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11.06.2009

Rolf D. Müller

Fast ein halbes Jahrhundert stand er im Dienst der Gesundheitskasse. Im Sommer ging der Berliner AOK-Chef Rolf D. Müller in den Ruhestand. Nicht nur der AOK bleibt der 63-Jährige als Mitglied treu, auch dem Berliner Gesundheitswesen will er als Berater in Sachen Prävention erhalten bleiben.

Rolf D. Müller

Der Treue: Ein halbes Jahrhundert bei der AOK

Berliner Porträts Geehrt: Am 1. Oktober 2007 bekam Rolf D. Müller den Verdienstorden des Landes Berlin verliehen  Ein ganzes Arbeitsleben in einem Unternehmen zu verbringen, das ist selbst in der Generation Müller eher selten. Noch seltener, dass es ein Lehrling zum Top-Manager schafft. Rolf D. Müller hat es geschafft. „Meine Karriere war zielstrebig geplant“, resümiert Müller, der mit 14 Jahren auf Wunsch seiner Eltern eine Lehre als Krankenkassenangestellter bei der AOK Wuppertal begann. „Ich habe meinem damaligen Chef gesagt, dass ich seinen Posten übernehmen will.“ Mehr als Recht sollte er behalten. Er besuchte die Verwaltungsakademie und erlangte, wie er nicht ohne Stolz erzählt, „die Befähigungsnachweise für gehobene und höhere Funktionen.“ Mit 26 war er bereits stellvertretender Leiter eines AOK-Bildungszentrums, weitere Führungspositionen folgten, bis er 1991 schließlich zum Vize Chef der AOK in die Hauptstadt berufen wurde. 1996 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der größten Krankenkasse Berlins gewählt.

„Müller war ein Glücksfall für die Stadt“ (Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung)

Wenn Rolf D. Müller heute nach seinen beruflichen Meilensteinen gefragt wird, dann nennt er an erster Stelle die „Entwicklungshilfe“ nach der Wiedervereinigung. Die AOK Dresden und den AOK-Landesverbandes Sachsen hat er damals aufgebaut – eine Aufgabe, die aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung überragend gewesen sei. Aber auch den Umund Aufbau des Berliner Gesundheitswesens, den er an der AOK-Spitze aktiv mitgestaltete, rechnet Müller auf seine Habenseite. „Mit einer hervorragenden Mannschaft haben wir ein bundesweit einmaliges Pflegeheimmodell auf den Weg gebracht, das die ambulante Versorgung durch Ärzte in den Heimen regelt und als Lösung in der Pflegereform dient. Ebenso erfolgreich waren unsere vertraglichen Vereinbarungen für schwerkranke Versicherte vor allem auf den Gebieten: Onkologie, Rheumatologie, Geriatrie, Palliativ-Medizin einschließlich Home-Care-Versorgung.“

Als wegweisend bezeichnet Müller auch die Vereinbarungen mit den Klinikkonzernen Vivantes, Charité und Helios. So habe etwa der 2002 mit dem landeseigenen Klinikkonzern Vivantes abgeschlossene 5-Jahres-Vertrag das Budget jährlich um 20 Millionen gesenkt. „Das war für beide ein Gewinn: Die Krankenkassen wurden entlastet und Vivantes bekam Planungssicherheit.“ Unterm Strich und unter Erhöhung der Versorgungsqualität hätten die hoch engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AOK Berlin in den letzten Jahren Wirtschaftlichkeitsreserven von rund 400 Mio. Euro erschlossen, betont Müller. Ein Erfolg, den auch Dr. Günter Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer zum Abschied zu würdigen wusste: „Die AOK Berlin ist die effizienteste Krankenkasse Deutschlands.“

Dabei ist Müller gar nicht der knallharte Sanierer, sondern gilt als ein Mann mit sozialer Verantwortung. Einer, der vor der Zwei-Klassenmedizin warnt und dem die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland am Herzen liegt. „Unser Land hat das mit am besten funktionierende Krankenversicherungssystem weltweit“, sagt Müller. Bedauerlicherweise sei dies nicht im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. „Ich wünsche mir auch aus meinen Lebenserfahrungen in anderen Ländern, dass das System in seinen Grundzügen erhalten bleibt.“ Dazu müssten wir alle sorgsamer mit den Ressourcen des Systems umgehen und jeder Einzelne mehr Eigenverantwortung übernehmen als bisher.

Er möchte die Stabilität der Prinzipien von Solidarität, Subsidiarität und Selbstverwaltung bei großer Staatsferne erhalten

Rolf D. Müller weiß, wovon er spricht. Seit 1958 hat der Veteran des deutschen Krankenkassenwesens alle Höhen und Tiefen des Systems miterlebt und selbst viele Problemstaus aufgelöst. Die AOK Berlin kurz nach der Wiedervereinigung zu übernehmen, war eine monströse Aufgabe und sicher die größte Herausforderung seines Lebens. Als Rechtsnachfolgerin der ehemaligen Sozialversicherung der DRR musste die AOK sowohl Mitglieder als auch Mitarbeiter aus dem Ostteil der übernehmen. Für Müller hieß das auch, 1.000 Arbeitsplätze abzubauen. Er schaffte es ohne betriebsbedingte Kündigung.

Freilich kann auch ein Spitzenmann wie Müller nicht alle Probleme lösen. So musste der Gesundheitskassen-Chef immer wieder Antworten auf Fragen nach Mitgliederverlusten und Finanztransfers aus der AOKGemeinschaft trotz des beachtlichen Beitragssatzes geben. Diese Fragen kann nun sein erfahrener Nachfolger Werner Felder beantworten.

Der Neuruheständler möchte da wo erforderlich, seine Kenntnisse und Erfahrungen einbringen, besonders in der Prävention. Ansonsten nimmt er sich die Freiheit, endlich die Dinge zu tun, die in 50 Arbeitsjahren zu kurz gekommen sind: Reisen, Kunst und Kultur. Begleitet wird er dabei von seiner Frau, die ihm in 41 Jahren Ehe ein kritischer, konstruktiver und stets zuverlässiger Ratgeber gewesen sei. Wie es sich so anfühlt ganz ohne AOK? Was für eine Frage. Einer wie Müller bleibt für immer seiner Kasse treu.

Beatrice Hamberger
BERLIN MEDICAL 04–August 2007