12. März 2013
.Expertenkommission

Abschlussbericht: Charité hat angemessen reagiert

Die unabhängige Expertenkommission hat dem Vorstand der Charité heute ihren Abschlussbericht übergeben. Im Umgang mit dem Missbrauchsvorwurf im vergangenen Jahr stellt sie dem Universitätsklinikum ein gutes Zeugnis aus.
Abschlussbericht: Charité hat angemessen reagiert

Expertenkommission zu den Missbrauchsvorürfen: der Charité ist nichts vorzuwerfen

Im vergangenen November soll ein 58 Jahre alter Pfleger eine 16-Jährige auf dem Charité-Campus in Wedding im Intimbereich berührt haben. Fünf Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte die Charité eine Telefonhotline geschaltet und zur Aufarbeitung der Vorfälle eine Expertenkommission ins Leben gerufen. Außerdem wurde der Mann vom Dienst suspendiert. 

Die hochkarätig besetzte Expertengruppe unter Leitung der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hat heute nun ihren 33 Seiten langen Abschlussbericht vorgelegt. Kinderschutz- und Pflegeexperten bescheinigten der Universitätsklinik im Umgang mit dem Vorwurf gegen einen Pfleger ein angemessenes Vorgehen. Man sei „der Auffassung, dass der Fall in der Charité sachgerecht behandelt wurde“, sagte Brigitte Zypries heute in Berlin. Pluspunkte habe die Charité zum Beispiel damit gesammelt, dass der Pfleger nicht sofort angezeigt, sondern erst befragt wurde.

Der Abschlussbericht enthält außerdem viele Empfehlungen und Regelungen zum Schutz von Patienten, insbesondere Kindern und Jugendlichen, vor sexuellen Übergriffen. Auch Handlungsempfehlungen für Krisenfälle und Krisenkommunikation sind darin zu finden. 

Aus Kultur des Hinsehens soll Kultur des Handelns werden

Aus einer „Kultur des Hinsehens“, solle eine „Kultur des Handelns“ werden, meinte die ehemalige Bundesjustizministerin. Ein Sechs-Augen-Prinzip wie es oftmals gefordert werde sei nicht immer durchzuhalten, sagte Zypries. „Aber wenn Kinder behandelt werden, sollte immer ein Elternteil oder eine andere Begleitperson dabei sein.“ So empfehlen die Experten im Abschlussbericht etwa die Anschaffung eines anonymen Meldesystems, das Mitarbeiter Tag und Nacht zum Melden von Verdachtsmomenten zur Verfügung stehen soll. Zypries sagte, es stünde der Charité frei, die Empfehlungen umzusetzen. Es handle sich um freiwillige Maßnahmen.

Die Charité hatte bereits Ende letzten Jahres angekündigt, ein erweitertes Führungszeugnis von Mitarbeitern im Kinder- und Jugendbereich einführen zu wollen. Außerdem will sie ihre Kommunikationsabteilung restrukturieren.

Dem Pfleger konnte unterdessen kein sexueller Missbrauch nachgewiesen werden. Die Ermittlungen gegen ihn in diesem Fall wurden Ende Februar eingestellt. Zwei weitere Ermittlungen gegen den Mann laufen allerdings noch. Nach Bekanntwerden des Vorwurfes war der Pfleger von anderen Frauen angezeigt worden. Er ist seit 40 Jahren an der Charité beschäftigt. Wenn sich auch die neueren Vorwürfe nicht erhärten, bleibt der Mann sehr wahrscheinlich an der Klinik.

Zur Expertenkommission gehören:

Brigitte Zypries, Vorsitzende der Expertenkommission, MdB, Bundesministerin der Justiz a.D.,

Günther Brenzel, Pflegedirektor und Vorstandsmitglied des Universitätsklinikums Tübingen a.D., Seniorberater im Gesundheitswesen,

Sigrid Richter-Unger, Leiterin der Beratungsstelle »Kind im Zentrum«, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V.,

Dr. Sylvester von Bismarck, Leiter der Interdisziplinären Kinderschutzgruppe im Vivantes Klinikum Neukölln, Zweiter Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin e.V.,

Julia von Weiler, Vorstand des Kinderschutzvereins Innocence in Danger e.V.

Schlüsselwörter dieses Artikels: Charité Krankenhäuser Pflege
Autor: ham

Weitere Beiträge zum Thema

Charité weiter in Gewinnzone
22.02.2013 | Heute hat Charité Finanzvorstand Matthias Scheller in einer Aufsichtsratssitzung die Jahresbilanz 2012 vorgelegt: Die Charité kann demnach einen Jahresüberschuss von 5,2 Mio. Euro verzeichnen. mehr >
Ärzte unter Druck
.Ärzte-Meinung

Ärzte unter Druck

02.03.2013 | Ärzte fühlen sich zunehmend unter Druck gesetzt. Niedergelassene mehr als Kliniker. Besonders die Wirtschaftlichkeit und die regulatorischen Rahmenbedingungen machen den Ärzten zu schaffen. Das geht aus einer Umfrage des Online-Ärztenetzwerks coliquio hervor. mehr >
Externes Experten-Gremium hat Arbeit aufgenommen
28.11.2012 | Nach den Missbrauchsvorwürfen an der Charité hat ein externes Experten-Gremium seine Arbeit aufgenommen. Die Experten sollen die Vorgänge aufklären und Kommunikationsabläufe in Europas größtem Universitätsklinikum prüfen. mehr >

Zum Weiterlesen

Loading-Image
.Weitere Nachrichten
Deutsches Gesundheitssystem ist teuer, aber leistungsfähig
Das deutsche Gesundheitssystem verfügt über einen der umfangreichsten Leistungskataloge weltweit. Gesundheitswissenschaftler haben dennoch ein paar Schwachstellen identifiziert. Die Kosten und die Qualität zum Beispiel. mehr >
Medikamententests an DDR-Bürgern
Die Charité hat eine systematische Aufarbeitung der Medikamententests an DDR-Patienten angekündigt. Dabei dürften Kliniken in ganz Ostdeutschland betroffen sein. Politiker fordern die Beteiligung weiterer Länder. mehr >
Contergangeschädigte danken der Politik für Finanzhilfe
Mehr als 50 Jahre nach dem Contergan-Skandal hat eine Studie der Universität Heidelberg die Versorgungsdefizite von Contergangeschädigte ans Tageslicht gebracht. Dank einer Gesetzesänderung steht den Betroffenen nun deutlich mehr finanzielle Unterstützung zu. mehr >
Loading-Image
Loading-Image
.Interviews

Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), über den Krankenhaus-Report 2013 und die Mengenzuwächse in deutschen Krankenhäusern

mehr >

Der Vorsitzende der Berliner Krebsgesellschaft Professor Peter M. Schlag über die neu gegründete „Krebsstiftung Berlin“ und warum eine Stiftung zum Wohle krebskranker Menschen gerade in Berlin auf fruchtbaren Boden stößt.

mehr >

Der Gesundheitsweise Professor Ferdinand Gerlach über das neue Gutachten des Sachverständigenrates und warum die Kluft zwischen Praxen und Kliniken überwunden werden muss.

mehr >