. Hochschulmedizin

Krebsmedizin der Charité kämpft um Vergütung von Extra-Leistungen

Seit Jahren fordert die deutsche Hochschulmedizin eine bessere Vergütung. Nun machen die Universitätskliniken mit der Aktionswoche „Wir leisten mehr“ auf die Problematik aufmerksam. Was allein die Krebsmedizin der Charité an Extras leistet, hat das Universitätsklinikum am Dienstag vorgestellt.
Krebsmedizin der Charité kämpft um Vergütung von Extra-Leistungen

Lauterbach, Keilholz: Die universitäre Krebsmedizin leistet Dinge, die nicht ausreichend finanziert sind

Es ist die Schere zwischen kostenintensiver Hochleistungsmedizin und unzureichender Vergütung, die im Mittelpunkt der Aktionswoche „Wir leisten mehr: Die Deutsche Hochschulmedizin" vom 10. bis 14. November steht. Auch die Charité beteiligt sich daran und hat am Dienstag in Berlin die Besonderheiten der universitären Krebsmedizin vorgestellt. Pressevertreter konnten einen weitreichenden Einblick in die Arbeit des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) gewinnen, das mit 7.500 neuen Patienten pro Jahr rund 40 Prozent aller Krebspatienten aus Berlin versorgt. Rund ein Drittel davon leidet an seltenen Tumoren.

„Universitätskliniken versorgen die besonders komplizierten Fälle und sind bei schweren Erkrankungen der letzte Hafen für die Patienten“, erklärte der Ärztliche Direktor der Charité Professor Ulrich Frei auf einer Pressekonferenz am Dienstag. Neben der interdisziplinären Krankenversorgung bringe die Universitätsmedizin die Forschung und innovative Therapiekonzepte ans Patientenbett, verfüge über exzellentes Personal und sei obendrein die Ausbildungsstätte für die Ärzte von morgen. Aber: „Wir leisten Dinge, die nicht ausreichend finanziert sind“, so Frei.

Universitätskliniken bleiben auf hohen Kosten sitzen. Krebsmedizin besonders betroffen

Das bestätigte auch Karl Lauterbach. Der Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion arbeitet in der Bund-Länder-Kommission an einem Eckpunktepapier mit, in dem es auch um die Problematik der Hochkostenfälle von Universitätsklinika geht. „Wir müssen die Art und Weise, wie wir die Krebsbehandlung in den Unikliniken bezahlen, modifizieren“, sagte Lauterbach auf der Pressekonferenz im CCCC. Die Kostensteigerungen seien enorm, würden aber im augenblicklichen Abrechnungssystem nicht ausreichend berücksichtigt. Als eines von vielen Beispielen nannte er die Behandlung von Nebenwirkungen moderner Antikörpertherapien. Hier blieben die Universitätskliniken auf enormen Behandlungskosten sitzen.

Das Problem: Das Fallpauschalensystem (DRG) unterscheidet nicht zwischen dem hoch aufgerüsteten Universitätsklinikum und dem Kreiskrankenhaus um die Ecke. Dabei bedeutet allein die interdisziplinäre Krankenversorgung ein beträchtliches Plus an Personalkosten, ganz zu schweigen vom kostspieligen Labor- und Gerätepark, den die Charité für Diagnostik und Therapie vorhalten muss. Hinzukommt, dass an der Charité – wie an anderen Unikliniken auch – die besonders schweren und damit teuren Fälle landen.

„Austherapierter“ Lungenkrebspatient darf auf Heilung hoffen

Die Besprechung eines solchen Falls konnten Pressevertreter am Dienstag live anhand von streng anonymisierten Daten miterleben. In der Tumorkonferenz „Lungenkrebs“ befassten sich rund 15 Charité Ärzte verschiedenster Fachdisziplinen mit dem Fall eines Lungenkrebspatienten aus Brandenburg. Der 75-jährige Patient war von der erstbehandelnden Klinik als inoperabel eingestuft worden und sollte eine palliative Therapie erhalten. Das Tumorboard der Charité kam allerdings zu einer anderen Einschätzung: Vor acht Tagen haben sich die Thorarxchirurgen vom Campus Mitte an den komplizierten Eingriff gewagt und dem Patienten einen mehr als acht Zentimeter großen Tumor aus dem Lungenflügel entfernt. Der Patient soll nun auf Empfehlung der Tumorkonferenz eine Chemotherapie und Strahlentherapie erhalten und kann den Ärzten zufolge auf eine Heilung hoffen. „Das war ein grenzwertiger Fall, aber ein kurativer Ansatz ist bei diesem Patienten noch möglich“, erläuterte Lungenkrebsspezialist Professor Norbert Suttorp das überraschende Ergebnis.

Wöchentliche Tumorkonferenzen sind ein enormer Personalaufwand

27 derartige Tumorkonferenzen gibt es laut CCCC-Direktor Professor Ulrich Keilholz jede Woche an der Charité. Und immer ist ein ganzes Heer von Ärzten eingebunden, vom Onkologen über den Chirurgen und Patholgen bis hin zu Strahlentherapeuten und weiteren Spezialisten. „Wir halten zu allen Krebsarten wöchentlich eine interdisziplinäre Tumorkonferenz ab, auch zu den ganz seltenen Tumoren“, betonte Keilholz. „So bekommt jeder Patient eine individuelle Therapieempfehlung, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.“ Die interdisziplinäre Expertise ist nach Ansicht des Onkologen einer der Gründe, warum das CCCC immer mehr Krebspatienten auch aus anderen Bundesländern versorgt und zunehmend um eine Zweitmeinung gebeten wird. Als weiteren Grund für den Patientenzulauf nannte er den Zugang zu klinischen Studien und innovativen Therapien. „Von der Phase I bis zur Phase III können wir unseren Patienten klinische Studien anbieten und ihnen damit neue Chancen eröffnen, die sie anderswo nicht bekommen hätten“, so der Krebsexperte. Zudem biete die Charité viele aufwändige Spezialtherapien an.

Eckpunktepapier der Bund-Länder-Kommission soll spürbare Verbesserungen bringen

Ob all das auch die Bundesregierung überzeugen wird, für die Sonderleistungen der Unikliniken Bares drauf zu legen, wird sich zeigen. Bis Ende des Jahres will die Bund-Länder-Kommission das Eckpunktepapier vorlegen. Darin wollen Lauterbach & Co den Mehraufwand von Universitätskliniken offenbar konkret beziffern. Einen abstrakten Systemzuschlag für die Universitätsmedizin hatte Bundesgesundheitsminister Herman Gröhe im August abgelehnt, zugleich aber „spürbare Verbesserungen“ in Aussicht gestellt. 

Foto: © Wiebke Peitz I Charité Universitätsmedizin Berlin

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