Mit Biomarkern Krankheiten auf der Spur
Die Hennigsdorfer B.R.A.H.M.S AG erforscht, entwickelt und produziert seit 1994 innovative diagnostische Testverfahren auf Biomarker-Basis. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Bernd Wegener über den wachsenden Erfolg der B.R.A.H.M.S AG, neuartige Biomarker-Tests und ihren ökonomischen Nutzen für das Gesundheitssystem.
Entgegen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung steigerte die B.R.A.H.M.S AG ihren Umsatz im Jahr 2008 um 19 Prozent auf 75 Millionen Euro. Was ist die Basis dieses Erfolgs?
Unser Erfolg basiert auf einer gut gefüllten Pipeline mit patentierten Tests zur Verbesserung von Diagnose und Behandlung lebensbedrohlicher Erkrankungen. Wir sind Marktführer im Bereich Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen und Pränatalscreening und einziger Anbieter des Procalcitonin-Tests (PCT) zur Diagnose der Sepsis. Weitere Tests aus unserem Hause kommen im Bereich der Kardiologie und Tumorerkrankungen zum Einsatz.
Wo kommt das starke Wachstum her?
Wichtigster Motor des Wachstums war der PCT-Test. Seine Etablierung als Goldstandard im Bereich Sepsis und die Zulassung in den USA führten zu dynamisch wachsenden Lizenzeinnahmen und steigenden Warenerlösen.
Der PCT-Test wird in Deutschland aber gar nicht von den Kassen bezahlt …
Das trifft im niedergelassenen Bereich, also beim Hausarzt, zu und ist einer der großen Widersprüche unseres Gesundheitssystems. Der Test unterscheidet ja ganz einfach eine virale von einer bakteriellen Infektion und gibt außerdem Aufschluss über die Schwere der Erkrankung. Besonders bei den häufig auftretenden Atemwegsinfekten kann diese Unterscheidung beim Hausarzt sehr wichtig sein. Wir arbeiteten also sehr daran, dass die Untersuchung auch beim Hausarzt erstattungsfähig wird. In der Klinik wird der Test aber sehr wohl von den Kassen übernommen.
Weil es in der Klinik mitunter um Leben und Tod geht?
Die Sepsis oder Blutvergiftung ist eine lebensbedrohliche Krankheit und weltweit die häufigste Todesursache auf Intensivstationen. Die Überlebenschancen sind bei frühzeitiger Diagnose und Therapie am höchsten. Hier spielt der PCT-Test häufig die entscheidende Rolle. Eine Bestimmung kostet etwa zehn Euro und man hat in wenigen Minuten eine sichere Diagnose, ob eine Sepsis vorliegt.
Wenn der Test virale von bakteriellen Infektionen unterscheidet, könnte man so nicht einen Großteil überflüssig verabreichter Antibiotika einsparen?
Ich sage immer: Jedem Cent in der Diagnostik steht ein Euro in der Therapie gegenüber. Nehmen Sie die Atemwegsinfekte. Mit etwa 75 Prozent stellen sie die häufigste Indikation für einen Antibiotika -Einsatz dar. Aber 80 bis 90 Prozent aller Atemwegsinfekte sind viral bedingt. Dennoch wird im niedergelassenen Bereich in den meisten Fällen auf eine differenzierte Diagnostik verzichtet und ein Antibiotikum verordnet. Das führt zu einer gefährlichen Übertherapie, die nicht nur die Kosten in die Höhe treibt, sondern auch für den sprunghaften Anstieg von Antibiotika-Resistenzen verantwortlich ist.
Seit letztem Jahr bietet B.R.A.H.M.S den PCT-Test zusammen mit zwei Biomarker-Tests für die Notaufnahme an. Welche Aufgabe haben die beiden neuen Biomarker?
Mit der Kombination der drei Biomarker PCT, MR-proANP und MR-proADM haben wir die Möglichkeit geschaffen, der Differenzialdiagnose von Patienten mit akuter Luftnot essenzielle Informationen beizusteuern. Herzinsuffizienz oder Lungenentzündung lautet hier die Frage, die schnell und korrekt zu beantworten ist. Damit steht dem Arzt in der Notaufnahme eine Entscheidungshilfe für den weiteren Behandlungsverlauf zur Verfügung, die darüber hinaus auch ökonomische Vorteile bringt.
Inwiefern ist die Kombination der drei Tests eine ökonomische Entscheidungshilfe?
Etwa ein Fünftel aller Patienten, die in die Notaufnahme kommen, leiden unter akuter Luftnot. Dahinter kann eine lebensbedrohliche Herzinsuffizienz oder eine andere Ursache stecken. Um dies herauszufinden, bedarf es zeit- und ressourcenaufwändiger Diagnostik, was die Arbeitsabläufe in den ohnehin häufig überfüllten Notaufnahmen zusätzlich belastet. Also werden aus Angst vor Fehlentscheidungen Patienten häufiger als nötig als Hoch-Risiko-Patienten eingestuft. Dadurch entstehen unnötig hohe Folgekosten. Mit einer präzisen Diagnostik in kurzer Zeit, wie sie durch die drei Tests ermöglicht wird, können solch teure Fehlentscheidungen vermieden werden.
Außer den „Blockbustern“ zur Diagnose von Sepsis und Herzinsuffizienz beschäftigen Sie sich mit Schilddrüsenerkrankungen. Was können Biomarker in diesem Bereich leisten?
Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den häufigsten Gesundheitsstörungen überhaupt. Labordiagnostische Befunde, die wir mit unseren Tests erheben, spielen eine zentrale Rolle für Differenzialdiagnose und klinische Entscheidungen im weiteren Krankheitsverlauf bei Leiden wie Schilddrüsenüber- und –unterfunktionen sowie Schilddrüsenkarzinomen, aber auch bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie Morbus Basedow und Hashimoto-Thyreoditis. Bei bestimmten Tests, wie etwa dem Test für TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK), sind wir marktführend.
Was plant das Diagnostikunternehmen B.R.A.H.M.S als nächstes?
Unser Ziel ist es, auch weiterhin die Diagnose und damit auch die Behandlung lebensbedrohlichen Krankheiten zu verbessern. In diesem Jahr werden wir einen dritten Herzmarker zur Ausschlussdiagnostik des Herzinfarkts (Akuter Myokardinfarkt, AMI) auf den Markt bringen. Noch in der Entwicklungsphase befinden sich Produkte für den Bereich Schlaganfallerkennung sowie Alzheimer-Demenz. Und was das Unternehmen selbst betrifft: In diesem Jahr dezentralisieren wir unsere internationale Vertriebsstruktur und schaffen 50 neue Arbeitsplätze. Im Übrigen sind wir aufgrund der Umsatzentwicklung in den ersten beiden Quartalen zuversichtlich, dass wir 2009 unser Umsatzziel von 90 Millionen Euro erreichen werden.
Interview: Beatrice HambergerInterview des Monats | August 2009


