Professor Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen
„Alte haben keine Lobby“
Altersmedizin, das ist das eine Feld, das Professor Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen umtreibt - ein Feld, das in Deutschland, mit nur fünf Lehrstühlen, eher ein Schattendasein fristet. Berlin sei – vergleichsweise mit anderen Gebieten Deutschlands – gut aufgestellt, sagt sie. Immerhin habe die Stadt einen Lehrstuhl dafür. Den Ruf auf eine C4-Professur im Fachgebiet Innere Medizin/Geriatrie erhielt die Flensburger Internistin 1997 in Berlin, zwei Jahre nachdem sie die ärztliche Leitung des Evangelischen Geriatriezentrums übernommen hatte. Das Zentrum kooperiert eng mit der Charité und ist ein Bundesmodell Projekt, das sich durch ein abgestuftes Versorgungskonzept auszeichnet. 132 geriatrische Patienten werden hier in der Akut-Klinik medizinisch versorgt. „Das Besondere an diesem Geriatriezentrum ist aber, dass es hier neben der Klinik ein Pflegeheim für 50 Patienten gibt, eine Beratungsstelle für alle Fragen rund ums Alter, die für jeden offen steht, eine Tagespflege mit 12 Plätzen und eine Akademie für Fort- und Weiterbildung“, erklärt Steinhagen-Thiessen, die das Zentrum mit aufgebaut hat und mit Stolz auf diese Leistung blickt.
„Wir müssen in der Geriatrie sehr viel Fort- und Weiterbildung machen: für Ärzte, Krankenschwestern und Therapeuten“
Auf die qualifizierte Ausbildung legt sie besonderen Wert, denn die Probleme des „alten Kranken“ seien längst noch nicht in allen Köpfen angekommen. „Alte haben keine Lobby“, sagt sie, und seien die ersten, für die sich unser Medizinsystem auf Grund der Ressourcenknappheit dramatisch verschlechtere. Nicht zuletzt deshalb, auch angesichts der demographischen Entwicklung, entwickelt und initiiert sie Forschungsprojekte für eine bessere, zukunftsweisende Altersmedizin. So zum Beispiel das Forschungsprojekt „Moderne Technik und Alter“, das sie kürzlich zusammen mit anderen Arbeitsgruppen beantragt hat. Additiv könne moderne Technik mit Hilfe geriatrischen Sachverstands maßgeschneidert auf den alten Patienten durchaus Mediziner und Pflege unterstützen, zum Beispiel bei der Prävention von Stürzen, Überwachung der Therapien usw. Optimistisch stimmte sie ein Pilotprojekt mit 25 multimorbiden über Achtzigjährigen, die sehr wohl in der Lage waren, über einen Bildschirm mit dem Kompetenzzentrum und Angehörigen zu kommunizieren.
Ihr vielleicht bekannteste Forschungsprojekt ist BASE – die Berliner Altersstudie mit über 2.000 Probanden, die sie zusammen mit drei weiteren Kollegen aus der Charité vor zwölf Jahren begonnnen hat und die – noch immer weiterlaufend – stetig neue Daten und Erkenntnisse zu Tage fördert. Steinhagen- Thiessen, die sich selbst als „geradeaus“ und „unerbittlich in der Sache“ bezeichnet, legt großen Wert auf internationalen Wissensaustausch. So entwickelt sie zum Beispiel gerade zusammen mit der amerikanischen Johns- Hopkins-Universität, Abteilung für Geriatrie, ein Forschungsprojekt zum Thema „Wundheilung und Mangelernährung in der Geriatrie“ – ein Thema, das ein weites Forschungsfeld eröffnet.
Kaum ein Mensch kennt besser die Erkrankungen und Nöte alter Menschen, das Wissen darüber mache sie nicht ganz angstfrei vor dem eigenen Alter, gibt sie zu. Andererseits weiß wohl kaum jemand besser als sie, wie man sich vor gewissen Leiden schützen und wo man im Notfall Hilfe holen kann. „Baustellen“ nennt sie die Probleme, die sie anpackt und die sie zusammen mit ihren Mitarbeitern in erfolgreiche Projekte umwandelt. Unzählige gibt es davon, darunter die Zertifizierung des Geriatriezentrums, die Durchsetzung spezieller geriatrischer DRGs und OPSDaten sowie die Gestaltung von Verträgen zur integrierten Versorgung (IV). Letzeres treibt sie auch in ihrem zweiten Feld – den Stoffwechselerkrankungen – um. Hier hat sie bereits zur Plasmapherese einen IV-Vertrag auf den Weg gebracht, ein zweiter zum Metabolischen Syndrom und Adipositas ist im Entstehen. Eine weiteres Projekt nennt sich „RAN“ (Rückensschmerz, Adipositas und Nikotin), ein Gemeinschaftsprojekt mit Siemens zur Prävention kardiovaskulärer Risikofaktoren, das am 24. Mai startet. Rund 1.000 Siemens- Mitarbeiter werden von Charité-Ärzten untersucht und befragt, in Risikogruppen unterteilt und erhalten dann eine entsprechende Intervention.
Immer in Bewegung
Neben der Patientenversorgung in der Klinik und im Stoffwechselzentrum prägen weitere „Baustellen“ den Tagesablauf der agilen Professorin, die an zwei Standorten tätig, eigentlich immer in Bewegung ist. Die Frau, die schon als Kind Ärztin werden wollte, und sich während ihrer Ausbildung von hoch motivierten Ärzten in ihrer Berufswahl bestätigt sah, macht Medizin aus Leidenschaft. Diese Leidenschaft versprüht sie förmlich, wenn sie von ihren Projekten spricht. Ob es bei diesem Tagespensum auch ein Privatleben gibt?
Auch das gibt es, oh ja. Die Reisen mit dem Camperwagen durch die ganze Welt will sie sich nicht nehmen lassen genauso wenig wie die Gartenarbeit, bei der sie den nötigen Abstand zu ihrer Arbeit findet. Doch um da hin zu kommen, bedarf es der ihr eigenen Disziplin, denn oft muss sie sich zwingen, einfach die Tür abzuschließen und Auf Wiedersehen zu sagen.
Beatrice Hamberger
Berlin Medical 02–Juni 2006

