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01.06.2009

Prof. Dr. med. Hartwig Bauer

Seit Hartwig Bauer die Geschicke der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) lenkt, haben sichalle Säulen der Chirurgie wieder unter einem Dach vereint. 14.000 Chirurgen sprechen jetzt mit einerStimme. Für die gemeinsamen Interessen ist das gut so.

Prof. Dr. med. Hartwig Bauer

„Wir müssen über Prioritäten reden“

Dass Hartwig Bauer mal ein begeisterter Leistungssportler war, sieht man ihm an. Drahtig kommt der 67jährige Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie daher. Früher, da habe er keinen bayerischen Berg ausgelassen, ob als Höhenbergsteiger oder Skifahrer, erklärt er. Nicht selten sei er dabei mit Sportverletzungen im nächsten Kreiskrankenhaus gelandet. Für den sportlichen Bayer war das offenbar kein Beinbruch. Denn hier wurde der Grundstein für eine lange Leidenschaft gelegt: Die Chirurgie hat den ohnehin an physiologischen Zusammenhängen interessierten Zahnarztsohn so fasziniert, dass er Chirurg geworden ist. Und ein leidenschaftlicher noch dazu.
„Die Chirurgie bietet wie kein anderes Fach Erfolgserlebnisse“, sagt Bauer. „Denn der Erfolg hängt entscheidend von der eigenen Hände Arbeit ab.“ Dafür habe er gerne ein hohes Maß an Verantwortung und die damit verbundenen Belastungen auf sich genommen. Obwohl Bauer seit sechs Jahren nicht mehr operiert, rufen ihn immer noch ehemalige Patienten an.
Nachhaltig ist deren Dankbarkeit. Solche Erfolgserlebnisse sind wichtig, betont Bauer. Sie seien der Motivationsfaktor dieses Berufes und der Grund, warum er
niemals etwas anderes hätte sein wollen als Chirurg.

Vielleicht auch wichtig, um das aufzufangen, was man Niederlagen nennt,
Komplikationen bei der Operation zum Beispiel? Bauer hat klare Vorstellungen,
wie er mit Fehlschlägen umgeht. Die analytische Aufarbeitung und die Reflexion
des Geschehens, auch aus Sicht aller Mitbeteiligten. „Sich immer wieder die Frage stellen, was man wirklich hätte besser machen können und was man tun kann, um eine Wiederholung zu vermeiden.“ Jenseits vom analytischen Aufarbeiten sei da noch der emotionale Rückhalt in der Familie. Ein ganz wichtiges Element in Bauers Leben. Der Rückhalt, den er bei seiner Frau, mit der er 41 Jahre glücklich verheiratet ist, und den beiden erwachsenen Töchter findet. Bald kommt das zweite Enkelkind. Das Glück sei auf seiner Seite, findet Bauer.

Hartwig Bauer, der das Leben in seiner Heimat liebt und mit seinem dicken
Schnurrbart auf den ersten Blick wie ein bayerisches Urgestein wirkt, ist auf den zweiten ein feinfühliger, redegewandter und vom humanistischen Gymnasium
geprägter Mann.Wie Erich Lexer betrachtet er die Chirurgie als Verbindung von
Handwerk, Wissenschaft und Kunst. Was diese Synergie bedeutet, hat er in
seinen fünfunddreißig aktiven Chirurgen-Jahren versucht, bei seinen Patienten
umzusetzen.

1967 promoviert Bauer in München. Moderne Bildgebung gibt es noch nicht,
bestenfalls ein paar verschwommene Ultraschallbilder, die Endoskopie war in
den Anfängen. Chirurgen operieren damals von Kopf bis Fuß, quer über alle
Organe. „Ich betrachte es als Geschenk, dass ich so umfassend ausgebildet wurde“, sagt Bauer. „Aber ich trauere dieser Zeit nicht nach.“ Die Chirurgie sei, Dank des medizinischen Fortschritts und der zunehmenden Spezialisierung, wesentlich erfolgreicher, schonender und sicherer geworden. Die Bildgebung, Möglichkeiten des Organersatzes, die minimal invasive Chirurgie und Fortschritte in der Anästhesiolgie und Intensivmedizin, die heute auch komplexe Eingriffe in jedem Lebensalter oder bei Hochrisikopatienten möglich machen, bezeichnet Bauer als Meilensteine für die Chirurgie. Glücklich ist er, dass er diese Ära miterleben durfte.

1977 habilitiert sich Bauer, 1980 wird er zum Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München ernannt. Ein Jahr später, mit nur 38
Jahren, wird Hartwig Bauer Chefarzt der chirurgischen Abteilung und Ärztlicher
Direktor der Kreisklinik Altötting, eines akademischen Lehrkrankenhauses der
TU München. Der junge Chef ist damals Facharzt für Chirurgie und für das Teilgebiet Unfallchirurgie. Schon früh führt er in Altötting ein innovatives Krankenhausmanagement ein, Dinge etwa wie Qualitätsberichte oder die Zertifizierung sämtlicher Abteilungen – lange bevor diese gesetzlich vorgeschrieben wird. Und er ist einer der ersten in der Region, der die minimal invasive Chirurgie einführt.

Bauer glaubt, dass vieles nicht hätte gesetzlich geregelt werden müssen,
wenn sich die Ärzte früher bewegt hätten, gewisse Dinge freiwillig zu tun.
„Nehmen Sie die Mindestmengenregelung. Die wäre heute nicht Vorschrift,
wenn Ärzte von sich aus bereit gewesen wären, bestimmte Eingriffe spezialisierteren Häusern zu überlassen.“ Ohne anzuprangern, aber um Ursache und Wirkung aufzuzeigen, spricht Bauer auch unbequeme Wahrheiten aus. Nicht erst seit 2003, seit er sich hauptamtlich als Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie für die Belange der Chirurgen engagiert. Bauer hat sich über Mitgliedschaften in vielen Fachgesellschaften und Gremien sowie durch zahlreiche Publikationen und Vorträge stets berufspolitisch engagiert.

Schon Anfang der 1990er Jahre prophezeit er das Aus für den Halbgott in Weiß, ein Begriff, den er nicht gerne hört. Eine medizinisch-fachliche und wissenschaftliche Qualifikation und Reputation allein reiche nicht mehr aus,
um Führungsverantwortung übernehmen und als kompetenter Partner in der
Klinikleitung agieren zu können, postuliert Bauer und fordert von Chefärzten
gesamtunternehmerisches Denken und Handeln. Dass er selbst 22 Jahre lang
Chefarzt und Klinikmanager ist, macht ihn zum Leitbild für die Chirurgen. Stets
hat er das, was er von anderen verlangt, selbst vorgelebt. Heute ist das Thema
„Ärztliche Führung“ in aller Munde. Und die DGCH bietet entsprechende Weiterbildungskurse an.

„Wirtschaftlichkeit und Humanität in der Krankenversorgung darf nicht als Gegensatz, sondern muss als ständige ärztliche Herausforderung begriffen
werden“

Auch sein stetiges Bestreben, Humanität in der Krankenversorgung mit Effizienz
und Ökonomie in Einklang zu bringen, gehört heute zu den Mantras im
Gesundheitswesen. Bauer ist einer der ersten, der den Bogen zwischen Ökonomie und Ethik spannt. „Ökonomie in der Medizin ist per se nicht unethisch“, sagt Bauer. „Denn Unwirtschaftlichkeit ist, wenn dadurch Mittel verbraucht werden, die dann für eine notwendige qualifizierte Versorgung nicht mehr zur Verfügung stehen, auch zutiefst inhuman.“ Konsequenterweise hat er als Präsident der DGCH „Ökonomie und Effizienz in der Chirurgie“ 1997 auch zum Leitthema seines Kongresses gemacht.

Wirtschaftliches Handeln gehöre zu den selbstverständlichen Pflichten eines
jeden Arztes, ist Bauer überzeugt. Aber er wehrt sich dagegen, das Thema Rationierung im Gesundheitswesen weiterhin allein auf der Arzt-Patienten-Ebene zu belassen. Für das Vertrauensverhältnis sei das schädlich. Bauer fordert mehr Ehrlichkeit von der Politik. „Wir müssen endlich über Prioritäten reden und eine offene gesellschaftliche Diskussion darüber führen, was medizinisch sinnvoll machbar wäre und was noch bezahlbar ist“, sagt Bauer. „Man kann nicht mehr so tun als sei mit den endlichen Mitteln des GKV-Systems eine unendliche Versorgung machbar.“
Nicht erst seit die Endlichkeit der Mittel allgegenwärtig ist, tritt Bauer für eine konsequente Nutzenbewertung ein. Aber seit er Sprachrohr von 14.000 Chirurgen ist, gewinnt die Bewertung von
Innovationen an Brisanz. Nicht zuletzt durch GBA und IQWIG hat ein neues Zeitalter der bewerteten Medizin begonnen. Neue Verfahren wie zurzeit etwa
„Notes“ (Endoskopische Operation durch natürliche Körperöffnungen) müsse man sehr kritisch analysieren und vor allem verhindern, dass sie sich gleich ausbreiten wie ein Flächenbrand. Denn selbst wenn sich ein neues Verfahren in einer klinischen Studie bewährt habe, heiße das noch lange nicht, dass es wirklich nutzbringend für Patienten in der Routineversorgung sei, mahnt Bauer. Ein passendes Bild hat er auch gleich parat: „Wenn man einen neuen Hammer hat, sieht alles plötzlich wie ein Nagel aus“.

Was ist wirklich Fortschritt?

Um Nägel mit Köpfen zu machen, oder wie Bauer gerne sagt, „nicht nur die Dinge richtig, sondern auch die richtigen Dinge zu tun“, hat die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ein eigenes Studienzentrum unter Nutzung der Infrastruktur des Heidelberger Uniklinik aufgebaut. Gute klinische Studien in der Chirurgie soll das Zentrum durchführen, die qualifizierte Daten liefern. Daten, die darüber aufklären sollen, was Fortschritt wirklich ist. Dafür braucht es Geduld. Am Ende, und das oft erst nach vielen Jahren, muss immer der Patientennutzen stehen. „Die Versorgungsforschung ist extrem spannend, weil sie uns zeigt, was nicht nur innovativ ist, sondern wirklich einen Fortschritt für den Patienten bedeutet“, sagt Bauer.

Auf der Prioritätenliste des Generalsekretärs der Deutschen Chirurgen steht
auch das Thema Weiterbildung. Für mehr Qualität in der Facharztausbildung hat er sich jahrelang eingesetzt. 2003 wurde die Weiterbildungsordnung neu
strukturiert. Die früheren Schwerpunkte der Chirurgie und zuvor eigenständige
Gebiete wie die Orthopädie, Kinder-, Herz- oder Plastische Chirurgie haben
seither einen „Common Trunk“. Das heißt zwei Jahre gleiche Grundausbildung
für alle mit den Grundlagen des Faches wie chirurgische Onkologie, Intensiv- und Notfallmedizin. Dann vier Jahre Ausbildung in der jeweiligen Fachdisziplin mit der Möglichkeit, sich über Zusatzweiterbildungen noch weiter zu spezialisieren.
Das Zurückfinden zu den chirurgischen Wurzeln ist es, was Bauer sich auf seine Habenseite buchen kann. Ausdruck findet dies auch in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Alle acht Fachgesellschaften des Gebietes Chirurgie
und auch die Neurochirurgen haben sich inzwischen unter dem Dach der DGCH vereint. Bauer ist stolz, dass er zu dieser „Wiedervereinigung“ einen Beitrag leisten konnte. Und obendrein noch im legendären Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin-Mitte, der ursprünglichen Heimstätte der Gesellschaft. Wichtig findet er nämlich, bei allem Respekt gegenüber den einzelnen Spezialitäten, dass das Gemeinsame wieder in den Vordergrund getreten ist. So können die Interessen
der Chirurgen besser gebündelt und in einer starken Gemeinschaft nach außen vertreten werden. Die Chirurgen sprechen jetzt mit einer Stimme. Seit 2003 ist es Hartwig Bauers Stimme.

Weitere Informationen:

PROF. DR. MED. HARTWIG BAUER wurde 1942 in Eichstätt,
Bayern, geboren und studierte in München Humanmedizin.
1977 an der Ludwig-Maximilans-Universität München habilitiert,
wurde Hartwig Bauer dort 1980 zum Professor ernannt. Von
1981 bis 2002 war Bauer Chefarzt der chirurgischen Abteilung
und Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Altötting. Seit 2003 ist er
hauptamtlich Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für
Chirurgie. Seine innovativen Leistungen als Klinikchef und sein
soziales Engagement – u. a. Unterstützung von Krankenhäusern
in Ungarn, der Ukraine, Rumänien und Togo und bei der Versorgung
kriegsverletzter Kinder aus Krisengebieten – wurde 2006
vom Bundespräsidenten mit der Verleihung des Verdienstkreuzes
am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt.
Bauer hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit seiner Frau in Neuötting, Bayern.