- Aktuelles Porträt.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier

Das menschliche Dasein erschließen
Neben dem Dermatologen Iwan Bloch (1872– 1922) spielte in der Anfangszeit vor allem der praktische Arzt Magnus Hirschfeld (1867–1935) eine Rolle, der 1919 das weltweit erste, allerdings außeruniversitäre, Institut für Sexualwissenschaft einrichtete, das 1933 von den Nazis zerstört und geschlossen wurde. Hirschfelds großer Wunsch – die Einrichtung einer Professur für Sexualwissenschaft an der Berliner Universität – ging erst über 60 Jahre später in Erfüllung. An einem ebenso traditionellen Ort: Das „neue“ Institut befindet sich in der Luisenstraße 57, der ehemaligen Arbeitsstätte Robert Kochs.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier ist Mediziner und Geisteswissenschaftler zugleich, ein Vordenker und Querdenker, bereit, gesellschaftliche Tabus zu thematisieren und offen dafür, sie verstehen zu lernen. Neugierig sei er darauf, das menschliche Dasein zu erschließen, sagt Beier. Die Philosophie und die Medizin gebe ihm das Rüstzeug für einen mehrdimensionalen Zugang zum Menschen, was dem 44-jährigen Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker die Möglichkeit gibt, von vorneherein ein biopsychosoziales Verständnis menschlicher Geschlechtlichkeit zugrunde zu legen: „Immer sind zu 100 % biologische, zu 100 % psychologische und zu 100 % soziale Einflüsse gleichzeitig am Werk“, sagt Beier. Dies mache das Fach so faszinierend.
Als Sexualwissenschaftler steht die Erforschung des gesunden und gestörten menschlichen Sexualverhaltens sowie die Theorie und Praxis sexualmedizinischer Behandlungskonzepte im Fokus seiner Arbeit. Umfangreiche empirische Studien zu sexuellen Verhaltensabweichungen – insbesondere zu deren Verlauf im biographischen Längsschnitt – hat Beier durchgeführt. Die Erkenntnisse daraus sind für seine Begutachtungstätigkeit von großer Bedeutung.
Beier ist keiner, der sich ins Rampenlicht drängt
Beier wird gerufen, wenn es um Begutachtungen zur Schuldfähigkeit, Prognose und Therapie von Sexualstraftätern geht. So hat er als Gutachter den Prozess des „Kannibalen von Rothenburg“ begleitet, der im Jahr 2004 nationales und internationales Aufsehen erregte. Persönlich beeindruckt hat ihn diese Begegnung, doch bleibt er diskret im Hintergrund. Beier ist keiner, der sich ins Rampenlicht drängt, für ihn sei dies ein Gutachten unter vielen, gibt er mit professioneller Distanz zu verstehen. „Sexuelle Präferenzstörungen“ nennt er die menschlichen Abgründe, die er erforscht, begutachtet und therapiert.
Auch bei der bundesweiten Kampagne zur „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ geht es um solche Präferenzstörungen – genauer um Männer, deren sexuelle Neigung auf Kinder gerichtet ist. Potenzielle Straftäter können sich anonym über das Internet unter www.kein-taeterwerden. de melden und erhalten professionelle Hilfe am Institut für Sexualwissenschaft.
„Wir wollen die Männer möglichst erreichen, bevor sie Straftäter werden“, erklärt Beier. Derartige Präventionsarbeit sei praktizierter Opferschutz. Es war Vordenker Beier, der die Idee für dieses Projekt hatte, dessen wissenschaftlicher Teil von der VW-Stiftung finanziert wird. Die Umsetzung aber war nur möglich durch die Hilfe von vielen: seinen engagierten Mitarbeitern, der PR-Agentur Scholz & Friends sowie als ein Hauptsponsor der Medienkampagne die Opferschutzorganisation Hänsel & Gretel“. Für diese Kampagne nahm Beier Ende November 2005 den „Politikaward“ in der Rubrik „Kampagnen gesellschaftlicher Institutionen“ in Berlin entgegen.
Immer wieder muss Beier Drittmittel einwerben, sonst blieben seine Ideen einfach nur Ideen. Drei weitere Projekte hat er gerade initiiert: Eine Interventionsstudie zur Verbesserung der Paarkommunikation bei Krebserkrankungen, ein Sexualerziehungsprogramm für geistig Behinderte und die Erforschung neurobiologischer Mechanismen menschlicher Paarbindung mittels Bildgebung. Die Lust an der Erkenntnis gepaart mit Kreativität spornen ihn zu immer wieder neuen Fragestellungen an, die er dann mit vollem Einsatz und großem Eifer bis ins letzte Detail durchzieht. Seine Begeisterungsfähigkeit wird von jungen Nachwuchswissenschaftlern geteilt – Menschen die sich mit denselben Fragestellungen identifizieren können und die ihm Hoffnung machen.
„Der Mensch ist auf Bindungen programmiert“
Dunkelfeldern in allen Schattierungen begegnet er täglich. Aber bisher noch keinem Menschen, der nicht den Wunsch nach Annahme, Geborgenheit, Sicherheit und Nähe in Beziehungen gehabt hätte – der eigentliche Schlüssel zur Lebensqualität.
In der Beziehung zu seiner Frau erlebt er das, was den Grundpfeiler seiner tiefen Überzeugung bildet: Die wahre menschliche Erfül- Berliner Porträts lung liegt in Bindungen. „Der Mensch ist auf Bindungen programmiert“, sagt Beier. Diese Erkenntnis findet sich auch in der von ihm mit entwickelten „Syndyastischen Sexualtherapie“ wieder. „Die bindungsstabilisierende und beziehungsfestigende Funktion von Sexualität nennt man die syndyastische Dimension“, ergänzt er.
Während die Lustdimension der Sexualität Hauptgegenstand der gesellschaftlichen Thematisierung von „Sex“ in den Medien und die Fortpflanzungsdimension für die meisten Menschen nur in einer bestimmten Lebensspanne von Bedeutung sei, besitze die Beziehungs- (oder syndyastische) Dimension der Sexualität für uns Menschen ein Leben lang eine elementare Bedeutung. Menschen, die unter Störungen ihrer Sexualität und (oder) Partnerschaft leiden, bietet er mit diesem Fokus pragmatisch und lösungsorientierte Hilfe zur Selbsthilfe an. Mehrere Publikationen von ihm befassen sich mit der Paarbeziehung unter verschiedenen Aspekten.
Beier, der Intellektuelle, ist der Familienmensch par excellence. Seine Frau und die beiden Kinder geben ihm den Rückhalt, den er für seine Arbeit und den Alltag braucht. In manchen Lebensbereichen erfülle er nämlich das Klischee des der Wirklichkeit entrückten Professors, gibt er zu. Manche sehen ihn möglicherweise so, wenn er, der Charité-Professor, morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. Beier kann damit leben, er gehört zu jener jungen Generation von Ärzten, die sich vom Leitbild des „Halbgottes in Weiß“ verabschiedet haben. Arbeit und Familie danach komme lange nichts – nichts was ihm so viel bedeuten würde. Vielleicht liegt es daran, dass ihm alles andere zufliegt, dass er nicht viel tun muss, um gut zu sein. „Der Beier kann alles“ hieß es früher in der Schule. Ob er auf Skiern steht, Golf oder Tennis spielt – Beier ist auch ein guter Sportler und wenn er sich ans Klavier setzt, entsteht daraus eine ganze Komposition.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin in Berlin, Gründungsmitglied der Akademie für Sexualmedizin, Gründungsmitglied sowie Redakteur der Zeitschrift SEXUOLOGIE und Mitglied in der International Academy of Sex Research. Gerade erschienen ist die zweite Auflage seines Lehrbuches für Sexualmedizin (Verlag Elsevier).
Beatrice Hamberger
Berlin Medical 04–Dezember 2005

