitarbeitern auch mal lachen kann. Denn nur in einem funktionierenden Team, das weiß sie, wird ihr der Erfolg an beiden Kliniken beschieden sein. Und dieser misst sich nicht zuletzt an schwarzen Zahlen. Dazu muss sie gewisse Mindestmengen erfüllen, Patientenströme in die Kliniken leiten und immer ein bisschen besser als die anderen sein.
Jenseits der schwarzen Zahlen ist es die Qualität der Arbeit, an der sie ihren eigenen Erfolg bemisst. „Qualität ist immer das, was unterm Strich beim Patienten ankommt“, sagt Büttner-Janz. „Wenn wir dem Patienten helfen und seine Erwartungen erfüllen konnten, dann haben wir unsere Arbeit gut gemacht.“ Hier spricht eine pragmatische Frau, die sich realistische Ziele setzt, und lieber in Ein- Jahreszeiträumen denkt, als nach den Sternen zu greifen. So setzt sie ihren Schwerpunkt darauf, an den fachlichen Profilen beider Kliniken zu feilen und ihr logistisches Spagat zu bewältigen. „Alles andere wäre derzeit utopisch.“
Über ihr Privatleben gibt sie nicht viel preis. Ein Sohn, ein Lebensgefährte, Golf mehr schlecht als recht und die Leidenschaft fürs alpine Skifahren – mehr gehört nicht in ein berufliches Interview, findet sie. Im Übrigen sei doch alles, was ihr Leben erfüllt, mit Arbeit verbunden. Fürs Träumen hat Karin Büttner-Janz keine Zeit.
Weitere Informationen:
PROF. DR. MED. KARIN BÜTTNER-JANZ wurde 1952 in Hartmannsdorf bei Lübben geboren. Mit 15 begann sie ihre Wettkampfkarriere als Kunstturnerin in der DDR und gewann zahlreiche olympische Medaillen. Ab 1971 studierte sie Medizin an der Humboldt-Universität, spezialisierte sich auf das Fach Orthopädie und habilitierte sich über die Entwicklung der weltweit ersten Prothese für den Komplettersatz einer Bandscheibe. Hierfür meldete sie ab 1984 im Team die ersten Patente an. 1990 verließ sie die Charité und übernahm die Leitung der Orthopädie des Klinikums Hellersdorf. 2004 wurde sie mit dem Umzug ihrer Klinik Direktorin der Klinik für Orthopädie des Vivantes Klinikums im Friedrichshain. Seit 2008 leitet sie außerdem die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Vivantes Klinikums Am Urban. Zudem lehrt Karin Büttner-Janz an der Charité Berlin und ist Präsidentin der Spine Arthroplasty Society. Im Jahr 2000 wurde sie zur Turnerin des Jahrhunderts gewählt, 2003 in die International Hall of Fame der Turnerinnen aufgenommen.
Beatrice Hamberger
BERLIN MEDICAL 05.08

